Adolphe Quetelet und die Klassische Schule der Kriminologie
Adolphe Quetelet (1796–1874)
Der in Belgien geborene Adolphe Quetelet gilt als Begründer der kartographischen Schule. Im Rahmen seiner statistischen Untersuchungen zur Geographie Europas untersuchte er die Verteilung verschiedener Phänomene. Besonders sein Interesse an der Kriminalität führte zur Veröffentlichung seines Hauptwerks „Über den Menschen und die Entwicklung seiner Fähigkeiten“ (1835), besser bekannt als „Soziale Physik“.
Quetelet vertrat die Ansicht, dass menschliche und gesellschaftliche Ereignisse durch allgemeine Naturgesetze geregelt werden. Er strebte eine Wissenschaft an, die als „Social Engineering“ fungiert und der Himmelsmechanik von Laplace entspricht. Seine Methode basierte auf der Statistik.
Schlussfolgerungen zur Kriminalität
Durch die Untersuchung der Kriminalität als kollektives Phänomen gelangte Quetelet zu drei zentralen Erkenntnissen:
- Soziales Phänomen: Kriminalität ist statistisch nachweisbar. „Die Gesellschaft trägt in sich den Keim aller begangenen Verbrechen.“
- Regelmäßigkeit: Verbrechen treten jährlich mit erstaunlicher Präzision und Regelmäßigkeit auf, was Prognosen ermöglicht.
- Multifaktorielle Ursachen: Faktoren wie Armut, Geographie, Analphabetismus und Klima spielen eine Rolle, wobei keine einzelne Ursache allein ausschlaggebend ist.
Die „Thermischen Gesetze“
Quetelet formulierte drei Gesetze zur Abhängigkeit der Kriminalität von klimatischen und saisonalen Faktoren:
- Eigentumsdelikte im Winter: Aufgrund der schwierigeren Lebensbedingungen und saisonaler Phänomene (z. B. Weihnachtszeit) steigen Eigentumsdelikte im Winter an.
- Gewaltdelikte im Sommer: Höhere Temperaturen und längere Tage fördern soziale Kontakte, Alkoholkonsum und zwischenmenschliche Konflikte.
- Sexualdelikte im Frühjahr: Quetelet sah hier Parallelen zur Brunftzeit im Tierreich sowie soziopsychologische Faktoren nach der Winterzeit.
Die Kartographische Schule
Die kartographische Schule legte den Grundstein für die moderne Kriminologie, auch wenn ihr Beitrag durch den späteren Mythos um Cesare Lombroso teilweise in den Hintergrund gedrängt wurde. Sie betrachtet Kriminalität als messbares Massenphänomen und nutzt quantitative Methoden zur Analyse sozialer Tatsachen.
Die Klassische Schule der Kriminologie
Die „Klassische Schule“ ist keine homogene Gruppe, sondern eine Strömung, die das Erbe der Aufklärung (Liberalismus, Rationalismus, Humanismus) antrat. Ihre Lehren lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Logisch-abstrakte Methode: Deduktives Vorgehen vom Allgemeinen zum Besonderen.
- Naturrecht: Die philosophische Basis ist ein rationales Naturrecht.
- Rechtlicher Begriff: Kriminalität ist ein juristischer Begriff, keine bloße Einzeltat.
- Freier Wille: Die moralische Verantwortung basiert auf der kognitiven und volitionalen Freiheit des Täters.
- Strafzweck: Strafe dient der Vergeltung, Prävention und sozialen Verteidigung.
- Staatliches Strafmonopol: Nur der Staat darf strafen.
- Legalitätsprinzip: „Nullum crimen, nulla poena sine lege“ (Kein Verbrechen, keine Strafe ohne Gesetz).
Historisch gesehen wurde der Begriff „Klassische Schule“ erst durch Enrico Ferri geprägt, um die Denker nach Beccaria zusammenzufassen. Als bedeutendster Vertreter gilt Francisco Carrara.