Gregorianischer Choral und mittelalterliche Musik: Grundlagen, Notation und Polyphonie
Geistliche Musik
Gregorianischer Choral: Der gregorianische Choral ist ein breit gefächertes musikalisches Repertoire der katholischen Kirche und wurde zum offiziellen Liedgut der katholischen Kirche. Seine Merkmale sind:
- monodisch (einstimmig)
- rhythmisch frei
- modal (kein Dur-Moll-System; die Musik bewegt sich in den Kirchentonarten)
- Gesang ohne Begleitung (a cappella)
- syllabisch, neumatisch und melismatisch gestaltet
- responsorial bzw. im Wechselgesang gesungen
- Ambitus: begrenzter Tonumfang
Einstimmigkeit und Mehrstimmigkeit
Der gregorianische Choral ist einstimmig, spätere Musik des Mittelalters ist meist mehrstimmig (polyphon).
Notation
- Neumen: Die Neumen sind Zeichen, die ursprünglich den Verlauf der Melodie anzeigten, ohne die genaue Tonhöhe festzulegen. Sie dienten als Gedächtnisstütze für bereits bekannte Gesänge.
- Liniennotation: Durch Linien wurden die Tonhöhen präzise festgelegt. Ein Schlüssel (Zeichen) gab die Position eines Tones an.
- Mensuralnotation: Jede Note besitzt ein System, das die feste Dauer im Verhältnis zu anderen Noten bestimmt.
- Tetragramm: Ein System aus vier Linien, das Benediktinermönch Guido von Arezzo (ca. 990–1050) entwickelte.
Verschiedene Arten von Fragmenten: silbisch (jeder Ton entspricht einer Silbe), neumatisch (zwei bis drei Töne pro Silbe), melismatisch (viele Töne auf einer Silbe).
Organum
Das Organum (9.–10. Jahrhundert) ist eine frühe Form der mehrstimmigen Komposition, bei der zum gregorianischen Choral eine zweite Stimme hinzugefügt wird. Es entwickelte sich aus der einstimmigen Musik und wurde von verschiedenen Autoren weiterentwickelt.
Weltliche Musik
Weltliche Musik wurde vor allem von Troubadouren und Spielleuten komponiert und aufgeführt. Sie war meist einstimmig und wurde oft von Musikinstrumenten begleitet. Instrumentale Musik wurde bei beliebten Festen und Feiern gespielt.
Musikalische Klangqualität
Die Klangqualität (Timbre) von Musik wird durch mehrere Parameter bestimmt:
- Dauer (Länge): Abhängig von der Zeit, die ein Ton klingt. Der Rhythmus entsteht durch die Anordnung unterschiedlich langer Töne innerhalb eines Pulses.
- Tonhöhe: Abhängig von der Frequenz der Schwingung. Hohe Frequenzen erzeugen hohe, scharfe Klänge, niedrige Frequenzen tiefe Klänge. Eine Melodie entsteht durch die Abfolge unterschiedlicher Tonhöhen; die Harmonie entsteht durch das Zusammenklingen mehrerer Melodien.
- Intensität (Lautstärke): Abhängig von der Amplitude der Schallwelle. Größere Amplitude bedeutet einen lauteren Klang. Dynamische Bezeichnungen wie ff, f, mf, p, pp beschreiben Veränderungen der Lautstärke.
- Klangfarbe: Abhängig vom schwingenden Material und der verwendeten Technik. Die Instrumentierung beschreibt die Kombination verschiedener Instrumente, z. B. Aerophone (Blasinstrumente), Chordophone (Saiteninstrumente), Idiophone und Membranophone.
Elemente der musikalischen Komposition
- Monodische Textur: Eine Melodie, auch wenn sie in verschiedenen Stimmen oder von Instrumenten gespielt wird.
- Kontrapunktische Textur: Gleichzeitig erklingende, eigenständige Melodien, ohne dass eine Stimme betont wird.
- Homophone Textur: Eine Melodie wird von akkordischer Begleitung getragen.
- Nicht-melodische Struktur: Fehlen einer ausgeprägten Melodie.
- Gemischte Textur: Kombination verschiedener Texturen.
Merkmale der Polyphonie des Mittelalters
- 9. Jahrhundert – Organum: Zum gregorianischen Choral wird eine Stimme in parallelen Bewegungen hinzugefügt.
- 12.–13. Jahrhundert – Discantus: Zum gregorianischen Choral wird eine zweite Stimme in Gegenbewegung hinzugefügt.
- 14. Jahrhundert – Ars nova: Rhythmisch differenzierte Polyphonie mit drei oder mehr gemessenen Stimmen; der gregorianische Choral wird teilweise durch tiefe Instrumente ersetzt.
Sequenzen und Tropen: Sie ergänzen den gregorianischen Choral. Tropus: Neuer Text und neue Melodie (Melisma) werden eingefügt, sodass jede Note einer Silbe entspricht. Sequenz: Text wird entlang des Melismas der letzten Silbe des Alleluia angewendet.
Melodien der Troubadours
- Einstimmig, oft mit instrumentaler Begleitung
- Beteiligung von Frauen (Sprache und Bildung)
- Verwendung von Volkssprachen (Okzitanisch, Galicisch, Deutsch u. a.)
- Gemessener Rhythmus
- Thematisch weltlich (höfische Liebe, Politik u. a.)