Grundlagen und Strukturen der Politikwissenschaft
1.1. Historische Entstehung der Politikwissenschaft
Die Politikwissenschaft ist eine Disziplin, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte. Zwar gab es frühere Studien zu diesem Thema, doch die Politikwissenschaft im engeren Sinne entstand erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Wir unterscheiden zwei verschiedene Ansätze:
- Westeuropa: Die europäische Politikwissenschaft interessiert sich stärker für Institutionen, politisches Verhalten und historische Daten, wobei zeitgenössische Ereignisse oft zugunsten einer Analyse der Vergangenheit in den Hintergrund treten.
- USA: Die US-Politikwissenschaft legt mehr Gewicht auf die Untersuchung des politischen Verhaltens und konzentriert sich auf aktuelle Ereignisse. Zudem gibt es eine größere Neigung zu empirischen oder experimentellen Techniken.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Politikwissenschaft im strengen Sinne in Amerika stärker entwickelt hat als in Westeuropa.
1.4. Ziele der Politikwissenschaft
- Entdecken von Unregelmäßigkeiten und deren Überprüfung
- Ausbau strenger Beobachtungstechniken
- Quantifizierung von Daten
- Unterscheidung zwischen Werten und Fakten
- Systematisierung von Wissen
- Erleichterung der Integration der Sozialwissenschaften
1.5. Wichtige Themen
Die Politikwissenschaft umfasst Aufgaben wie Beschreiben, Erklären und Vorhersagen. Oft konzentrieren sich Politologen auf eine dieser Aufgaben, meist die Beschreibung.
Zudem ist die Nutzung anderer Wissensformen essenziell:
- Soziologie: Liefert Daten über das politische System als Teilsystem.
- Wirtschaft: Analyse knapper Ressourcen.
- Geschichte: Verständnis für den Ursprung von Institutionen.
- Recht: Analyse des sozialen Gefüges.
- Psychologie: Untersuchung der Individuen als Verbindung zwischen Systemen.
1.6. Mängel der Politikwissenschaft
- Provinzialismus: Überbetonung des Naheliegenden, wodurch allgemeine Gesetze vernachlässigt werden.
- Deskriptivismus: Fokus auf reine Beschreibung ohne Erklärung oder Vorhersage.
- Formalismus: Zu starker Fokus auf rein formale Variablen.
1.8. Perspektiven nach Dahl
- Fortschritte bei der Quantifizierung von Daten.
- Entwicklung neuer Theorien zur Analyse allgemeiner Probleme.
- Umfassende Nutzung der Historie.
- Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse des politischen Alltags.
- Notwendigkeit der Spekulation zur Anregung der Überlegungen.
2.2. Der moderne Staat
2.2.1. Merkmale des modernen Staates
- Territoriale Einheit.
- Starke zentrale Macht.
- Reduktion feudaler Mächte.
- Verringerung der Macht der Kirche.
- Entwicklung von Infrastruktur (Armeen, Bürokratien, Diplomatie).
2.2.2. Politische Voraussetzungen
- Idee des Staates als rationales Unternehmen.
- Wahrnehmung der Gerechtigkeit (weltliche Gesetzgebung).
- Idee des öffentlichen Dienstes (Verwaltung, Diplomatie, stehende Heere, Steuersystem).
- Staat als Inhaber des Gewaltmonopols.
- Gleichheit der Untertanen.
- Klassen-Status (Gleichgewicht zwischen Adel und Bürgertum).
2.3. Theoretiker des modernen Staates
- Machiavelli: Pionier der deduktiven Methode; der Zweck heiligt die Mittel.
- Hobbes: Der Mensch als Wolf; Übertragung der Macht an einen Souverän (Leviathan) zur Sicherung des Friedens.
- Bodin: Begründer des Souveränitätsbegriffs als höchste und absolute Macht.
2.5. Kapitalismus und liberale Revolutionen
Meilensteine der Entwicklung:
- Englische Revolution (1688).
- Gründung der USA (1776).
- Französische Revolution (1789).
- 19. Jahrhundert in Europa (unterschiedliche Modelle: Frankreich vs. Deutschland).
2.6. Gewaltenteilung und Rechte
2.6.1. Das liberale Modell
Die Bourgeoisie forderte die Kontrolle des Gesetzgebers, Rechtssicherheit, Bildung und wirtschaftliche Freiheit. Widersprüche wie Sklaverei, fehlendes Frauenwahlrecht und wirtschaftliche Ungleichheit führten zu Forderungen nach staatlichen Eingriffen.
2.6.2. Gewaltenteilung
Montesquieu entwickelte das Konzept der Trennung von Exekutive, Legislative und Judikative mit einem System von gegenseitigen Kontrollen (Checks and Balances).
3.1. Sozialismus und Marxismus
3.1.1. Utopischer Sozialismus
Frühe theoretische Ansätze, die oft unpraktisch waren, aber wichtige soziale Impulse gaben (z. B. Saint-Simon, Fourier).
3.1.2. Marxismus
Marx sah Politik als Emanation wirtschaftlicher Beziehungen. Er unterschied zwischen dem parasitären Staat (Bürokratie) und dem Staat als Instrument der herrschenden Klasse. Er forderte den Übergang zur echten Demokratie durch die Aufhebung von Klassenunterschieden.
3.1.3. Sozialdemokratie
Kombination aus politischer Demokratie, sozialem Interventionsstaat und sozialer Gerechtigkeit. Später Abkehr vom Marxismus (Bad Godesberg 1959).
3.1.4. Anarchismus
Lehre von einer Gesellschaft ohne Zwangsautorität. Wichtige Strömungen: Individualistischer, gegenseitiger und kollektivistischer Anarchismus (Bakunin, Kropotkin).
3.2. Faschismus und Totalitarismus
3.2.1. Faschismus
Kritik am Liberalismus; Überlegenheit von Staat, Nation oder Rasse. Fokus auf Führung, Disziplin, Hierarchie und Gewalt.
3.2.2. Totalitarismus
Systeme mit radikaler Machtkonzentration, staatlichem Eindringen in alle Lebensbereiche und Propaganda. Autoritarismus (nach Juan Linz) ist eine mildere Form mit begrenztem Pluralismus.
4.2. Wohlfahrtsstaat
Funktionen: Verteilungsfunktion und aktive Rolle bei der Steuerung komplexer wirtschaftlicher Prozesse. Rechte beinhalten Ansprüche auf soziale Leistungen.
5.1. Demokratie
System, das eine Korrespondenz zwischen Regierungsentscheidungen und Bürgerwünschen sicherstellt. Dahl nennt acht institutionelle Garantien, darunter freie Wahlen, Assoziationsfreiheit und alternative Informationsquellen.
5.2. Modelle der Demokratie
- Präsidialsystem: Präsident als zentrale Figur (z. B. USA).
- Parlamentarismus: Parlament wählt Regierungschef (z. B. Spanien).
- Semi-Präsidentialismus: Direkt gewählter Präsident und vom Parlament gewählter Regierungschef (z. B. Frankreich).
6.1. Staatsformen
- Einheitsstaat: Keine räumliche Dezentralisierung.
- Bundesstaat: Föderale Struktur mit geteilten Kompetenzen (z. B. USA, Deutschland).
- Konföderation: Bündnis souveräner Staaten (z. B. EU in Ansätzen).
7.1. Politische Parteien
Instrumente zur Modernisierung und Teilnahme an Wahlen. Typologien nach Weber (Patronat, Klasse, Weltanschauung) und Duverger (interne/externe Entstehung, Organisation).
9.1. Interessengruppen (Lobbyismus)
Zusammenschlüsse zur Beeinflussung der Regierung ohne das Ziel, selbst zu regieren. Wichtige Gruppen: Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften, NGOs.
10.1. Bürokratie
Weber definierte die rational-rechtliche Bürokratie durch Arbeitsteilung, Hierarchie und neutrale Sachlichkeit. Sie ist das effektivste Management-System, steht aber in einem spannungsreichen Verhältnis zur Demokratie.
11.1. Krise der Demokratie
Diagnosen reichen von neo-marxistischen Ansätzen (Dilemma zwischen Kapitalinteressen und Gemeinwohl) bis zu neokonservativen Kritiken (Überlastung des Staates durch Wohlfahrtsversprechen). Polarisierung und Radikalisierung können die Stabilität demokratischer Systeme gefährden.