José Ortega y Gasset: Philosophie des Lebens und der Vernunft
José Ortega y Gasset: Leben und Vernunft
José Ortega y Gasset versucht, Leben und Vernunft zusammenzuführen. Er sieht den Realismus (Natur) als grundlegend für das Leben an und stellt ihn dem Idealismus (reines Denken) gegenüber.
Philosophie und Wissenschaft
Die Physik wird oft als vorherrschende Wissenschaft angesehen, aufgrund ihrer Präzision, ihrer Fundierung in sinnlichen Fakten und ihrer praktischen Relevanz. Ortega verteidigt jedoch die Philosophie und hebt die wesentlichen Unterschiede zu den Wissenschaften hervor:
- 1. Rechtfertigung des Erkenntnisobjekts: Die Philosophie muss ihr eigenes Erkenntnisobjekt rechtfertigen, da es nicht vorgegeben ist.
- 2. Universalität versus Voreingenommenheit: Die Philosophie betont die Universalität, im Gegensatz zur oft spezialisierten und voreingenommenen wissenschaftlichen Perspektive.
- 3. Letzte Erkenntnis: Die Philosophie strebt nach einer letzten Erkenntnis, während die Wissenschaft vorletzte Erkenntnisse liefert.
Das Leben als grundlegende Realität
Ortega argumentiert, dass, wenn man alle Theorien und Interpretationen beiseitelässt, das Leben selbst als grundlegende Realität übrig bleibt. Er kritisiert eine statische Vorstellung von der Wirklichkeit, wie sie im naiven Realismus und Idealismus zu finden ist.
Kritik am naiven Realismus
Der naive Realismus hinterfragt die Existenz der Dinge nicht und geht davon aus, dass die Dinge unabhängig vom Denken existieren. Nach Ortega liegt die Realität jedoch nicht primär in den Dingen selbst.
Kritik am Idealismus
Ortega überwindet den Idealismus, gegen den sich seine systematischste Kritik richtet. Er tut dies im dialektischen, hegelianischen Sinne, indem er Elemente des Idealismus aufhebt und bewahrt, um ein tieferes Verständnis der gegenwärtigen Realität zu erlangen. Seine Kritikpunkte umfassen:
- 1. Reform des Seinsbegriffs: Er fordert eine Reform des Seinsbegriffs, da die statische Vorstellung des Seins, die die Veränderung als bloßen Wert betrachtet, eine reine Denkkonstruktion ist.
- 2. Statische Substantialisierung: Er kritisiert die statische Substantialisierung der Wirklichkeit als reines Denken (die „res cogitans“ bei Descartes und die „statische Ontologie“ der Griechen).
- 3. Objekte als Bewusstseinsinhalte: Der Idealismus macht die Objekte der Welt zu Inhalten des Bewusstseins. Ortega stimmt dem Idealismus insoweit zu, als die Welt der äußeren Realität nur angedeutet ist, lehnt es jedoch ab, dass die Dinge in meiner Welt als rein geistige Inhalte existieren.
- 4. Abstraktion des Selbst: Das Selbst, das Bewusstsein, ist nicht die letzte Wirklichkeit; das Denken selbst ist eine Abstraktion.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die radikale Tatsache des Universums weder die kosmischen Wesen sind, die unabhängig von den Dingen existieren (wie der naive Realismus behauptet), noch das Denken selbst, getrennt von den Dingen der Welt (wie der Idealismus behauptet), sondern das Ich mit den Dingen.
Das Leben als Koexistenz: Selbst und Welt
Die radikale Tatsache ist die Koexistenz, nicht das Ich allein oder die Dinge allein. Diese Koexistenz ist notwendig für mein Leben; sie geht jeder Theorie voraus. Was bleibt, wenn wir Theorien und Abstraktionen entfernen, ist mein Leben als Aufgabe, sich selbst mit den Dingen zu sein: „Ich bin ich und meine Umstände.“
Das kartesische Brückenproblem (wie gelange ich vom Ich zu den Dingen?) ist ein Pseudoproblem, da das Ich nicht ohne die Dinge existiert. Ortega bietet eine neue Idee der Realität an, die sich von der statischen Konzeption des Seins unterscheidet. Er versteht das Leben nicht als eine rein gemachte, flüchtige Realität, sondern als eine heraklitische Realität des Werdens und der reinen Veränderung. Für Ortega hat das biografische Leben einen Sinn, der über das rein Biologische hinausgeht und sich von Nietzsches Auffassung unterscheidet.
Die Ratio-Lebensphilosophie
Ortegas Ratio-Lebensphilosophie ist bestrebt, die Theorien des reinen Erkenntnisvermögens und der abstrakten Vernunft zu überwinden. Er kritisiert den Rationalismus, weil die abstrakte, mathematische Vernunft nicht in der Lage ist, das Leben zu verstehen, da sie mit festen Größen operiert, während die Wirklichkeit des Lebens ein Fluss ist.
Er widerspricht auch der reinen Vernunft des Rationalismus, da die Vernunft eine vitale Funktion ist. Sie entsteht aus dem Leben und dient dessen Funktionen. Ortegas Vitalismus verteidigt die Notwendigkeit der Vernunft, um die zukünftigen Projekte des Lebens zu erklären.
Perspektivismus
Ortegas Perspektivismus ist kein Relativismus, da er den objektiven Wert jedes einzelnen Standpunktes anerkennt. Er überwindet zudem den Rationalismus, der eine einzige, alles umfassende Perspektive sucht.