Leitfaden zur polizeilichen Augenscheinseinnahme

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Praktischer Nutzen der Augenscheinseinnahme

Bei der Sichtprüfung (Augenscheinseinnahme) wird den Gerichten eine Reihe von gesammelten Hinweisen und Beweisen vorgelegt, die dabei helfen, ein klares und unbestreitbares richterliches Bewusstsein zu schaffen. Wenn diese Mittel auf technischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen und im Einklang mit der Chain of Custody (Sicherungskette) gesammelt wurden, sowie eine adäquate Qualitätskontrolle der verwendeten Techniken erfolgt ist, erhält man unwiderlegbare Beweise. Sie sind das wesentliche Werkzeug, das die Justizbehörden zur Erfüllung ihrer Aufgaben benötigen.

Konzept der Sichtprüfung

Die Sichtprüfung ist Teil eines Gesamtprozesses der wissenschaftlichen und technischen Forschung. Sie zielt insbesondere darauf ab, die Wahrheit über Personen, Geschehnisse oder Umstände zu entdecken, die zuvor unbekannt waren. Prüfen bedeutet in diesem Zusammenhang, etwas vorsichtig mit allen Sinnen und entsprechenden Instrumenten zu untersuchen.

Die polizeitechnische Sichtprüfung kann als Untersuchung definiert werden, welche die Menge der Beobachtungen, Prüfungen und technischen Operationen umfasst, die von der Polizei am Tatort durchgeführt werden.

Die Sichtprüfung basiert auf dem Prinzip des „Austauschs“, wonach jede Person, die einen Ort betritt, Spuren hinterlässt und gleichzeitig etwas von diesem Ort mitnimmt (jeder Kontakt hinterlässt Spuren). Daher basiert die Tatortbesichtigung auf der Entdeckung, Erhaltung, dem Transport und der Untersuchung von Schienen, Signalen, Zeichen, Spuren und Relikten, die vor Ort gefunden werden.

Ziele der Augenscheinseinnahme

Es gibt vier Hauptzwecke der Besichtigung:

  1. Überprüfung der Realität der Straftat.
  2. Feststellung der Urheberschaft der Tat.
  3. Erbringung von Nachweisen oder Beweisen für die Justizbehörde im Rahmen von Strafverfahren, die zur Anklage oder zum Freispruch führen können.
  4. Dienen als Grundlage für die weitere Forschung und Ermittlung.

Die Praxis der Augenscheinseinnahme

Aus polizeilicher Perspektive werden Informationen auf der Grundlage von drei Arbeitsgruppen organisiert, die koordiniert handeln müssen. Der Austausch und die Sorgfalt (Due Diligence) jeder Gruppe bilden in ihrer Montage das Wesen der polizeilichen Ermittlungen.

A) Die öffentliche Sicherheit (Schutzpolizei)

In der Regel trifft dieser Polizist als Erster am Tatort ein. Seine Mission konzentriert sich auf folgende Schritte:

  • Humanitäre Maßnahmen: Falls erforderlich (Erste Hilfe).
  • Vorabinformationen: Umfang des Geschehens sowie betroffene Zeugen ermitteln.
  • Gefahrenabwehr: Beseitigung von Gefahren wie Gaslecks, Brand, Überschwemmung usw.
  • Zeugensicherung: Identifizierung aller Personen, die zur Untersuchung beitragen können.
  • Sicherung des Tatorts: Den Zustand des Tatorts so belassen, wie der Täter ihn hinterlassen hat. Physikalische Beweise schützen. Nichts anfassen oder andere Personen etwas berühren lassen. Gegenstände (z. B. Zigarettenkippen, Fußabdrücke, Fasern) am Tatort belassen.
  • Information der Geschädigten: Die Betroffenen müssen darüber informiert werden, dass Experten der Spurensicherung (Forensic Science) eintreffen und der Tatort nicht verändert werden darf. Es sollten keine voreiligen Meinungen abgegeben werden. Falsche Erwartungen über den Erfolg der Spurensicherung können zu Frustration und dem Eindruck von Ineffizienz führen.
  • Geheimhaltung: Alles Gesehene, Gehörte oder Schlussgefolgerte muss geheim gehalten werden.

B) Forensische Wissenschaft (Kriminaltechnik)

Der Schwerpunkt liegt auf folgenden Punkten:

  • Unmittelbares Erscheinen: Sobald die Tat bekannt ist, muss der Ort gesichert erreicht werden, um Manipulationen auszuschließen.
  • Prüfung der Anforderungen: Feststellen, ob zusätzliche Spezialisten für die Forensik erforderlich sind.
  • Hintergrundprüfung: Lesen des Beschwerdeverfahrens und Befragung der Zeugen oder erstausrückenden Beamten.
  • Umfassender Überblick: Begehung der Baustelle und Umgebung sowie Rekonstruktion der Route des Täters.
  • Fotografische Dokumentation: Vorab-Fotos aller Bereiche, bevor Änderungen vorgenommen werden.
  • Untersuchung der Zugangswege: Feststellung von Gewaltanwendung (Einbruchspuren).
  • Spurensuche: Entwicklung und Schutz von Fingerabdrücken.
  • Detailfotos: Gesamtaufnahmen und Detailaufnahmen des Tatorts und der Beweismittel.
  • Transplantation von Spuren: Nur wenn absolut notwendig und unter Zustimmung/Zeugenschaft des Beschwerdeführers.
  • Sicherung: Erhebung, Speicherung und Transport der gefundenen Spuren.
  • Abgleichlisten: Erfassung der Fingerabdrücke aller Personen, die den Tatort vor oder nach der Tat berechtigt betreten haben.
  • Berichterstellung: Unterschrift des Beschwerdeführers oder der Zeugen sowie der handelnden Beamten inklusive Dienstsiegel.

C) Die Kriminalpolizei (Policía Judicial)

Sie nimmt aktiv an der Inspektion teil durch:

  • Kooperation mit der Kriminaltechnik bei wichtigen Aspekten für die weitere Untersuchung.
  • Zentralisierung und Bewertung der gesammelten Informationen.
  • Ermittlung des Motivs.
  • Dokumentation aller Aktivitäten.

Methodik der technischen Inspektion

Die Praxis einer technischen Inspektion vor Ort muss vier Grundprinzipien folgen:

  1. Vorabinformationen über das Geschehen.
  2. Eine saubere und sorgfältige Beobachtung des Tatorts.
  3. Eine polizeiliche Logik bezüglich des Tatablaufs.
  4. Eine strukturierte Arbeitsmethode zur Beweissicherung.

Methodische Durchführung

  • Inspektionen sollten nach Möglichkeit bei Tageslicht, mit absoluter Ruhe und ohne Eile durchgeführt werden.
  • Es sollten keine voreiligen Bewertungen gegenüber Unbeteiligten abgegeben werden; Ermittlungen sind vertraulich zu behandeln.
  • Es reicht nicht aus, von der Schuld eines Verdächtigen überzeugt zu sein; es ist absolut notwendig, Beweise vorzulegen.
  • Alle Beobachtungen müssen genauestens notiert und später prägnant schriftlich festgehalten werden.
  • Kein Detail darf als unbedeutend abstrahiert werden, da es sich später als wertvoller Beweis herausstellen könnte.

Suche nach Spuren und Zeichen

Es gibt keine allgemeingültigen Leitlinien, wo genau daktyloskopische Spuren zu finden sind. Ausbildung, Erfahrung, Beobachtungsgabe und die Arbeitsmethode des Forschers sind hierbei die wichtigsten Werkzeuge.

Daktyloskopische Spuren

Diese Spuren können in zwei Typen unterteilt werden:

  • Sichtbare Spuren: Abdrücke in Blut, Fett, Staub usw. Diese erfordern keine Reagenzien zur Sichtbarmachung; Fotografie und richtige Beleuchtung reichen aus.
  • Latente oder unsichtbare Spuren: Diese erfordern technisches Geschick und chemische oder physikalische Mittel (Reagenzien), um sie sichtbar zu machen.

Oberflächen für latente Spuren

Geeignete Untergründe werden in poröse und nicht-poröse Flächen unterteilt. Auf folgenden Flächen können latente Fingerabdrücke gefunden werden:

  • Glas und Keramik
  • Elfenbein
  • Poliertes Messing, Chrom, Nickel oder Emaille
  • Lackiertes, bemaltes oder lasiertes Holz
  • Bemalter oder lackierter Kunststoff

Die Wahl der physikalischen Reagenzien hängt von der Farbe der Oberfläche ab. Bei porösen Oberflächen wie Papier, Pappe, Karton oder Styropor erfolgt die Behandlung im Labor mit chemischen Reagenzien wie Ninhydrin oder DFO.

Tabelle der Entwickler und Oberflächen

PHYSIKALISCHE ENTWICKLER
OberflächenfarbeENTWICKLERANWENDUNG
Trockene Objekte (weiß/hell)JC-3 – Magnetic BlackMagnetbürste
Trockene dunkle ObjekteBleicarbonat oder TitandioxidMarderhaarpinsel
Mehrfarbige FlächenSangre de Drago (Drachenblut), fluoreszierendes PulverZobelpinsel

Für die Umsetzung gibt es hauptsächlich zwei Arten von Bürsten:

  1. Synthetik- oder Zobelpinsel: Sehr feine Haare, um das „Zerkratzen“ der Spur zu vermeiden. Anwendung bei Bleicarbonat. Die Technik besteht darin, den Pinsel leicht zu imprägnieren und über die Fläche zu führen. Überschüssiges Reagenz wird vorsichtig abgekämmt.
  2. Magnetbürste: Wird für magnetische Pulver und Titandioxid verwendet. Die Technik ähnelt der vorherigen; bei Bedarf wird mit einem Zobelpinsel nachgearbeitet.

Identifizierung und Begrenzung von Spuren

Spuren müssen ordnungsgemäß begrenzt werden:

  • Verwendung eines Stifts in der Farbe des Reagenzes (weiß bei weißem Pulver, schwarz bei schwarzem Pulver).
  • Die Begrenzung muss die gesamte Spurengruppe umfassen.
  • Ein metrischer Zeuge (Maßstab) muss bei jeder identifizierbaren Spur platziert werden.
  • Jedes Objekt muss mit einem Aufkleber identifiziert werden, der die Adresse und Fallnummer enthält.

Spurentransplantation

Eine Transplantation (Sicherung mittels Klebefolie) erfolgt nur, wenn das Fotografieren unmöglich ist oder das Objekt nicht transportiert werden kann. Die Sicherung muss im Protokoll vermerkt und von Zeugen unterschrieben werden. Die Transplantation erfolgt mit durchsichtigem Klebeband, das vorsichtig auf die Spur gedrückt und dann abgezogen wird. Das Band wird auf einen kontrastierenden Träger (z. B. klare Kunststofffolie) geklebt.

Abgleichlisten (Eliminierungsspuren)

Es müssen Fingerabdrücke aller Personen genommen werden, die berechtigten Zugang zum Tatort hatten (Eigentümer, Bewohner, Angestellte), um deren Spuren von denen des Täters unterscheiden zu können.

Fotografische Dokumentation

Die Fotos müssen in einem geordneten Prozess vom Allgemeinen zum Detail erstellt werden, um eine visuelle „Geschichte“ zu erzählen. Verwendet werden analoge oder digitale Kameras mit verschiedenen Objektiven:

  • Weitwinkel: Für allgemeine Aufnahmen des Tatorts (Innen- und Außenbereich).
  • Normalobjektiv: Für Teilmengen und größere Details.
  • Makro-Objektiv: Für kleine Details und Spuren.
  • Teleobjektiv: Für entfernte Szenen, die nicht direkt zugänglich sind.

Die Fotodokumentation gliedert sich in drei Stufen:

  1. Generalaufnahme: Zeigt den größtmöglichen Winkel des Tatorts ohne störende Personen oder Fahrzeuge. Sie muss erstellt werden, bevor der Tatort technisch manipuliert wird.
  2. Teilaufnahme: Dient als Bindeglied und setzt Objekte in Bezug zum Tatort.
  3. Detailaufnahme: Zeigt materielle Beweise wie Waffen, Fingerabdrücke oder Schäden. Hierbei müssen ein Maßstab (metrischer Zeuge) und ein Identifikationsaufkleber mit im Bild sein.

Andere nicht-daktyloskopische Beweise

Neben Fingerabdrücken müssen weitere Beweise gesammelt werden:

  • Instrumente und Werkzeuge, die vermutlich zur Tatbegehung genutzt wurden.
  • Objekte am Tatort, deren Anwesenheit nicht gerechtfertigt ist (Spritzen, Zigarettenkippen usw.).
  • Dokumente (Ausweise, Briefe, Zeitungen), die Informationen liefern oder latente Fingerabdrücke tragen könnten.
  • Organische Flecken (Blut, Sperma, Speichel, Urin, Kot) zur DNA-Bestimmung.
  • Anorganische Flecken (Farbe, Gips, Kalk, Ton).

Abholung und Zustellung biologischer Proben

Bei der Sammlung biologischer Proben müssen folgende Fragen geklärt sein: Was wird warum gesammelt? Was wird von der Analyse erwartet? Ist die Probe relevant? Kann sie die Identität des Autors klären? Wenn die Antworten unklar sind, ist die Sammlung nicht wünschenswert.

Alle Proben müssen detailliert dokumentiert, fotografiert und in Anwesenheit von Zeugen gesammelt werden. Blut kann flüssig oder als Fleck auftreten. Je älter der Fleck, desto dunkler ist er meist.

Techniken der Blutentnahme:

  1. Frisches Blut: Ca. 5 ccm in einem beschrifteten Rohr sammeln, kühlen und direkt ins Labor bringen.
  2. Blut auf saugenden Untergründen (Kleidung): Kleine Teile (Kragen, Manschette) komplett einsenden. Bei großen Objekten (Sofa) den Bereich mit einem Rand von 1-2 cm ausschneiden; ein unbeflecktes Stück dient als Negativkontrolle.
  3. Blut auf nicht-saugenden Untergründen: Wenn der Fleck verkrustet ist, kann er abgeschabt und in einem Papierumschlag gesichert werden.
  4. Ausnahmefälle (wertvolle Gegenstände): Mit einem in Kochsalzlösung befeuchteten Wattestäbchen (Tupfer) den Fleck kreisförmig abreiben. Tupfer bei Raumtemperatur trocknen und einzeln verpacken. Vorsichtsmaßnahmen gegen Kontamination (Handschuhe, Mundschutz) beachten.

Häufige Arten von Sichtprüfungen

Die am häufigsten vorkommenden Inspektionen sind:

  • Einbrüche: Fokus auf Zugangspunkte (Türen, Fenster), den Weg im Inneren, Schlafzimmer und Tresore/Schmuckschatullen.
  • Raub in Betrieben: Fokus auf Glasbruch, Registrierkassen, verstreute Papiere sowie aufgebrochene Tische und Schränke.
  • Fahrzeugdiebstahl: Fokus auf Fenster, Spiegel und im Innenraum gefundene Objekte.

Das Protokoll der Augenscheinseinnahme

Der Bericht muss in jedem Fall sorgfältig ausgefüllt werden und folgende Abschnitte enthalten:

  • Ort, Datum und Uhrzeit.
  • Identifizierung der Beamten und Dienststellen.
  • Genaue Adresse des Tatorts und Art der Straftat.
  • Name des Beschwerdeführers und der Zeugen (inkl. Verwandtschaftsverhältnis).
  • Detaillierte Beschreibung des Tatorts (Eintritts-/Austrittspunkte, Modus Operandi, Status der Räume oder Fahrzeuge).
  • Bei Fahrzeugen: Kilometerstand, Zustand von Zündung und Lenkradschloss.
  • Liste der gefundenen Spuren und Objekte sowie deren Fundort.
  • Angabe, ob Fotos vor Ort gemacht oder Objekte zur Fotografie transportiert wurden.
  • Anzahl der transplantierten Titel und deren Verbleib.
  • Endzeit, Unterschriften und Dienstsiegel.
  • Rückseite: Abgleichlisten, Vorgehensweise und weitere Besonderheiten.

Zusammenfassung der Prinzipien

Die polizeitechnische Sichtprüfung ist eine entscheidende Maßnahme zur Aufklärung von Straftaten. Sie erfordert Koordination zwischen Kriminaltechnik, Schutzpolizei und Kriminalpolizei. Die Prinzipien sind Vorabinformation, Beobachtung, Logik und Methode.

Fingerabdrücke können sichtbar oder latent sein. Physikalische Entwickler wie Bleicarbonat oder Magnetpulver werden zur Sichtbarmachung genutzt. Die Dokumentation erfolgt durch General-, Teil- und Detailaufnahmen. Biologische Proben müssen unter strengen Bedingungen gesichert werden.

Die Sicherungskette (Chain of Custody)

Die Chain of Custody stellt sicher, dass die Sammlung von Beweisen rechtmäßig erfolgte und diese nicht nachträglich durch Unbefugte manipuliert wurden. Ziel ist die volle Kontrolle über den Beweiswert der Gegenstände von der Sicherung am Tatort bis zur Vorlage beim Richter. Jeder Schritt muss lückenlos dokumentiert werden. Das ordnungsgemäß ausgefüllte und versiegelte Protokoll der Augenscheinseinnahme ist der erste Teil dieser Kette. Das Buch der Chain of Custody bescheinigt die Übergabe der Waren und die nachfolgenden Prozesse.

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