Nietzsches Kritik der Metaphysik, des Werdens und der Sprache

Philosophie und EthikAktualisiert am 4,93 KB

Zusammenfassung

Der Text beschreibt Nietzsches Kritik an der abendländischen Metaphysik, die das Werden ablehnt und den Sinnen misstraut, und an den Begriffen, die durch die Sprache als reale Wesenheiten erscheinen. Behandelt werden Heraklit, Parmenides, Platon, Kant sowie Descartes und Demokrit. Die Lernenden verstehen, warum Nietzsche metaphysische Begriffe als leere Fiktionen betrachtet.

Kernpunkte

  • Nietzsche kritisiert den „Hass auf den Begriff des Werdens“ in der abendländischen Philosophie, mit Heraklit als Ausnahme.
  • Bei Parmenides ist das Werden nur eine Täuschung der Sinne; Platon verdoppelt die Welt in eine wahre Ideenwelt und eine unvollkommene Dingwelt.
  • Nietzsche sieht die Ablehnung des Werdens als dekadente Haltung und die Metaphysik als Prozess der „Entsinnlichung“.
  • Die Philosophie überschätzt die Vernunft und wertet die Sinne ab, die nur Meinung (Doxa) liefern.
  • Höchste metaphysische Begriffe wie Gott oder das Gute an sich werden fälschlich als causa sui und als das ontologisch Erste betrachtet.
  • Die Sprache erzeugt Fiktionen: Begriffe wie „Baum“ suggerieren ein allgemeines Wesen, das in der Realität nicht existiert.
  • Begriffe wie das „Ich“, die „Substanz“ oder „Gott“ nennt Nietzsche „konzeptionelle Mumien“, die man mit dem „Hammer der Philosophie“ prüfen muss.

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Nietzsches Kritik am Hass auf das Werden

In dieser Passage beschreibt Nietzsche eines der charakteristischen Merkmale der abendländischen Philosophie: den „Hass auf den Begriff des Werdens“. Eine Ausnahme bildet Heraklit, der Philosoph des Werdens, der feststellte, dass alles fließt und nichts bleibt, und dass die Realität einer konstanten Transformation unterliegt. Diese Ablehnung des Begriffs der Evolution ist bei den Eleaten evident. Es muss daran erinnert werden, dass für Parmenides das Selbst unveränderlich und ewig war; das Werden war lediglich das Ergebnis einer Täuschung der Sinne.

Auch bei Platon lässt sich dies beobachten, der einen ontologischen Dualismus verteidigte – eine Verdoppelung der Welt. Er behauptete, dass die wahre Realität die Welt der Ideen sei: ungeschaffene Realitäten, die keiner Evolution unterliegen. Für Platon ist die scheinbare Welt, die Welt der Dinge, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, nur eine unvollkommene Kopie der Ideen und somit nicht wirklich real. Für Nietzsche entspringt diese Ablehnung des Werdens der Unfähigkeit, das Zeugnis der Sinne und die Realität als Chaos, als ständiges Entstehen und Vergehen zu akzeptieren. Er betrachtet dies als eine dekadente Haltung. Die Metaphysik war für ihn ein Prozess der „Entsinnlichung“.

Die Vernachlässigung der Sinne und die Macht der Vernunft

Nietzsche weist zudem darauf hin, dass die westliche Philosophie durch zwei weitere Aspekte geprägt wurde: die Vernachlässigung des Zeugnisses der Sinne und die Überschätzung der Macht der Vernunft. Dies zeigt sich bei Platon und Parmenides, für die sinnliche Erkenntnis bloße Meinung (Doxa) ist, die uns nicht die wahre Wirklichkeit, sondern nur Erscheinungen erfassen lässt. Die rationale Erkenntnis hingegen wird als Wissenschaft betrachtet, die zum wahren Wesen der Dinge führt.

Diese Priorität der Vernunft gegenüber den Sinnen findet sich auch bei modernen Rationalisten wieder, für die die Vernunft die Quelle des Wissens wurde, während die Sinne als Quelle des Irrtums galten. Selbst bei Kant findet man dies, obwohl er den Sinnen eine größere Bedeutung einräumte, indem er sie mit den Elementen a priori der Vernunft verknüpfte.

Die Idiosynkrasie der Philosophen: Verwechslung der Begriffe

In dieser Passage weist Nietzsche auf einen weiteren Aspekt hin, der die westliche Philosophie geprägt hat: die Verwechslung des Letzten mit dem Ersten. Die höchsten Begriffe der Metaphysik – das Gute an sich, die Wahrheit selbst, Gott – werden als causa sui (Ursache ihrer selbst) betrachtet. Sie werden als das ontologisch Höchste und Erste dargestellt, obwohl sie in Wirklichkeit am weitesten von der Realität entfernt sind. Der extremste Fall ist der Begriff „Gott“, der als Schöpfer des Universums und als höchst real angesehen wird, während er eigentlich ein leerer Begriff ist, fernab jeder Realität.

Sprachkritik: Die Verführung durch Worte

Nietzsche übt Kritik an der Philosophie durch eine Kritik der Sprache. Der Mensch glaubte, durch Begriffe Wissen über die Welt zu besitzen. Doch jede Weltsicht wird von einer gegebenen Grammatik maskiert. Durch die Sprache wird Fiktion zur Realität: „Die ‚Vernunft‘ in der Sprache: oh, was für eine betrügerische alte Frau!“

Nehmen wir das Beispiel des Begriffs „Baum“. Damit beziehen wir uns sowohl auf eine Ulme als auch auf eine Tanne oder eine Korkeiche. Dies verleitet uns dazu, an die Existenz eines allgemeinen Wesens „Baum“ zu glauben, obwohl dieses Wesen in der Realität nicht existiert. Unsere Sprache täuscht uns ständig. Metaphysische Entitäten sind Konstrukte, die als reale Wesenheiten missverstanden werden, ohne dass es eine Gewähr für ihre Existenz gibt.

Erlösung von der sprachlichen Fiktion

Für Nietzsche ist es entscheidend, uns von der Verführung der Worte zu erlösen; man muss sich vor der Sprache hüten. Die Sprache macht Fiktionen zur „wahren“ Metaphysik. Hinter universellen, zeitlosen Begriffen verbergen sich menschliche Instinkte. Begriffe wie das „Ich“, das „Ding an sich“, die „Substanz“ oder „Gott“ sind leere Fiktionen.

  • Das Ich: Descartes glaubte, das „Ich“ sei eine Substanz, ein beständiges Wesen, obwohl wir das Selbst als wechselhaft erleben. Wir konstruieren eine permanente Identität nur, um Erfahrungen ordnen zu können.
  • Das Sein: Die Sprache lässt uns das Sein als etwas Bleibendes sehen. Selbst die Atomisten wie Demokrit erlagen dieser Verführung, indem sie das Atom als unveränderlich erfanden.

Metaphysische Begriffe sind daher lediglich „konzeptionelle Mumien“. Es ist notwendig, sie mit dem „Hammer der Philosophie“ zu prüfen, um zu hören, ob sie hohl klingen.

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Häufige Fragen

Was meint Nietzsche mit dem „Hass auf das Werden“?

Nietzsche meint die Ablehnung der Veränderung und des ständigen Entstehens und Vergehens in der westlichen Philosophie. Er sieht darin eine dekadente Unfähigkeit, die Realität als Chaos anzunehmen.

Warum kritisiert Nietzsche die Sprache?

Die Sprache lässt uns allgemeine Begriffe wie „Baum“ als reale Wesenheiten missverstehen. Dadurch werden Fiktionen zur vermeintlichen Wahrheit der Metaphysik.

Was ist mit „konzeptionellen Mumien“ gemeint?

Damit sind metaphysische Begriffe gemeint, die leblos und ohne Realitätsgehalt weiterbestehen. Nietzsche fordert, sie zu prüfen, um zu hören, ob sie hohl klingen.

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1. Welcher Philosoph wird im Text als Ausnahme genannt, weil er das Werden bejaht?
2. Was ist für Parmenides das Werden?
3. Was bezeichnet Nietzsche als Prozess der Metaphysik?
4. Welches Beispiel nutzt Nietzsche, um die Täuschung der Sprache zu zeigen?
5. Welchen Begriff nennt Nietzsche als extremsten Fall der Verwechslung des Letzten mit dem Ersten?
6. Welches Werkzeug schlägt Nietzsche vor, um metaphysische Begriffe zu prüfen?

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