Der Schelmenroman: Einführung und Gliederung
Der Schelmenroman: Einführung
Der Schelmenroman, der im 16. Jahrhundert eingeführt wurde, stellt eine kritische Reaktion auf die idealisierten Romane seiner Zeit dar. Er ist oft anonym und kann durch literarische wie soziale Gründe beeinflusst worden sein. Die Renaissance-Literatur ging nicht primär von der Wirklichkeit aus; der picareske Roman steht im Gegensatz zu den idealisierten Helden der pastoralen oder ritterlichen Erzählungen und führt eine neue, antiheroische Figur ein, die in realen Umgebungen vorkommt, sich vulgär verhält und arm ist.
Struktur des Werkes
Das Werk ist in Briefform bzw. als autobiografisches Schreiben an eine Person gerichtet. Der Erzähler, genannt Lázaro, berichtet von seinem Leben. Das Werk besteht aus einem Prolog und sieben Tratados (Teilen).
Prolog und Aufbau
Im Vorwort rechtfertigt der Verfasser die Absicht der Arbeit und erklärt, die Abenteuer des Helden zusammengetragen zu haben. Der Prolog beginnt als Parodie auf den hohen Stil idealistischer Romane. Der Ton erinnert gelegentlich an die Stilmittel der Ritterromane. Nach und nach bleibt Lázaro im nüchternen, einfachen Stil konstant und wendet sich an den Adressaten mit der höfischen Wendung "vuestra merced". Im Vorwort erfährt man u. a., dass der Erzpriester von San Salvador Gerüchte über Beziehungen zwischen dem Dekan und der Frau des Protagonisten gehört hatte. Der Bericht zeigt außerdem, dass Lázaro sich nicht viel aus dem Gerede der Leute macht.
Die Tratados (Einzelne Teile)
Tratado 1: Der Blinde
Als kleiner Junge wurde Lázaros Vater wegen Diebstahls eingesperrt; seine Mutter arbeitete in einer Herberge (mesón). Sie gibt den Jungen einem Blinden zum Dienen. Der Blinde ist listig und grausam. Bei diesem Herrn lernt Lázaro früh die Härte des Lebens kennen und muss erfinderisch werden, um zu überleben. Er erhält harte Lektionen, die die kindliche Einfachheit auf die Probe stellen.
Tratado 2: Der Kleriker
In diesem Teil wird die Verschärfung von Lázaros Hunger geschildert. Der Kleriker, bei dem er dient, ist geizig und nutzt seine Schlauheit, um als Kleriker zu überleben. Lázaro wird von seiner Umgebung schlecht versorgt und erhält kaum zu essen.
Tratado 3: Der Schildknappe (Escudero)
Hier erreicht das Hungerproblem seinen Höhepunkt. Lázaro tritt in den Dienst eines stolzen, aber armen Schildknappen, dessen leerer Ehrenbegriff seine Handlungsfähigkeit einschränkt und ihn in noch größere Schulden treibt. Dies verschlechtert die Lage des Jungen weiter.
Tratado 4: Der Mönch
Dieser kurze Abschnitt bricht das Erzähltempo; der Protagonist übernimmt eher die Rolle des Zuschauers und Berichterstatters. Es geht um einen Mönch, doch es gibt keine ausführliche Anekdote oder längere Erzählung in diesem Teil.
Tratado 5: Der Pardoner (Ablassverkäufer)
Ein Mann verkauft Ablassbriefe (Bullen), Dokumente mit dem Siegel des Papstes, die Privilegien oder Befreiungen von religiösen Verpflichtungen versprechen. Dieses Geschäft führt zu vielen Protesten. Lázaro ist in diesem Teil ein stummer Zuschauer der Täuschungen des Pardoners.
Tratado 6: Der Meister / Trommler und Wasserträger
Dieser Teil trägt den Titel "Der Meister der Malerei / Pauken und der Wasserträger" (oder ähnliche Bezeichnungen). Es wird angedeutet, dass Lázaro für eine bestimmte Zeit (in verschiedenen Angaben: Monate oder Jahre) bei solchen Figuren lebt. Mit seinen Ersparnissen kauft Lázaro schließlich ein Schwert und wird als respektabler Mann wahrgenommen. (Die genaue Reihenfolge und Benennung der Figuren variiert in den Handschriften, bleibt aber Teil seiner Wanderschaft.)
Tratado 7: Der Dekan von San Salvador
Im letzten Teil steht Lázaro im Dienst des Dekans von San Salvador. Lázaro denkt über eine Anstellung als ständiger Beamter nach, sieht einen solchen Posten aber als potentiell gefährlich an. Nach vielen Strapazen nimmt ihn der Dekan als Diener an, gibt ihm Wein und mietet ihm ein Haus, womit Lázaro eine feste Stellung erlangt.
Die Figur des Helden
Eines der innovativsten Elemente ist, dass der Protagonist ein Antiheld ist: eine Figur, die sich im Verlauf der Erzählung entwickelt. Der Roman stellt den Bildungsprozess in gewisser Weise ironisch dar, denn Lázaro, der selbst schreibt, erscheint als unmoralischer und materialistischer Mann, der seinen moralischen Verfall akzeptiert und davon teilweise sogar stolz ist.
Themen, Absicht und Publikum
Das Werk verwendet Spott und Humor, bietet zugleich aber eine soziale und religiöse Kritik. Es steht in Beziehung zur erasmianischen Tradition und drückt Enttäuschung über bestimmte zeitgenössische Autoren aus. Der Ton des Romans ist von milder Ironie und Humor geprägt. Das Werk gibt dem Publikum Anlass, über die Beurteilung persönlicher Tugend versus äußerem Schein nachzudenken.
Sprachstil
Der Sprachstil des Romans ist einfach und oft umgangssprachlich, ein realistisches Merkmal, das die Glaubwürdigkeit der Erzählung erhöht.