Spanische Renaissance und Literatur im Siglo XV
Das 15. Jahrhundert: Krise und Umbruch
Im 15. Jahrhundert (Siglo XV) bröckelten die mittelalterlichen Pfeiler von Christentum und Feudalismus im Zuge tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen. Mit dem erstarkenden Bürgertum entstanden neue Strömungen wie Vitalismus, Anthropozentrismus, eine verinnerlichte Spiritualität sowie der Humanismus.
Diese neuen Ideen verbreiteten sich rasant über:
- Neue Universitäten
- Fördernde Mäzene und Gönner
- Die Etablierung des Kastilischen als Literatursprache
- Die Erfindung des Buchdrucks
Die Hofdichtung und Cancioneros
In den Liederbüchern (Cancioneros) ahmten Hofdichter die provenzalische Troubadourdichtung und das Konzept der höfischen Liebe (amor cortés) nach. Typisch waren Klagegedichte mit kurzem rhythmischem Versmaß (Achtsilbler mit konsonantischem Reim).
- Marqués de Santillana: Bekannt für seine meisterhaften Serranillas.
- Jorge Manrique: Soldat und Dichter. Mit den berühmten Coplas por la muerte de su padre (1476) unternahm er den Versuch, den Sinn von Leben und Tod zu ergründen.
Die Wiedergeburt: Renaissance und Humanismus
Rückblickend verstand man das Mittelalter als finsteres Zeitalter. Die Bewegung suchte die Rückbesinnung auf die griechisch-römische Zivilisation und deren Wiedergeburt durch Nachahmung der antiken Kultur. Die Welt galt nicht länger bloß als irdisches Jammertal (valle de lágrimas); stattdessen wurden die Sinne, das menschliche Genussstreben, die Liebesfähigkeit, Vernunft und Empirie aufgewertet.
Bedeutende wissenschaftliche Erkenntnisse und Entdeckungen erweiterten das Weltbild:
- Die Umrundung der Erde und die Entdeckung neuer Kontinente
- Technische Neuerungen wie der Kompass (brújula)
- Erkenntnisse zum menschlichen Blutkreislauf
- Der Wandel vom theozentrischen Weltbild zum Anthropozentrismus, in dem der Mensch im Zentrum der Natur steht.
Geistige Einflüsse der Epoche
Humanismus
Der Humanismus brachte eine Neubewertung des Individuums, das Streben nach Ruhm und Ehre (gloria) sowie eine ganzheitliche geistige wie körperliche Erziehung mit sich. Charakteristisch waren die Lektüre und Nachahmung griechisch-lateinischer Klassiker, die Liebe zu alten Büchern, eine intimere Frömmigkeit und ein natürlicher literarischer Stil.
Neuplatonismus und Petrarkismus
Der Neuplatonismus interpretierte Schönheit als göttlichen Lichtreflex in der Natur. Der Petrarkismus führte zu einer Idealisierung der Liebe, die oft als unerreichbar galt und sich von rein körperlichem Begehren abgrenzte. Typisch war die psychologische Introspektion der Dichter, die das ambivalente Wechselspiel aus Lust und Schmerz reflektierten.
Die spanische Renaissance und lyrische Erneuerung
Im 16. Jahrhundert bildete sich eine neue Mentalität heraus. Es handelte sich um keinen radikalen Bruch mit dem 15. Jahrhundert, sondern um eine kontinuierliche ideologische Weiterentwicklung. Man idealisierte nicht nur die Realität, sondern wandte sich der realen Welt zu.
Die Lyrik erlebte eine fundamentale Erneuerung durch Juan Boscán und Garcilaso de la Vega, die sich an der italienischen Mode orientierten:
- Themen: Platonische Liebe, idealisierte Natur (locus amoenus), klassische Mythen und antike Topoi.
- Formen: Umfangreichere Verse mit weichem Klang (Endekasilabo), neue Strophen und Gattungen wie Ekloge (Égloga), Ode, Elegie, Kanzone und Epistel.
Zentrale Autoren der spanischen Renaissance
Garcilaso de la Vega
Er verkörperte den idealen Renaissancemenschen, der gleichermaßen Schwert und Feder (pluma y espada) führte. Garcilaso revitalisierte den Stil der spanischen Renaissance durch elegante Einfachheit und Natürlichkeit.
Fray Luis de León
Als leidenschaftlicher Kenner der griechisch-lateinischen Antike verschmolz er klassische Philosophie mit christlichen Glaubensinhalten. Sein intellektuelles und spirituelles Streben galt der Perfektion durch Studium, Strenge und dem Rückzug aus der Welt (vida retirada), um inneren Frieden zu finden.
- Wichtige Gedichte: Vida retirada (inspiriert vom antiken Beatus Ille), Oda a Salinas, Noche Serena.
- Bedeutende Prosawerke: De los nombres de Cristo (Über die Namen Christi) und La perfecta casada (Die vollkommene Ehefrau).