Grundlagen der Gebärdensprachdolmetschung: Prozess & Analyse
Aspekte des Dolmetschprozesses
Die Einbindung von Gebärdensprachen in den Dolmetschprozess verleiht diesem besondere Eigenschaften, die ihn von der Interpretation gesprochener Sprachen unterscheiden. Diese Unterschiede werden durch die Art der Sprache und ihre spezifischen Merkmale bestimmt:
- Unterschiede in Kanalempfang und Ausdruck: Während die mündliche Sprache den auditiv-oralen Kanal nutzt, verwenden Gebärdensprachen den visuell-gestischen Kanal. Diese Variation beeinflusst Aspekte wie den physischen Standort des Dolmetschers oder die Anforderungen an das visuelle Gedächtnis.
- Unterschiede im Timing: Mündliche Sprache ist linear, da Wörter nacheinander ausgesprochen werden. Gebärdensprache hingegen ist simultan strukturiert, was die Übertragung großer Informationsmengen in kurzer Zeit ermöglicht.
- Unterschiede in der grammatischen Flexibilität: Gesprochene Sprachen folgen oft starreren grammatikalischen Regeln. Gebärdensprachen bieten durch den Einsatz von Klassifikatoren und ikonischen, visuellen Ressourcen eine höhere Flexibilität für den Dolmetscher.
Wahrnehmung im Dolmetschprozess
Wahrnehmung ist ein Prozess der Organisation und interpretativen Codierung sensorischer Daten auf Basis früherer Erfahrungen. Sie spielt eine Schlüsselrolle beim Dolmetschen, da falsch wahrgenommene Informationen nicht korrekt analysiert und somit nicht präzise übersetzt werden können.
Die Wahrnehmung ist nicht objektiv, sondern wird durch den Kontext, die Umgebung und die Erfahrungen des Dolmetschers beeinflusst. Auch die Wahrnehmung des Empfängers spielt eine Rolle. Der Dolmetscher erfasst Informationen primär über das Sehen und Hören.
Vision
Biologisch gesehen verarbeitet das Gehirn die durch die Augen aufgenommenen optischen Signale. Für Gebärdensprachdolmetscher ist dies essenziell, da Fehler bei der Reorganisation unbekannter oder komplexer Zeichen zu Fehlinterpretationen führen können. Kulturell ist der Augenkontakt ein wesentlicher Bestandteil der Kommunikation für gehörlose Menschen. Dolmetscher müssen sich ihrer eigenen unbewussten Urteile über das Erscheinungsbild oder die Haltung von Personen bewusst sein, um die Botschaft nicht zu verfälschen.
Gehör
Informationen werden über die Cochlea an das Gehirn weitergeleitet. Das echoische Gedächtnis ermöglicht es, gehörte Töne oder Wörter für einen sehr kurzen Moment zu speichern. Dies ist für den Dolmetschprozess wichtig, birgt aber Risiken: Störungen können zum Informationsverlust führen, während eine unbewusste Wiederholung der letzten Worte die Interpretation stören kann. Die Wortidentifizierung hilft dabei, vorherzusagen, was als Nächstes gesagt wird, was bei vertrauten Themen nützlich, bei unerwarteten Inhalten jedoch potenziell katastrophal sein kann.
Aufmerksamkeit und Konzentration
Aus psychologischer Sicht ist Aufmerksamkeit die Fähigkeit, sich auf bestimmte sensorische Informationen zu konzentrieren. Da das Gehirn nicht alle Informationen gleichzeitig verarbeiten kann, muss der Dolmetscher entscheiden, welche Daten relevant sind. Dies erfordert eine bewusste Strategie.
Faktoren, die die Aufmerksamkeit beeinflussen
- Verständlichkeit: Mangelndes Verständnis von Inhalten oder fremde Terminologie stören den Fokus. Eine gute Vorbereitung ist daher unerlässlich.
- Interesse: Das Interesse des Dolmetschers am Thema beeinflusst die Konzentrationsfähigkeit. Langeweile kann die Qualität der Leistung mindern.
- Zeit und Ermüdung: Nach etwa 30 Minuten steigt die Fehlerquote signifikant an. Regelmäßige Pausen und der Wechsel von Dolmetschern sind notwendig, um die Qualität zu sichern.
- Körperliche und geistige Verfassung: Die optimale physische und psychische Verfassung des Dolmetschers ist entscheidend für eine effektive Leistung. Dolmetscher müssen ihre eigenen Grenzen kennen und Techniken zur Erhaltung ihrer Konzentrationsfähigkeit anwenden.