Grundlagen der Linguistik: Saussure und Peirce erklärt
Der Gegenstand der Linguistik nach Saussure
Die Linguistik betrachtet die Sprache als ein System von Zeichen. Das grundlegende Element, das sprachliche Zeichen, ist eine zweiseitige Einheit, die aus zwei untrennbaren Komponenten besteht: dem Signifikanten (Bezeichnendes) und dem Signifikat (Bezeichnetes). Diese beiden Seiten sind wie die Vorder- und Rückseite eines Blattes Papier miteinander verbunden.
Sprache als Werkzeug des Denkens
Der Laut dient als Instrument des Denkens und bildet eine komplexe akustisch-vokale, physiologische und mentale Einheit. Die Sprache (langage) hat sowohl eine individuelle als auch eine soziale Seite, die nicht voneinander getrennt werden können.
Langage, Langue und Parole
Ferdinand de Saussure unterscheidet drei zentrale Begriffe:
- Langage (Sprachvermögen): Die allgemeine, angeborene menschliche Fähigkeit zur Sprache. Sie ist heterogen und vielgestaltig.
- Langue (die Sprache): Das abstrakte System von Zeichen und Regeln, das einer Sprachgemeinschaft gemeinsam ist. Sie ist ein soziales Produkt, das vom Einzelnen gelernt und als Konvention übernommen wird. Sie ist das eigentliche Objekt der Linguistik.
- Parole (das Sprechen): Die konkrete, individuelle Realisierung und Anwendung der Sprache in einer Sprechsituation.
Die artikulierte Sprache
Nach Ansicht des Linguisten William Dwight Whitney dient der Vokaltrakt aus praktischen Gründen als Werkzeug für die Sprache. Der Begriff „artikulierte Sprache“ leitet sich vom lateinischen articulus (Glied, Teil) ab. Er beschreibt die Fähigkeit der Sprache, in kleinere Einheiten wie Silben und Laute unterteilt zu werden, die zu größeren Einheiten kombiniert werden können.
Der Sprechakt und seine Komponenten
Der Ausgangspunkt im Gehirn
Der Ausgangspunkt eines Sprechaktes liegt im Gehirn. Hier werden Konzepte (Bewusstseinsinhalte) mit den zugehörigen sprachlichen Darstellungen, den sogenannten Klangbildern, verknüpft. Löst ein Konzept das zugehörige Klangbild aus, handelt es sich um einen psychischen und physiologischen Vorgang.
Der Kommunikationskreislauf (Circuit de la parole)
Der Kommunikationskreislauf besteht aus mehreren Teilen:
- Psychischer Teil: Die Assoziation von Konzept und Klangbild im Gehirn.
- Physiologischer Teil: Die Übertragung des Nervenimpulses vom Gehirn zu den Sprechorganen und die Artikulation.
- Physischer Teil: Die Schallwellen, die sich vom Mund des Sprechers zum Ohr des Hörers ausbreiten.
Der Prozess ist sowohl aktiv (beim Sprecher) als auch passiv (beim Hörer). Der Sprecher führt eine exekutive Handlung aus, während der Hörer rezeptiv ist.
Eigenschaften der Langue
Die Langue als Untersuchungsgegenstand der Linguistik hat folgende Eigenschaften:
- Sie ist der soziale Teil des Sprachvermögens und existiert außerhalb des Individuums, das sie allein weder erschaffen noch verändern kann.
- Sie ist ein klar abgrenzbares Objekt, das separat untersucht werden kann.
- Sie ist im Gegensatz zur heterogenen Parole ein homogenes System.
- Sie ist ein Objekt konkreter Natur.
Semiologie: Die Lehre von den Zeichen
Die Semiologie (oder Semiotik) ist die Wissenschaft, die das Leben der Zeichen im Rahmen des sozialen Lebens untersucht. Sie ist Teil der Sozialpsychologie und der allgemeinen Psychologie. Ihre Aufgabe ist es zu klären, worin Zeichen bestehen und welchen Gesetzen sie unterliegen. Die Linguistik ist somit ein Teil dieser allgemeinen Zeichenlehre.
Das sprachliche Zeichen nach Saussure
Das sprachliche Zeichen verbindet nicht eine Sache und einen Namen, sondern ein Konzept (Signifikat) und ein Klangbild (Signifikant).
Das Klangbild (Signifikant)
Das Klangbild ist nicht der materielle Laut, sondern dessen psychischer Abdruck – die Vorstellung, die wir davon haben. Dieses Bild ist sinnlicher Natur. Aufgrund des psychischen Charakters der Klangbilder können wir innerlich zu uns selbst sprechen, ohne Lippen oder Zunge zu bewegen.
Prinzip 1: Die Arbitrarität des Zeichens
Das Band, das den Signifikanten mit dem Signifikat verbindet, ist arbiträr (willkürlich). Das bedeutet, es gibt keine natürliche, innere Verbindung zwischen dem Klangbild (z. B. dem Wort „Baum“) und dem Konzept (der Vorstellung eines Baumes). Die Verbindung beruht ausschließlich auf gesellschaftlicher Konvention.
Abgrenzung zum Symbol
Im Gegensatz zum arbiträren Zeichen steht das Symbol, bei dem eine natürliche Verbindung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem besteht (z. B. die Waage als Symbol für Gerechtigkeit).
Prinzip 2: Die Linearität des Signifikanten
Der Signifikant ist auditiver Natur und entfaltet sich daher nur in der Zeit. Er hat die Merkmale der Zeit:
- Er stellt eine Ausdehnung dar.
- Diese Ausdehnung ist in nur einer Dimension messbar: als eine Linie.
Sprachliche Zeichenketten sind daher immer linear angeordnet (ein Wort nach dem anderen).
Das Zeichenmodell von Charles S. Peirce
Im Gegensatz zu Saussures zweiseitigem Modell ist das Zeichen bei Charles Sanders Peirce eine triadische (dreiseitige) Relation. Jedes Zeichen besteht aus drei Elementen:
- Representamen: Das Zeichen selbst, so wie es sich darstellt (z. B. das Wort, das Bild, der Rauch). Es ist die Repräsentation von etwas.
- Objekt: Das, worauf sich das Representamen bezieht.
- Interpretant: Die Bedeutung oder die Wirkung, die das Representamen im Bewusstsein des Empfängers hervorruft. Es ist die Idee des Zeichens, die im Geist entsteht.
Arten des Interpretanten
Peirce unterscheidet weiter:
- Der unmittelbare Interpretant: Die unmittelbare, im Zeichen selbst angelegte Bedeutung.
- Der dynamische Interpretant: Die tatsächliche Wirkung, die das Zeichen im Geist eines Subjekts hervorruft.
Die Semiose
Für Peirce ist das Zeichen eine mentale Kategorie, eine Idee, durch die wir etwas über die Welt lernen oder kommunizieren. Dieser Prozess der Zeichenverwendung und -interpretation wird Semiose genannt. Es ist ein schlussfolgernder Prozess, der im Bewusstsein einer Person stattfindet. Die Semiotik ist demnach die Theorie dieser Praxis der Semiose.