Kastilisch: Entstehung, Quellen und mittelalterliche Lyrik
Geburt des Kastilischen
Geburt des Kastilischen. Das Vulgärlatein auf der iberischen Halbinsel wurde seit der römischen Ankunft (218 v. Chr.) weiterentwickelt und spaltete sich in verschiedene Dialekte. Besonders seit dem 8. Jahrhundert, mit der muslimischen Eroberung und der Zersplitterung der christlichen Königreiche, entstanden die romanischen Sprachen wie das Kastilische, Katalanische und die mozarabischen Dialekte. Damit stellt das Kastilische innerhalb der romanischen Entwicklung ein hohes Maß an Differenzierung und Dynamik dar. Die ersten schriftlichen Erwähnungen stammen aus dem 10. Jahrhundert; auch die Glossen (kurze Erklärungen in romanischer Sprache zu lateinischen Begriffen, von Mönchen und Schreibern als marginale Notizen in Bücher eingetragen) sind wichtige Zeugnisse. Das Kastilische weist zahlreiche Besonderheiten in Lautentwicklung und Orthographie auf.
Frühe kastilische Lyrik
Frühe kastilische Lyrik. Lange wurde angenommen, es gäbe keine volkstümliche Lyrik in Kastilien, da für die frühesten lyrischen Kompositionen in der Landessprache kaum schriftliche Aufzeichnungen existierten. Menéndez Pidal verteidigte jedoch die Existenz einer primitiven kastilischen Volkspoesie, die mündlich überliefert wurde (bis ins 15. Jahrhundert) und einen eigenständigen, einheimischen Stil aufwies.
Quellen der kastilischen Lyrik
Quellen der kastilischen Lyrik. Zur Entstehung der kastilischen Lyrik gibt es verschiedene Theorien. Man nimmt an, dass die ersten Kompositionen aus zwei Haupteinflüssen entstanden sind:
- Galicisch-portugiesischer Einfluss: Im frühen Mittelalter beeinflusste die galicisch-portugiesische Sprache viele Dichter und Herrscher Kastiliens. Typische Kompositionen dieser Tradition sind Cantigas und Balladen zu Themen wie Freundschaft, Liebe sowie Spottlieder (maldezir). Auch die provenzalische Lyrik wurde als Einfluss angesehen, oft in Verbindung mit der galicischen Tradition.
- Mozarabische Einflüsse, Moaxajas und Jarchas: Es wurden kleine Lieder in Arabisch oder Hebräisch (sogenannte moaxajas) entdeckt, die mit abschließenden Verszeilen in mozarabischer Volkssprache enden (die sogenannten jarchas). Diese jarchas sind meist Liebeslieder, in denen ein Mädchen sich an seine Mutter oder Schwestern wendet und sein Leid über das Fernbleiben oder die Rückkehr des Geliebten beklagt. Daher könnten die Jarchas frühe Vorläufer oder Inspirationsquellen der späteren kastilischen Lyrik gewesen sein.
Mester de Juglaría (Mester der Spielleute)
Mester de Juglaría. Diese anonyme Tradition richtete sich vor allem an ein breites Publikum. Ziele waren Unterhaltung und Information; die Werke wurden mündlich verbreitet. Charakteristisch sind thematische Epen, unregelmäßige Metrik und einfache stilistische Mittel. Typische Merkmale sind:
- mündliche Überlieferung und Aufführung durch Spielleute (juglares),
- unregelmäßiger Versbau,
- einfache literarische Mittel wie Wiederholung und feste Formeln.
Mester de Clerecía (geistliche Dichtung)
Mester de Clerecía. Im Gegensatz hierzu steht die von Geistlichen und gebildeten Schreibern verfasste Dichtung, deren Ziel in der Belehrung liegt. Sie stützt sich auf schriftliche Quellen aus Bibliotheken und verbreitet religiöse und lehrhafte Themen. Die Metrik ist regelmäßiger (z. B. Alexandriner in der späteren Tradition) und die literarischen Mittel komplexer: Metapher, Symbol, Allegorie, Ironie usw. Vertreter sind etwa Gonzalo de Berceo und Juan Ruiz.
Jorge Manrique: Coplas über den Tod seines Vaters
Verse über den Tod seines Vaters. Jorge Manrique stellt in seinen berühmten Coplas por la muerte de su padre die Gestalt seines verstorbenen Vaters als ruhigen, heldenhaften Menschen dar, der dem Tod gelassen begegnet. Wichtige Aspekte seiner Dichtung sind:
- Themen: Tod (als Anlass reflexiver Betrachtungen des Dichters) und Ruhm (als Möglichkeit, den Tod zu überdauern).
- Struktur: Die Dichtung gliedert sich in drei Teile: Die ersten beiden beziehen sich auf das irdische Leben; der dritte thematisiert zwei mögliche Perspektiven des Weiterlebens: den Ruhm (Fortleben in der Erinnerung der Nachwelt) und das ewige Leben.
- Metrische Form: Das Werk besteht aus 40 coplas de pie quebrado (Coplas mit gebrochenem Versfuß). Die gewählte Form, die sogenannte copla manriqueña, besteht aus sechszeiligen Strophen mit dem Reimschema abc abc.