Sozialphilosophie & Soziologie: Geselligkeit in der Geschichte
Sozialphilosophie & Soziologie: Der historische Hintergrund
Von Geburt an tauchen wir in eine Welt ein, in der Vorschriften, Sitten und Gebräuche etabliert sind. All diese Faktoren beeinflussen uns und formen uns zu Menschen, die sozialisiert werden. Die Rolle des Menschen wird durch die Sitten der Gesellschaft bestimmt. Die Genetik wird durch die Gesellschaft geformt.
Die Sozialphilosophie muss sich mit der Soziologie auseinandersetzen. Die Geschichte der Soziologie ist viel jünger. In Bezug auf die zentrale Frage der Sozialphilosophie, ob der Mensch von Natur aus gesellig ist, müssen wir die Geschichte des Denkens berücksichtigen und fördern.
Die Athener Polis: Platon und Aristoteles
Die Frage der Geselligkeit wurde von Aristoteles aufgeworfen: Der Mensch ist ein soziales Wesen, ein politischer Mensch (Zoon Politikon). Die Athener Polis zur Zeit Platons und Aristoteles' war ein sehr gut organisierter Stadtstaat.
Ein Leben außerhalb der Polis war undenkbar; wer außerhalb lebte, galt als Unmensch oder verurteilte Bestie. Sokrates zog es vor zu sterben, anstatt ins Exil geschickt zu werden.
Platons Republik und die Gerechtigkeit
Platon spricht in seinem Dialog Der Staat (Politeia/Republik) über die bestmögliche Erziehung der Bürger, um dem Staat gerecht zu werden und Eintracht unter allen Menschen zu erreichen. Der Mensch wird durch die Gesellschaft geformt. Ohne eine gerechte Gesellschaft kann der Mensch seine Fähigkeiten nicht entwickeln – dies unterscheidet ihn von den Bestien.
Aristoteles über Sprache und Natur
Aristoteles' Gedanke: Die Natur macht nichts umsonst. Der Mensch ist das einzige Tier, das Sprache besitzt. Das Wort hilft uns, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden.
Europa der Aufklärung: Der Wandel des Menschenbildes
Während Athen (Platon und Aristoteles) bekräftigte, dass der Mensch von Natur aus ein soziales Wesen ist, bekräftigte Europa der Aufklärung, dass der Mensch von Natur aus ein menschenscheues Wesen ist. Dies führte zu einer Wiederaufnahme des Gedankens, dass das Leben in der Gesellschaft Probleme aufwirft.
Hobbes, Locke und Rousseau stimmten darin überein, dass der Mensch von Natur aus unsozial ist und einen Pakt oder Vertrag benötigt, um in der Gesellschaft leben zu können.
Thomas Hobbes: Der Leviathan und der Krieg aller gegen alle
Nach Hobbes ist der Mensch eine antisoziale Maschine (Homo homini lupus est – Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf). Hobbes gilt als ethischer Egoist, der das menschliche Leben als ständigen Kampf aller gegen alle begreift, verursacht durch:
- Konkurrenz (Competition)
- Misstrauen
- Ruhm
Um diesen Kriegszustand zu beenden, schließen die Menschen einen Vertrag, in dem sie ihre natürlichen Rechte auf eine souveräne Autorität übertragen. Dieser Vertrag bildet die Grundlage für einen souveränen Staat. Der Hobbes'sche Staat wird zum Bewahrer der Stärke jedes Einzelnen. Der Staat besitzt das Gewaltmonopol und hat das alleinige Mandat, den staatlichen Frieden zu erhalten. Hobbes nennt diesen Staat den Leviathan. Der Hobbes'sche Staat übernimmt alle Macht und ist unbesiegbar.
John Locke: Freiheit, Gleichheit und Gewaltenteilung
Nach Locke sind alle Menschen von Natur aus frei und gleich. Der Staat muss ihre Rechte respektieren. Dies führte dazu, dass die Staatsmacht auf ein Minimum reduziert werden sollte. Um die Souveränität zu garantieren, schlug Locke die Teilung der Regierung in drei Gewalten vor:
- Legislative (Gesetzgebung)
- Exekutive (Ausführung)
- Föderative (Außenbeziehungen)
Rousseau und Kant: Der Gesellschaftsvertrag und die ungesellige Geselligkeit
Für Jean-Jacques Rousseau besitzt der Mensch im Naturzustand nichts Soziales, da er zur Isolation neigt und allein lebt. Der Mensch muss einen Pakt schließen, um sein Leben und sein Eigentum zu verteidigen. In seinem Werk Vom Gesellschaftsvertrag reflektiert Rousseau darüber, wie der Staat beschaffen sein muss, um Bürger zu schaffen, die gleich und frei sind.
Nach Immanuel Kant ist der Mensch weder von Natur aus nur gesellig noch nur menschenscheu, sondern beides zugleich (die sogenannte ungesellige Geselligkeit). Kant strebt danach, eine zivilgesellschaftliche Basis zu erreichen, die eine größere Freiheit des Menschen fördert, indem Gesetze die Freiheit des Einzelnen mit der Freiheit der anderen vereinbar machen.