Soziologie der Kriminalität: Merton und die Chicago School

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Merton und die Anomietheorie

Merton entwickelte die Vorstellung, dass gesetzliche Kontrolle (oder deren Fehlen) Anomie produzieren kann. Abweichendes Verhalten wird hierbei als normale Anpassung an die Umwelt betrachtet und nicht als biologischer Mangel an sozialer Kontrolle.

Kulturelle Struktur und Integration

Merton unterscheidet zwei Elemente der kulturellen Struktur:

  • Kulturell definierte Ziele
  • Institutionelle Mittel zur Erreichung dieser Ziele

In einer gut geregelten Gesellschaft sind Ziele und Mittel harmonisch integriert. Eine mangelhafte Integration entsteht, wenn den Zielen eine unverhältnismäßige Bedeutung beigemessen wird. In der amerikanischen Gesellschaft wird beispielsweise Geld als Wert an sich gesetzt, während die Mittel vernachlässigt werden.

Typologie der individuellen Anpassung

Merton definiert vier Formen abweichenden Verhaltens:

  • Innovation: Der Innovator nutzt illegitime Mittel, da er sozial induzierte Bestrebungen bei objektiver Ungleichheit der Chancen hat.
  • Ritualismus: Das Festhalten an Regeln ohne Erwartung auf Belohnung.
  • Rückzug: Die Abkehr von der Gesellschaft (z. B. Obdachlose, Drogenabhängige).
  • Aufstand: Der Versuch, die kulturellen Normen radikal zu ändern.

Die Chicago School: Soziale Ökologie

Die Chicago School erforschte die „soziale Ökologie“ der Stadt, insbesondere die Verteilung von Wohngebieten und die Entstehung von Kriminalitätsschwerpunkten. Park sah die Aufgabe der Soziologie darin, die Mechanismen zu entdecken, die das „biotische“ Gleichgewicht des gesellschaftlichen Lebens erhalten.

Kritik und Weiterentwicklung

Rex und Moore kritisierten, dass die Chicago-Theorie Machtverhältnisse vernachlässigte. Kriminalität sei oft eine Folge von Chancenungleichheit und nicht einer „Demoralisierung“ der Bewohner. Die Theorie der sozialen Desorganisation wurde später zur Theorie der differenziellen Assoziation weiterentwickelt.

Differenzielle Assoziation

Diese Theorie besagt, dass kriminelles Verhalten erlernt wird, genau wie nicht-kriminelles Verhalten. Kriminalität ist somit kein Resultat individueller Pathologie, sondern das Ergebnis von Lernprozessen innerhalb spezifischer Subkulturen, in denen abweichendes Verhalten durch soziale Verstärker wie Status und Prestige belohnt wird.

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