Spanische Literatur: Der Roman nach dem Bürgerkrieg
Die Stufen des spanischen Romans nach dem Bürgerkrieg
Die Entwicklung des Romans nach dem Spanischen Bürgerkrieg lässt sich in verschiedene Phasen unterteilen:
Der existenzielle und entwurzelte Roman der 40er-Jahre
Die Entwurzelung der Nachkriegszeit (posguerra) manifestiert sich in einer Realität, die von täglicher Gewalt und dem Gefühl der Sinnlosigkeit der Existenz geprägt ist. Bedeutende Werke dieser Phase sind:
- La familia de Pascual Duarte von Camilo José Cela
- Nada (Nichts) von Carmen Laforet
Der soziale Roman der 50er-Jahre
Diese Phase ist durch einen kollektiven Charakter und die Tendenz zum Objektivismus geprägt, wodurch die Bedeutung des Erzählers in den Hintergrund tritt. Im Vordergrund stehen die gesellschaftliche Anklage und die Bedeutung des Dialogs. Wichtige Werke sind:
- El Jarama von Rafael Sánchez Ferlosio
- La Colmena (Der Bienenstock) von Camilo José Cela
- Las Ratas (Die Ratten) von Miguel Delibes
Die formale Erneuerung der 60er-Jahre
In dieser Phase wird dem Sprachstil (lenguaje) und der Strukturierung der Geschichte eine größere Bedeutung beigemessen. Es kommt zur Einbeziehung neuer Verfahren, einer Mischung aus verschiedenen Räumen und Zeiten sowie der Darstellung des individuellen Charakters vor einem sozialen Hintergrund unter Verwendung typografischer Mittel.
Fokus auf Camilo José Cela
Mit seinem Werk La familia de Pascual Duarte (1942) begründete Camilo José Cela den sogenannten Tremendismo – eine literarische Technik, welche die rohe Realität frei von sozialen Vorurteilen darstellt. Sein 1951 veröffentlichter Roman La Colmena bietet einen hervorragenden Überblick über das Madrid der 40er-Jahre. Im Jahr 1989 wurde Cela mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.
Neueste Trends des Romans seit Ende der 70er-Jahre
Seit den 1970er-Jahren zeichnet sich der spanische Roman durch eine große Vielfalt an Themen und die Suche nach neuen expressiven Verfahren aus:
Der expressive und poetische Roman
Erschafft eine neue Welt voller Symbolik und unergründlicher Zeichen. Ein herausragendes Beispiel ist Der gelbe Regen (La lluvia amarilla) von Julio Llamazares.
Der historische Roman
Konzentriert sich auf die historische Rekonstruktion einer Epoche. Beispiele hierfür sind:
- Oktober, Oktober (Octubre, octubre) von José Luis Sampedro
- Der Fechtmeister (El maestro de esgrima) und die Reihe um Captain Alatriste von Arturo Pérez-Reverte
Der Kriminal- und Intrigenroman
Diese Gattung wurde stark durch Filmtechniken beeinflusst, die in die narrative Struktur übernommen wurden (wie Rückblenden und multiple Perspektiven). Es etablierte sich eine Reihe von Detektiv- und Kriminalromanen, wie die Geschichten um den Detektiv Pepe Carvalho (z. B. Die Meere des Südens / Los mares del Sur) von Manuel Vázquez Montalbán. Die Kriminaltechnik zeigt sich auch in Die Wahrheit über den Fall Savolta (La verdad sobre el caso Savolta) von Eduardo Mendoza und Plenilunio von Antonio Muñoz Molina.
Die Rückkehr zur realistischen Tendenz
Erzähler kehren zur psychologischen Analyse und zur Autobiografie zurück. Bedeutende Beispiele sind:
- Spiele der späten Zeit (Juegos de la edad tardía) von Luis Landero
- Mein Herz so weiß (Corazón tan blanco) von Javier Marías
Historischer und literarischer Kontext im Überblick
- 40er-Jahre (Existenzielle Literatur): Geprägt von Angst und Schmerz nach dem Bürgerkrieg.
- 50er-Jahre (Soziale Literatur): Fokus auf Gesellschaftskritik und die Anklage sozialer Missstände.
- 60er-Jahre (Emigration und Tourismus): Öffnung der Grenzen und ästhetische Erneuerung durch den Kontakt mit neuen internationalen Erzähltechniken.
- Ab 1975 (Demokratie): Entstehung einer großen Vielfalt an literarischen Tendenzen.