Subjektivismus: Erkenntnistheorie, Philosophiegeschichte und Sozialwissenschaften

Philosophie und EthikAktualisiert am 7,97 KB

Zusammenfassung

Der Text erklärt den Subjektivismus als erkenntnistheoretische Position, nach der Erkenntnis wesentlich vom erkennenden Subjekt geprägt ist, und unterscheidet individualen und generellen Subjektivismus. Er verfolgt die Idee von Protagoras über Descartes und Kant bis zu Husserl und Schopenhauer. Außerdem zeigt er, wie der Gegensatz Subjektivismus und Objektivismus in den Sozialwissenschaften das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft berührt.

Kernpunkte

  • Subjektivismus ist ein Sammelbegriff: Begriffe, Urteile und Erkenntnisse sind wesentlich durch das Subjekt bestimmt.
  • Individualer Subjektivismus sieht das einzelne Individuum und sein Bewusstsein als Maß aller Erkenntnis.
  • Genereller Subjektivismus sieht im allen Menschen gemeinsamen Wesen des Erkennens die Bedingung aller Erkenntnis.
  • Protagoras wird der Satz „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ zugeschrieben.
  • Descartes begründet mit „Ich denke, also bin ich“ ein nicht anzweifelbares Fundament des Denkens.
  • Kant erklärt die Dinge an sich für unerkennbar, da sie stets in Raum und Zeit erscheinen; er spricht von einer „kopernikanischen Wende“.
  • In den Sozialwissenschaften geht es beim Gegensatz Subjektivismus vs. Objektivismus um den Status von Begriffen wie „Gesellschaft“ oder „soziale Klasse“.

Stellen Sie sich auf die Probe

Subjektivismus

Subjektivismus ist ein Sammelbegriff für verschiedene erkenntnistheoretische Positionen. Nach diesen Positionen sind alle Begriffe, Urteile und Erkenntnisse wesentlich durch das jeweilige Subjekt – in der Regel der einzelne Mensch – bestimmt und geprägt. Subjektivistische Positionen stehen im Gegensatz zu objektivistischen oder stark realistischen Positionen. Sie führen aber nicht notwendigerweise zu Idealismus, Relativismus oder Skeptizismus. Dafür ist entscheidend, wie die Positionen Wahrheit und die Zugänglichkeit zur Wahrheit verstehen.

Inhaltsverzeichnis

  • Individualer und genereller Subjektivismus
  • Subjektivismus in der Philosophiegeschichte
  • Subjektivismus in den Sozialwissenschaften
  • Siehe auch
  • Literatur
  • Einzelnachweise

Individualer und genereller Subjektivismus

Der individuale Subjektivismus sieht im einzelnen Individuum und seinem individuellen Bewusstsein das Maß aller Erkenntnis. Die individuelle Wahrnehmung und die individuellen Interessen des jeweiligen Subjekts bestimmen seine Realität, die dadurch notwendig relativ ist. Jedes Subjekt nimmt die Außenwelt auf seine eigene Weise wahr.

Der generelle Subjektivismus sieht in der Wesensart des erkennenden Subjekts, z. B. in einem allen Menschen gemeinsamen „menschlichen Wesen“, die Bedingung aller Erkenntnis. Verschiedene Individuen unterliegen in ihrem Erkennen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Gattung Mensch zwar demselben Gesetz und erkennen folglich die Außenwelt auf prinzipiell dieselbe Weise. Dennoch könnten sie nicht sicher sein, ob ihre Erkenntnis objektiv richtig ist. Aus der Perspektive anderer Lebewesen, seien dies Tiere oder fiktive andere Lebensformen, könnte der Blick auf die Dinge ein ganz anderer sein.

Subjektivismus in der Philosophiegeschichte

Die Aussage „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ wird dem vorsokratischen Philosophen Protagoras zugeschrieben. Dabei ist unsicher, ob damit das einzelne Individuum oder die Gattung Mensch gemeint ist.

Als gemäßigte Form des Subjektivismus kann die von René Descartes ausgehende Meinung gelten, dass alle Objekterkenntnis von dem einzig primär Gegebenen – dem Bewusstsein des Subjekts – abhängt. Dieses sei aber aufgrund gewisser logischer Gesetze, denen es sich nicht entziehen kann, zumindest teilweise zu objektiver bzw. unanzweifelbarer Erkenntnis fähig. Descartes formulierte in diesem Zusammenhang den Grundsatz „Ich denke, also bin ich“ („Cogito ergo sum“) als nicht anzweifelbares Fundament jedes Denkens. Im Übrigen begibt sich der Subjektivismus in einen Selbstwiderspruch, wenn er behauptet: „Alle menschliche Erkenntnis ist subjektiv“. Denn diese Aussage selbst soll eine objektive Wahrheit bzw. Erkenntnis sein.

Dem gemäßigten cartesianischen Ansatz verwandt ist der von Immanuel Kant vertretene Ansatz einer „kritischen“ Erkenntnistheorie. Die Dinge an sich seien unerkennbar, da sie immer schon innerhalb subjektiver Wahrnehmungskategorien – nämlich Raum und Zeit – erscheinen. Kant ist dabei ein Vertreter eines generellen Subjektivismus: Als erkenntnisbildende Instanz betrachtet Kant nicht das empirische Einzelsubjekt, sondern das Denken als solches, wie es der Gattung Mensch wesensmäßig zukommt. Die Philosophie als „Transzendentalphilosophie“ habe sich der Erforschung dieser Denkgesetze zu widmen. Dafür wollte Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft sowie mit den Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik einen Grundstein legen. Dieses In-den-Blick-nehmen der eigenen Erkenntnisfähigkeit und die damit verbundene philosophische Erforschung des Subjekts wird oft auch als „kopernikanische Wende in der Philosophie“ bezeichnet: Nicht mehr die Welt, sondern die Selbstkritik des Denkens, nicht mehr das Außen, sondern das Innen steht im Zentrum der Aufmerksamkeit.

In der Nachfolge Kants verstanden sich viele dem Idealismus zugehörige deutsche Denker – jedoch mit jeweils sehr eigener Akzentuierung – als Transzendentalphilosophen. Neben Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling gilt dies auch für Edmund Husserl, dessen Erneuerung des cartesianischen Ideals einer absolut begründeten Wissenschaft im Zentrum seiner Phänomenologie steht. Der Kant-Schüler Arthur Schopenhauer postulierte:

„‚Die Welt ist meine Vorstellung‘ – ist ein Satz, den jeder als wahr erkennen muss, sobald er ihn versteht, wenn gleich nicht ein solcher, den jeder versteht, sobald er ihn hört.“

Heute fasst man unter dem Begriff Subjektivismus all jene relativistischen Auffassungen zusammen, die mit dem Hinweis auf das Subjekt als einzige Instanz jedweder Erkenntnis die Möglichkeit allgemeiner und intersubjektiv gültiger Aussagen grundsätzlich verneinen. In Anwendung auf die Ethik kann ein konsequent skeptischer Subjektivismus zur Verneinung interindividueller Werte führen und zum Egoismus weisen. Dies ist nicht zwingend, weil interindividuelle Ethik für das Subjekt auch dann eine wichtige und handlungsleitende Rolle spielen kann, wenn anderen Individuen der Besitz von Wahrheit abgesprochen wird. Aus der Annahme, dass es keine intersubjektive Gültigkeit für moralische Werte gibt, folgt nicht zwingend, dass es überhaupt keine moralischen Werte gibt.

„Seit der Aufklärung hat sich der Mensch zum Maß allen Seins und aller Dinge erhoben und so seine Subjektivität an die Stelle von Gottes Offenbarung gesetzt. Wenn aber Subjektivität sich selbst und ihr Denken als Wahrheit versteht, so impliziert das die Voraussetzungslosigkeit und Immanenz des Menschen. Daraus entwickelt sich eine Erkenntnistheorie, bei der in positivistischer Manier alles Erkennen von dem Subjekt maßgeblich bestimmt wird. Die Erfassung der Wirklichkeit ist demnach von der Eigenart des Erkennenden ebenso geprägt wie von seinen apriorischen Bedingungen.“

– Lutz von Padberg: Die Bibel[1]

Subjektivismus in den Sozialwissenschaften

In den Sozialwissenschaften, besonders in der Soziologie und der Politikwissenschaft, hat das Gegensatzpaar Subjektivismus vs. Objektivismus eine eigene Bedeutung. Sie bezieht sich auf die Gültigkeit der von den Sozialwissenschaftlern gebrauchten Begriffe wie „Gesellschaft“, „Sozialstruktur“, „soziales System“, „soziale Schicht“ oder „soziale Klasse“: Handelt es sich bei diesen Begriffen um objektive Sachverhalte oder vielmehr um bloße, vom Forscher über die Welt „gestülpte“ Ordnungsbegriffe?

Ein wichtiges, oft diskutiertes Problem in diesem Zusammenhang ist die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft bzw. Subjektivem und Objektivem: Ist Gesellschaft eine bloße Ansammlung subjektiver Einzelindividuen, die lediglich lose miteinander verbunden sind (etwa als soziales Netzwerk oder als Markt), oder besitzt Gesellschaft eine eigene Dynamik, eigene Gesetze und Regeln? Anthony Giddens’ sogenannte „Strukturationstheorie“ lässt sich als Versuch sehen, die beiden Strömungen in einer Metatheorie miteinander zu verbinden.

Siehe auch

  • Radikaler Konstruktivismus
  • Solipsismus

Literatur

  • Ulrich Schwabe: Individuelles und Transindividuelles Ich. Die Selbstindividuation reiner Subjektivität und Fichtes Wissenschaftslehre. Mit einem durchlaufenden Kommentar zur Wissenschaftslehre nova methodo. Paderborn u. a. 2007
  • Christian Rother: In der „Endstiftung“. Einige Bemerkungen zu Richard T. Murphys „Hume and Husserl: Towards Radical Subjectivism“. In: Kontroversen in der Philosophie, Heft 5, November 1993, S. 55–61. ISSN 1019-7796

Einzelnachweise

[1] Lutz von Padberg: Die Bibel. Grundlage für Glauben, Denken und Erkennen. Prologomena zu einer biblischen Erkenntnislehre. Hänssler, Neuhausen-Stuttgart 1986, ISBN 3-7751-1083-6, S. 65

Herunterladen

PDF Word HTML

Häufige Fragen

Was versteht man unter Subjektivismus?

Subjektivismus ist ein Sammelbegriff für erkenntnistheoretische Positionen, nach denen alle Erkenntnis wesentlich durch das erkennende Subjekt, in der Regel den einzelnen Menschen, bestimmt ist. Er steht im Gegensatz zu objektivistischen oder stark realistischen Positionen.

Was ist der Unterschied zwischen individualem und generellem Subjektivismus?

Der individuale Subjektivismus sieht im einzelnen Individuum und seinem Bewusstsein das Maß aller Erkenntnis. Der generelle Subjektivismus sieht die Bedingung aller Erkenntnis im allen Menschen gemeinsamen Wesen des erkennenden Subjekts.

Was bedeutet „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“?

Diese Aussage wird dem vorsokratischen Philosophen Protagoras zugeschrieben. Unsicher ist, ob damit das einzelne Individuum oder die Gattung Mensch gemeint ist.

Stellen Sie sich auf die Probe

Lernkarten

Tippen Sie auf eine Karte, um die Antwort zu sehen.

Test

1. Welchem Philosophen wird der Satz „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ zugeschrieben?
2. Welche Grundaussage trifft Kant über die Dinge an sich?
3. Welchen Grundsatz formulierte Descartes als nicht anzweifelbares Fundament?
4. Wie wird Kants Wendung zum erkennenden Subjekt oft bezeichnet?
5. Welche Frage steht in den Sozialwissenschaften im Zentrum des Gegensatzes Subjektivismus vs. Objektivismus?
6. Welcher Ansatz soll das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in einer Metatheorie verbinden?

Mit KI aus dem Dokument erstellte Fragen: Prüfen Sie die Antworten anhand des Textes.