Wirtschaftswachstum und Strukturwandel: Eine Analyse
Wirtschaftliches Wachstum und Strukturwandel
Lessons for the World Economy
José Antonio Alonso
Carlos Garcimartín
Carmen Fillat
1. Die Bedeutung der wirtschaftlichen Dynamik
Wirtschaftliche und soziale Entwicklung ist eines der wichtigsten Ziele staatlichen Handelns. Die Erreichung dieses Ziels ist jedoch keine einfache Aufgabe, insbesondere für die ärmsten und schwächsten Länder. Die Schwierigkeiten werden durch widrige Bedingungen im internationalen Umfeld verstärkt, wie etwa Protektionismus in der Landwirtschaft, Einschränkungen bei der technologischen Innovation oder der schwierige Zugang zu stabilen Kapitalmärkten. Dennoch ist diese komplexe Aufgabe nicht unmöglich, wie die jüngere Geschichte illustriert.
Nach Angaben von Maddison hatten Spanien und Peru im Jahr 1960 ein ähnliches BIP pro Kopf von rund 3.000 $ (in Preisen von 1990). Seitdem haben sich beide Länder wirtschaftlich unterschiedlich entwickelt: Spanien wuchs mit einer durchschnittlichen jährlichen Rate von 4,0 %, Peru mit 0,9 %. Diese Unterschiede führten dazu, dass das BIP pro Kopf in Spanien im Jahr 2006 (18.872 $) mehr als viermal so hoch war wie in Peru (4.505 $).
Ein weiteres Beispiel ist die Umkehr der relativen Entwicklung: 1960 war das BIP pro Kopf in Mexiko mehr als doppelt so hoch wie in Südkorea, in Argentinien sogar viermal so hoch. Im Jahr 2006 war das BIP pro Kopf in Südkorea doppelt so hoch wie in den beiden lateinamerikanischen Ländern. Dies resultiert aus einem jährlichen Wachstum von 6 % in Südkorea gegenüber 1,9 % in Mexiko und 1,2 % in Argentinien.
Diese Beispiele zeigen: Unterentwicklung ist kein unüberwindbares Schicksal. Länder können durch eine nachhaltige Wachstumsdynamik den Rückstand aufholen. Dabei sind einige Faktoren unter der Kontrolle der Länder selbst:
- Der institutionelle Rahmen eines Landes.
- Die Optionen für die Wirtschafts- und Sozialpolitik, die den Wachstumskurs mittel- und langfristig beeinflussen.
Daher ist es entscheidend zu verstehen, welche Faktoren die Wachstumsdynamik fördern.
Das Harrod-Domar-Modell
Die moderne Wachstumstheorie entstand Mitte des 20. Jahrhunderts durch Roy Harrod und Evsey Domar. Ihr Modell basiert auf zwei einfachen Annahmen:
- Haushalte sparen einen konstanten Anteil ihres Einkommens.
- Das Grundkapital ist proportional zum Output: Mehr Kapital führt zu mehr Leistung.
- Investitionen dienen dazu, das Grundkapital zu erhöhen oder Abschreibungen zu ersetzen: I = ΔK + K∂ (wobei ∂ die Abschreibungsrate ist).
Das Gleichgewichtswachstum hängt somit von der Sparquote, der aggregierten Effizienz des Kapitals und der Abschreibungsrate ab.
Das neoklassische Modell: Grundlagen
Das einflussreichste Modell stammt von Robert Solow und Trevor Swan. Im Gegensatz zu Harrod-Domar erlaubt es die freie Kombination von Kapital und Arbeit. Wirtschaftswachstum entsteht hier primär durch die stetige Akkumulation von Kapital. Langfristig führt dies jedoch zu einem stabilen Zustand (Steady State), in dem das Wachstum ohne technischen Fortschritt zum Erliegen kommt.
2. Growth Accounting
Das Solow-Modell ermöglicht eine Wachstumsrechnung, um empirisch zu bestimmen, welche Faktoren die Dynamik fördern. Das Produktionswachstum lässt sich als Aggregation von drei Faktoren verstehen: Wachstum der Arbeitsstunden, Zunahme des produktiven Kapitals und die Rate des technischen Fortschritts (totale Faktorproduktivität, λ).
=
In entwickelten Ländern ist ein Drittel bis die Hälfte des Wachstums auf den technologischen Fortschritt zurückzuführen. In Entwicklungsländern basiert ein Großteil des Wachstums hingegen auf der Expansion der produktiven Faktoren.
3. Endogenes Wachstum
Da das Solow-Modell den technischen Fortschritt als exogen betrachtet, entwickelten Ökonomen in den 1980er Jahren Theorien des endogenen Wachstums. Diese suchen nach Faktoren, die durch das Wachstum selbst erzeugt werden und keinen abnehmenden Grenzerträgen unterliegen, wie etwa Wissen und Humankapital.
Drei Ansätze des endogenen Wachstums:
- Learning by doing: Technischer Fortschritt entsteht spontan durch die Nutzung von Kapital.
- Humankapital: Investitionen in Bildung und Fähigkeiten der Menschen fördern das Wachstum nachhaltig.
- Innovation: Innovative Anstrengungen werden durch Monopolvorteile belohnt, was wiederum weiteres Wachstum antreibt.
4. Wachstum und Strukturwandel
Wachstum ist ein Prozess der globalen Transformation der ökonomischen Struktur.
Perspektive des Angebots
Mit steigendem Pro-Kopf-Einkommen sinkt der Anteil der Landwirtschaft kontinuierlich, während der Dienstleistungssektor wächst. Die Industrie zeigt einen umgekehrten U-förmigen Verlauf.
Nachfrageaussichten
Mit zunehmendem Einkommen sinkt der Anteil des privaten Konsums zugunsten öffentlicher Ausgaben und Investitionen. Zudem verändert sich die Zusammensetzung der Nachfrage: Ärmere Haushalte konzentrieren sich auf Grundbedürfnisse, während mit steigendem Einkommen die Nachfrage nach Industriegütern und Dienstleistungen zunimmt.
Strukturwandel als Wachstumsdeterminante
Strukturwandel kann das Wachstum fördern, wenn Ressourcen von Sektoren mit geringer Produktivität (Landwirtschaft) in Sektoren mit höherer Produktivität (Industrie/Dienstleistungen) transferiert werden.
5. Innovation und Wachstum
Innovation umfasst Produkt- und Prozessinnovationen. Während entwickelte Länder durch technologischen Wandel wachsen, profitieren Entwicklungsländer stärker von der Aneignung bestehender Technologien.
Die endogene Wachstumstheorie betrachtet Innovation als bewusste, kostspielige Anstrengung, die durch Monopolvorteile (z. B. Patente) geschützt wird. Da Technologie ein quasi-öffentliches Gut ist, sind staatliche Förderungen für Forschung und Entwicklung (F&E) essenziell.
6. Wirtschaftliche Konvergenz
Die Welt ist ungleich. Konvergenz findet statt, wenn ärmere Länder schneller wachsen als reichere. Das Solow-Modell sagt eine bedingte Konvergenz voraus: Länder mit ähnlichen Parametern (Sparquote, Bevölkerungswachstum) tendieren dazu, sich aneinander anzunähern (Konvergenz-Clubs).