Die mittelalterliche Literaturtradition: Theorie und Wandel
Punkt 8: Die mittelalterliche Tradition
Einleitung in das mittelalterliche Denken
Obwohl die Literatur des Mittelalters durch die absolute Abwesenheit empirisch-rationalistischer Theorien gekennzeichnet war, sollte man die zehn Jahrhunderte nicht übersehen, in denen Reflexionen über Schönheit und Auslegung die westliche Kultur und das literarische Denken maßgeblich prägten.
Der Einfluss der christlichen Antike
Die Krise der humanistischen Kultur des Römischen Reiches, der Übergang zu Ideologien, die eher Platon als Aristoteles oder eher spirituellen als rationalistischen Ansätzen verpflichtet waren, sowie die Symbiose zwischen griechischen Mythen und jüdisch-christlichem Denken waren indirekt verantwortlich für die neue Rolle poetischer Texte im Mittelalter. In der christlichen Antike finden wir die Präzedenzfälle der mittelalterlichen Haltung zur Literatur und den Ursprung der schwierigen Beziehungen zwischen dieser neuen ideologischen Auffassung und der rhetorisch-grammatischen Tradition, die aus der römischen Antike überliefert wurde.
Die christliche Allegorese
Die erste Hypothese der frühen Apologeten des Christentums war, dass Schönheit untrennbar mit der Kunst verbunden sei. Dies markierte die Entwicklung der poetischen Theorie in späteren Jahrhunderten. Ab dem 6. Jahrhundert begannen Autoren, heidnische Texte allegorisch als Symbole christlicher Wahrheit zu interpretieren. Die versöhnliche Haltung der Kirchenväter (wie St. Augustinus) unterwarf literarische Texte einer notwendigen Verformung, um ihre Spezifität in einem christlichen Kontext zu bewahren.
Überlieferung und Kanonisierung
Aufgrund dieser Kanonisierung finden wir in diesem Zeitraum viele Verweise auf antike rhetorisch-poetische Theorien, verstreut in Kompilationen und Abhandlungen wie denen von Isidor von Sevilla oder Hrabanus Maurus. Diese Lehren besitzen oft keinen Eigenwert, sondern dienen primär der Bewahrung klassischer Ursprünge.
Das Spätmittelalter und Paul Zumthor
Im Hinblick auf das Spätmittelalter, eine Zeit, die weit weniger „dunkel“ ist als oft angenommen, verdanken wir Paul Zumthor wichtige Ansätze zum Verständnis der mittelalterlichen Literaturkultur. In seinem Buch „Die Schrift und die Stimme. Zur Literatur des Mittelalters“ (1987) klärt er über die Besonderheiten und das Fehlen spezifischer literarischer Codes auf.
Mündlichkeit und Offenheit des Textes
Der mündliche Charakter dieser Literatur und ihre radikale Offenheit erklären das Fehlen einer interpretativen theoretischen Arbeit. Während ein traditioneller Text durch die Stimme und Geste gewaltsam geöffnet wurde, entzog er sich einer geschlossenen Interpretation. Erst im 12. Jahrhundert begannen sich Elemente zu kristallisieren, die zur Entstehung moderner Literaturkonzepte beitrugen, was eng mit einer gewissen Säkularisierung der westlichen Gesellschaft zusammenhing.
Die Schule von Chartres und die Poetik
Dieser Übergang lässt sich perfekt im Geist der Schule von Chartres darstellen. Sie verkörperte das Ideal des „consumatum opus“, in dem sich höchste Weisheit (sapientia) mit vollendeter Ausdruckskraft (eloquentia) vereinte. Ab der Mitte des 12. Jahrhunderts begann die Schrift gegenüber der Stimme an Boden zu verlieren, was zu einer Aufwertung der schriftlichen Rede führte. Es entstanden erste mittelalterliche Poetiken, die auf Horaz, Cicero und den Lehren von Vendôme und Geoffrey von Vinsauf basierten.
Dichtung als Handwerk
Neben diesen poetischen Schriften finden wir Verträge zur Metrik und zur „Gai Saber“ (fröhliche Wissenschaft), die das poetische Handwerk reflektieren. In dieser Auffassung von Dichtung als einem regelgebundenen Handwerk zeigt sich das Bemühen um kulturelle Autorität. Zusammenfassend lässt sich sagen: Dichtung war zu jener Zeit eine Rede, die strengen Regeln unterlag – ein Konzept, das in den folgenden Jahrhunderten zunehmend in Frage gestellt wurde.