Revolte gegen den Formalismus: Rechtsphilosophie im Wandel

Philosophie und Ethik2,95 KB

Revolte gegen den Formalismus

Die Idee für das Studium der Rechtswissenschaften wandelte sich während des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts angesichts sozialer Umbrüche. Die Industrielle Revolution brachte nicht nur eine Hegemonie der Bourgeoisie hervor, sondern veränderte die Machtverhältnisse in der Arbeitsgesellschaft grundlegend. Es entstand eine gespaltene Gesellschaft mit neuen Konflikten, für die das bestehende Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) – etwa bei der Regelung von Arbeitsverträgen – noch keine Lösungen bot.

Wiederaufleben des Voluntarismus

Die Vorstellung, dass das Gesetz der Wille des Menschen ist, gewann an Bedeutung, da die gesellschaftlichen Probleme zu komplex für eine rein kodifizierte Gesetzgebung wurden. Kritische Reaktionen auf den klassischen Formalismus richteten sich gegen:

  • Die Allmacht des Gesetzgebers.
  • Die passive Rolle des Richters bei der Rechtsauslegung.

Entwicklungen in Deutschland

  • Iherings zweite Stufe: Kritik am logischen Formalismus. Recht ist nicht nur logisch, sondern muss durchsetzungsfähig sein. Es dient sozialen Zwecken und erfordert eine funktionale Betrachtung.
  • Interessenjurisprudenz (Heck): Die Rolle des Richters besteht im Ausgleich widerstreitender Interessen. Der Jurist soll pragmatisch zur sozialen Verwirklichung des Rechts beitragen.
  • Freirechtsschule (Kantorowicz): Das staatliche Recht ist oft unzureichend oder widersprüchlich. Richter sollen bei Lücken das Recht spontan und gerecht im Sinne der sozialen Realität anwenden.

Angelsächsische Perspektive (O.W. Holmes)

Der Rechtsrealismus betrachtet das Recht als prädiktive Wissenschaft. Das Ziel ist es, die Entscheidungen der Richter vorherzusagen. Ein pragmatischer Blick auf das Recht, der nicht nur theoretisch, sondern handlungsorientiert ist.

Frankreich: Die Schule von Geny

Gegen die Exegese-Schule wandte sich François Gény. Er betonte, dass staatliche Gesetze nicht vollständig sind. Bei Lücken oder Unbestimmtheit muss der Richter auf wissenschaftliche Forschung und soziale Realität zurückgreifen, um die gerechteste Lösung zu finden.

Rechtssoziologie

Strömungen wie die von R. Pound, Duguit und Ehrlich betonen die soziale Dimension des Rechts:

  • R. Pound: Recht als Instrument der sozialen Kontrolle zur Erfüllung gesellschaftlicher Zwecke.
  • Ehrlich: Recht entsteht nicht primär durch Richter oder Gesetzgeber, sondern durch die lebendige Akzeptanz in der Gesellschaft.

Normativismus (H. Kelsen und H. Hart)

Der Normativismus prägte das 20. Jahrhundert maßgeblich. Hans Kelsen begreift das Recht als ein System von Normen, das unabhängig von politischer Macht beschrieben werden kann. Seine Theorie lieferte eine konstruktive Beschreibung der Funktionsweise und regulatorischen Struktur des Rechts.

Herunterladen

PDF Word HTML