Romanische Kunst in Katalonien und Spanien: Epochen & Werke
Katalanische romanische Architektur
Die Entstehung der katalanischen Romanik ist eng mit der Spanischen Mark (Marca Hispánica) verknüpft, die von Karl dem Großen als Grenzregion errichtet wurde, um das karolingische Reich vor dem Vordringen des Islams zu schützen. Die politische Situation veränderte sich mit der Schwächung der fränkischen Abhängigkeit, insbesondere nach der Plünderung Barcelonas durch Al-Mansur im Jahr 985. In der Folge begründeten die Grafen von Barcelona eine eigenständige Dynastie.
Entwicklung und Epochen vom 11. bis 13. Jahrhundert
- 11. Jahrhundert (Autochthoner und lombardischer Stil):
- Autochthoner Stil: Ein eigenständiges Ergebnis karolingischer, westgotischer und islamischer Einflüsse. Beispiel: Das Kloster Sant Pere de Rodes (Staffelung der Höhe durch übereinandergestellte zentrale Säulen, Tonnengewölbe mit Gurtbögen).
- Lombardischer Stil: Abt Oliba folgte den Reformen von Cluny und förderte lombardische Bauweisen sowie Bauhütten (Wandermaurer). Beispiel 1: Sant Vicenç de Cardona (mit Kanzel, Trichternischen bzw. Schießschartenfenstern, Rundbögen, Tonnengewölben, Vierungskuppel auf Trompen, Altar, Krypta und erhöhten Galerien). Beispiel 2: Santa Maria de Ripoll (sieben Apsiden, drei bis fünf Schiffe, monumentales Querhaus und Vierungskuppel).
- Synthese: Verschmelzung beider Strömungen.
- 12. Jahrhundert (Konsolidierung und Präzision): Stilistisch präziser und bautechnisch ausgereifter. Typische Grundrisse: 1. Kollegiatstifte; 2. Dreischiffige Anlagen mit drei Apsiden; 3. Dreischiffige Bauten mit Querhaus. Beispiele: Sant Joan de les Abadesses, die Kirchen des Vall de Boí (wie Sant Climent de Taüll und Santa Maria de Taüll) sowie die Capella d'en Marcús in Barcelona.
- 13. Jahrhundert (Übergangsepoche): Epoche des Übergangs von der Romanik zur Gotik; die Romanik klingt aus, während frühgotische Formen Einzug halten.
Merkmale der romanischen Skulptur
Die Bildhauerkunst der Romanik zeichnet sich durch charakteristische Gestaltungsprinzipien aus:
- Dekoration von Portalen, Fassaden und Kreuzgangarkaden mit Szenen aus dem Alten und Neuen Testament.
- Gesetz des Rahmens: Skulpturen passen sich strikt an den architektonischen Kontext an.
- Symmetriegesetz: Ausgeprägte Symmetrie, besonders bei Kapitellen.
- Metamorphose: Figürliche Elemente verwandeln sich in dekorative Reliefformen.
- Monstrosität: Verwendung monströser Mischwesen und Fabeltiere als Zierelemente.
- Unnatürliche, stilisierte Formen aus Furcht vor Götzendienst (Idolatrie).
- Hieratismus (feierliche, starre Unnahbarkeit).
- Strenge Frontalität.
- Disproportionalität (unrealistische Größenverhältnisse nach Bedeutung).
- Polychromie (farbig gefasste bzw. bemalte Skulpturen).
- Horror Vacui (die Furcht vor der leeren Fläche).
Holzschnitzkunst und Skulpturentypen
Häufige freistehende Typologien in der romanischen Holzschnitzkunst:
- Sedes Sapientiae / Theotokos: Darstellung Marias mit dem Jesuskind. Aus Holz geschnitzt, mit einer Stuckschicht überzogen und bemalt. Die Muttergottes hält eine Kugel, spendet den Segen oder hält ein Buch. Die Position des Kindes wandelt sich zeitlich: Im 12. Jahrhundert frontal im Zentrum, im 13. Jahrhundert zunehmend seitlich. Romanisch typisch besteht noch kaum emotionale Interaktion zwischen Mutter und Kind; erst in der Gotik wendet sich das Kind der Mutter zu.
- Christus Majestas (Viernagelkreuz): Darstellung des Gekreuzigten mit je einem separaten Nagel pro Hand und Fuß. Beispiel: Majestat Batlló. Christus triumphiert siegreich über den Tod, ist ohne Dornenkrone dargestellt und zeigt keine Anzeichen von Schmerz. Er trägt eine Colobium-Tunika (Manicata) mit Gürtelband und weist eine leichte Kopfneigung auf.
- Kreuzabnahme-Gruppen: Mehrfigurige Skulpturengruppen mit bis zu sieben Figuren. Typischer Aufbau mit drei Kreuzen (der gute Dieb, der böse Dieb und Jesus), flankiert von Johannes, der Jungfrau Maria sowie Josef von Arimathäa und Nikodemus. Beispiel: Kreuzabnahme von Sant Joan de les Abadesses.
Romanische Reliefkunst
Reliefs dienten als architektonischer Bauschmuck auf Kapitellen und Portalen:
- Kapitelle: Oft in Form von umgekehrten Pyramidenstümpfen. Dargestellt werden Szenen des Alten und Neuen Testaments sowie mythologische Mischwesen (Harpyien, Wölfe, Chimären). Beispiele: Kreuzgänge von Sant Cugat und Girona.
- Tympanon: Meist eine Mandorla mit der Darstellung des Pantokrators, umgeben vom Tetramorph.
- Bedeutende Beispiele in Europa: Portal der Abteikirche von Moissac (Pantokrator mit den 24 Ältesten der Apokalypse, gewellten Gewändern) sowie Sainte-Marie-Madeleine in Vézelay (Darstellung der Tierkreiszeichen an der Fassade).
- Bedeutende Beispiele in Spanien:
- Ende 11. Jahrhundert: Kragsteine von San Martín de Frómista, Kapitelle im Pantheon von San Isidoro de León und das Chrismon an der Kathedrale von Jaca.
- 12. Jahrhundert: Portal von Sangüesa und das monumentale Portal von Santa Maria de Ripoll.
- 13. Jahrhundert (Übergang zur Gotik): Cámara Santa der Kathedrale von Oviedo (mit Apostelfiguren an den Säulen und diagonal fließendem Faltenwurf), Verkündigungsgruppe an San Vicente in Ávila sowie der Pórtico de la Gloria der Kathedrale von Santiago de Compostela (ausgeprägter Naturalismus, Musikerfiguren mit Instrumentenorchester und individualisierte Gesichtszüge).
Merkmale und Techniken der Malerei
Die romanische Wand- und Tafelmalerei folgt klaren ästhetischen Vorgaben:
- Hieratischer Ausdruck mit reduzierter Mimik.
- Körperliche Starrheit und strenge Frontalität.
- Parataktische Bildkompositionen (Reihung von Figuren nebeneinander).
- Verwendung natürlicher Erdpigmente; selten komplexe Farbmischungen, Dominanz von Blau- und Rottönen.
- Reine, ungetrübte Farben ohne feine Tonwertabstufungen.
- Fehlen von körperlichem Volumen (flächige Figuren).
- Keine perspektivische Raumtiefe und Verzicht auf plastische Licht-Schatten-Effekte.
- Gewandfalten werden rein grafisch durch parallele Linien wiedergegeben.
- Verzicht auf realistische Bildhintergründe.
- Flächiger Farbauftrag, konturiert durch kräftige, dunkle Linien.
- Schematische Gesichtsgestaltung und permanenter Horror Vacui.
Verwendete Maltechniken: Freskomalerei (al fresco) auf Gips- und Kalkputz, Vorzeichnungen mittels Einstich bzw. Schablonen (Estarcido). Drei wesentliche Bildgattungen:
- Wandmalerei: Meist im Apsisbereich nach festem ikonografischem Programm angeordnet. Beispiel: Santa Maria de Taüll (Darstellung des Jüngsten Gerichts mit Seelenwägung durch Engel, Höllenszenen; rechts das Neue Testament, links das Alte Testament).
- Tafelmalerei: Auf Holzplatten aufgetragener Stuckgrund, der mit Tempera oder Leimfarben bemalt wird (häufig für Altarvorsätze/Antependien).
- Buchmalerei: Miniatur- und Buchilluminationen zur prachtvollen Handschriftenverzierung.
Malstile in Spanien und Katalonien
In Spanien lassen sich drei zentrale Ausprägungen unterscheiden:
- Franko-romanischer Stil: Meisterhaft vertreten im Panteón de los Reyes in San Isidoro de León (ausgeprägter Horror Vacui, Vielfalt an Gewölbemotiven).
- Romanisch-byzantinischer Stil: Beeinflusst von byzantinischen Vorbildern.
- Mozarabischer Stil: Beeinflusst von mozarabischer Kunsttradition, z. B. die Wandmalereien von San Baudelio de Berlanga.
Die romanische Wandmalerei in Katalonien
In Katalonien überwiegen stark italo-byzantinische Einflüsse. Bedeutende Meister und Werkstätten:
- Meister von Pedret: Schöpfer der Fresken von Sant Quirze de Pedret und Santa Maria d'Àneu. Typische Motive umfassen Apsisgewölbe mit himmlischen Hierarchien, Theophanien, Darstellungen von Cherubim (drei Flügelpaare besetzt mit göttlichen Augen) sowie Anbetungsszenen.
- Meister von Soriguerola / Sant Pere del Burgal: Fresken mit Heiligenfiguren wie der heiligen Lucia und Stifterporträts der Grafen von Pallars.
- Meister von Santa Maria de Taüll: Epiphanie mit der Anbetung der Könige an zwei Triumphbögen sowie das Lamm Gottes (Agnus Dei).
- Meister von Sant Climent de Taüll: Herausragendes Meisterwerk der Romanik. Es überwiegen kräftige Blau- und Rottöne ohne körperliches Volumen. In der Apsiskalotte thront der Pantokrator (Maiestas Domini): Auf dem Himmelsbogen sitzend, die Füße auf der Erdkugel ruhend, flankiert von den griechischen Buchstaben Alpha und Omega. Seine rechte Hand ist segnend erhoben, die linke Hand hält das Buch mit den Worten der göttlichen Gerechtigkeit.