Schriftspracherwerb und Lernstörungen: Ein Überblick
Schriftspracherwerb aus konstruktivistischer Perspektive
Der konstruktivistische Lernansatz basiert auf dem Konzept des sinnvollen Lernens. Lernen bedeutet hier nicht nur die bloße Aufnahme neuen Wissens, sondern dessen Integration, Modifikation sowie den Aufbau von Beziehungen zu bereits vorhandenem Wissen.
Aus konstruktivistischer Sicht besteht die primäre Rolle des Lehrers nach Vygotsky darin, die Zone der proximalen Entwicklung zu gestalten. Das bedeutet, den Ausgangspunkt der tatsächlichen Entwicklung jedes Schülers zu identifizieren und geeignete Bedingungen zu schaffen, um Fortschritte im Bereich der optimalen Entwicklung zu ermöglichen.
Der Lernende ist ein aktiver Konstrukteur seines Wissens. Lernen beinhaltet daher die Überarbeitung und Anpassung bereits vorhandener Kenntnisse. Das Kind konstruiert sein Wissen aktiv. Der Erwerb von Lese- und Schreibkompetenzen ist ein Prozess der schrittweisen Annäherung an die Eigenschaften und Funktionen der geschriebenen Sprache.
Phasen des Leselernprozesses
- Logographen-Phase
- Alphabetische Phase
- Orthographische Phase
Phasen des Schreiblernprozesses
- Formelle Produktion: Unterscheidung von Schriftzeichen
- Kontrollierte Produktion: Silbische Segmentierung von Wörtern
- Kontrollierte Produktion: Alphabetische Schreibweise mit Silbensegmentierung
- Kontrollierte Produktion: Alphabetische Schreibweise mit Wortsegmentierung
Legasthenie
Bei einem Kind mit Legasthenie ist die Intelligenz meist normal. Trotz Anwendung typischer Lehrstrategien treten Defizite auf, die auf neuro-psycholinguistische Ursachen zurückzuführen sind. Dies führt zu einer hohen Fehlerquote beim Lesen und Schreiben.
Die Symptome ähneln anderen Lernschwierigkeiten (z. B. Rotationen, Ersetzungen, Auslassungen, phonologische Segmentierungsprobleme), umfassen jedoch spezifische neuropsychologische Symptome, die in drei Formen unterteilt werden:
- Visuospatiale Legasthenie
- Auditiv-temporale Legasthenie
- Tiefe oder gemischte Legasthenie
Dysgraphie (Schreibschwäche)
Die Dysgraphie ist eine funktionelle Störung, die die Qualität des Schreibens (Schriftbild oder Duktus) beeinträchtigt. Für eine Diagnose müssen folgende Bedingungen erfüllt sein:
- Intellektuelle Kapazität innerhalb des Normalbereichs.
- Keine schweren sensorischen Störungen (z. B. motorische Traumata).
- Ausreichende kulturelle und pädagogische Stimulation.
- Keine schweren neurologischen Störungen oder Hirnschädigungen.
- Altersfaktor: Eine Diagnose sollte erst nach der Lernphase, in der Regel ab dem siebten Lebensjahr, gestellt werden.
Typische Merkmale sind Impulsivität, Lockerheit, Steifigkeit, Langsamkeit, Schwerfälligkeit oder Hyperpräzision.