Die spanische Erzählung der Renaissance und Cervantes
Die Erzählung in der Renaissance
Die Erneuerung im 16. Jahrhundert wurde maßgeblich durch den Buchdruck vorangetrieben, der zur weiten Verbreitung von Werken beitrug. Dabei lassen sich zwei Hauptströmungen unterscheiden:
- Idealistische Fiktion: Diese orientiert sich an mittelalterlichen und italienischen Modellen.
- Realistische Fiktion: Sie entnimmt ihre Themen der umgebenden Wirklichkeit. Werke wie Lazarillo de Tormes und Don Quijote markieren hierbei den Beginn des modernen Romans.
Die idealistische Fiktion
Die idealistische Fiktion erschafft Welten und Charaktere, die weit von der idyllischen Realität des Lesers entfernt sind. Die Charaktere sind meist adlig und fungieren als Modelle der Perfektion. Sie verkörpern heroische Tugenden wie Mut, Loyalität und Ehre. Diese Literatur dient primär der Unterhaltung und dem Eskapismus (Evasión).
Trends der idealistischen Erzählung
- Der sentimentale Roman: Eine Liebesgeschichte, die gewöhnlich mit dem Tod der Protagonisten endet.
- Der pastorale Roman (Schäferroman): Die Darsteller sind raffinierte Hirten. Themen sind Liebe, Prüfungen und Komplikationen innerhalb einer idealisierten Naturlandschaft.
- Der maurische Roman: Er erzählt von den Grenzkämpfen zwischen Mauren und Christen. Die idealisierten Figuren zeichnen sich durch Schönheit, Adel und Mut aus.
- Die byzantinische Fiktion: Abenteuerromane, die von klassischen Vorbildern inspiriert sind. Das zentrale Motiv ist die Reise: Liebende werden durch Entführung oder Schiffbruch getrennt und finden nach vielen Abenteuern und Prüfungen dank ihrer Treue wieder zusammen.
- Die Novelle: Erzählungen mit unterschiedlichen Sujets, Themen und Charakteren. Das verbindende Element kann eine Rahmenerzählung sein, etwa ein Treffen, bei dem jeder Teilnehmer eine Geschichte vorliest.
- Die Ritterdichtung: Diese erfreute sich großer Popularität. Die tapferen Ritter folgen edlen Idealen: Liebe zur Dame, Verteidigung der Schwachen, Kampf gegen das Böse und die Wahrung der Ehre.
Beispiel: Amadis von Gallien
Ein bedeutendes Werk dieser Gattung ist Amadis von Gallien:
- Handlung: Amadis ist in Prinzessin Oriana verliebt und kämpft für ihren Vater, König Lisuarte.
- Begleiter: Gandalin ist sein Knappe, während die Fee Urganda seine Beschützerin ist.
- Feinde: Sein größter Widersacher ist der Riese Arcalus.
- Eigenschaften: Er ist ein fahrender Ritter, der seiner Geliebten treu ergeben ist, seinen Herrn verteidigt und stets nach Gerechtigkeit sucht.
Die realistische Erzählung
Während des 16. Jahrhunderts gab es eine Massenflucht vom Land in die Städte. Da die Städte nicht alle Menschen aufnehmen konnten, stieg die Zahl der Vagabunden und die Kriminalität. Beeinflusst von La Celestina entstand ein literarisches Interesse an dieser sozialen Situation. Der Schelmenroman (Picaresque), wie etwa Lazarillo de Tormes, erreichte im 17. Jahrhundert seine volle Blüte.
Miguel de Cervantes und sein Werk
Miguel de Cervantes kultivierte alle literarischen Gattungen, ist jedoch vor allem für seine Romane bekannt. Er war ein gebildeter Mann und Experte für klassische sowie zeitgenössische Literatur. Als Soldat verlor er in der Schlacht von Lepanto eine Hand, was ihm den Spitznamen "El Manco de Lepanto" einbrachte. Seine größte literarische Bedeutung verdankt er den Novelas ejemplares und dem Don Quijote.
Die Exemplarischen Novellen
Veröffentlicht im Jahr 1613, zwischen dem ersten und zweiten Teil des Quijote, umfasst diese Sammlung zwölf Novellen. Sie bieten eine poetische und moralische Interpretation des Lebens. Cervantes nannte sie "exemplarisch", da aus jeder eine Lehre (moralisch oder literarisch) gezogen werden kann. Man unterteilt sie in:
- Realistische Novellen: Diese zeigen Szenen der sozialen Unterwelt, oft mit pikaresken Charakteren. Beispiele sind Rinconete und Cortadillo, Die betrügerische Heirat, Der eifersüchtige Extremadurer, Das Gespräch der Hunde und Der Lizentiat Glas.
- Idealistische Novellen: Diese sind von poetischer Stimmung und Fiktion geprägt, wie Die Zigeunerin, Die illustre Dienstmagd, Die englische Spanierin, Der großmütige Liebhaber, Die beiden Fräulein, Die Macht des Blutes und Frau Cornelia.
Don Quijote von der Mancha
Dies ist der berühmteste Roman der spanischen Literatur. Er besteht aus zwei Teilen (1605 und 1615). Dazwischen erschien ein apokryphes Werk von Alonso Fernández de Avellaneda. Die Geschichte handelt von einem alten Herrn aus der Mancha, der durch das Lesen von Ritterromanen den Verstand verliert und mit seinem Knappen Sancho Panza auszieht, um ritterliche Ideale wiederherzustellen.
Struktur der drei Ausfahrten
- Erste Ausfahrt: Don Quijote lässt sich in einer Schänke (die er für eine Burg hält) zum Ritter schlagen. Er kehrt nach einem Kampf gegen Händler verletzt heim.
- Zweite Ausfahrt: Bekannte Abenteuer wie der Kampf gegen die Windmühlen, die Begegnung mit Ziegenhirten und der Erwerb des Helms von Mambrin (einem Barbierbecken).
- Dritte Ausfahrt: Realität und Fiktion verschwimmen. In Barcelona wird Don Quijote mit der Realität konfrontiert und erleidet Enttäuschungen. Sancho hingegen wird "quijotisiert". Don Quijote kehrt besiegt nach Hause zurück, erlangt seine Vernunft wieder und stirbt.
Unterschiede zwischen Teil 1 und Teil 2
Im ersten Teil lebt Don Quijote in einer Fantasiewelt, während Sancho pragmatisch bleibt. Im zweiten Teil erlangt Don Quijote seine geistige Gesundheit fast zurück, wird aber von anderen verspottet, die seine Fiktion weiterspinnen. Sancho hingegen beginnt, in einer Fantasiewelt zu leben.
Merkmale des modernen Romans
Cervantes begründete den modernen Roman durch folgende Merkmale:
- Realismus: Die Fiktion basiert auf sozialer und menschlicher Realität.
- Dynamik: Die Charaktere sind komplex, widersprüchlich und entwickeln sich im Laufe des Werkes.
- Perspektivismus: Es gibt keine einzige Erzählperspektive; der Leser muss eigene Schlüsse ziehen.
- Wahrscheinlichkeit (Verisimilitude): Die Geschichte ist Fiktion, wird aber als glaubwürdige Realität dargestellt.