Tugend und Laster in der griechischen Ethik: Pathos, Aristoteles und die vier Kardinaltugenden
Zusammenfassung
Der Text erläutert die Begriffe Tugend (Arete) und Laster (Kakia) in der griechischen Philosophie und stellt die drei großen Pathos des Menschen vor: Gier, Hochmut und Unwissenheit. Anschließend wird Aristoteles' Lehre von den dianoetischen und ethischen Tugenden sowie der Tugend als Mitte zwischen Übermaß und Mangel dargestellt. Abschließend wird die Zuordnung der vier ethischen Tugenden zu den Teilen der Seele nach Platon erklärt.
Kernpunkte
- Arete bedeutet Exzellenz oder Vortrefflichkeit, kakia bedeutet Schlechtigkeit, pathos bedeutet Leiden oder Leidenschaft.
- Die drei großen Pathos des Menschen sind Gier (Soma), Hochmut (Psyche) und Unwissenheit (Pneuma).
- Aristoteles unterscheidet dianoetische Tugenden (Phronesis, Nous, Sophia) von ethischen Tugenden (Sophrosyne, Andreia, Dikaiosyne).
- Tugend ist nach Aristoteles eine Mitte zwischen zwei Lastern, nämlich einem Übermaß und einem Mangel, die durch die Vernunft bestimmt wird.
- Ethische Tugenden sind nicht angeboren, sondern entstehen durch Gewohnheit und Praxis, weshalb Erziehung in Kindheit und Jugend wichtig ist.
- Platon ordnet Begehren, Mut, Vernunft und Gerechtigkeit den Teilen der Seele zu: Sophrosyne, Andreia, Phronesis und Dikaiosyne.
Die Bedeutung von Tugend und Laster in der Philosophie
Das Wort „Tugend“ leitet sich vom lateinischen virtus ab, das „Mannhaftigkeit“, „Stärke“ und „Kraft“ bedeutet und auch „Anstrengung“ impliziert. Im Griechischen ist Arete ein ähnlicher Begriff, der zusätzlich „Exzellenz“ oder „Vortrefflichkeit“ bedeutet. Der Begriff Arete ist eng mit dem Konzept der Stärke verbunden.
Das griechische Wort für „Laster“ ist kakia, was „Schlechtigkeit“ oder „Böses“ bedeutet. Ein weiteres griechisches Wort ist pathos, das „Leiden“ oder „Leidenschaft“ bedeutet und oft mit Krankheit assoziiert wird. Diese Begriffe zeigen, dass der Tugendhafte stark ist, während der Lasterhafte schwach und krank ist. Es wird auch betont, dass der Erwerb von Tugend Anstrengung erfordert, während Laster ohne Mühe entstehen.
Die Ethik als Zweig der Philosophie hat die Aufgabe, diese Laster zu erkennen und zu beseitigen. Nach griechischer Weisheit gibt es drei große Pathos des Menschen. Diese Pathos finden sich im Mythos von Platons Höhle wieder und sind, wie er sagt, angeboren.
Die drei großen Pathos des Menschen
1. Pathos des Soma: Die Gier
Der Mensch braucht seinen Körper (Soma), er nutzt ihn und sollte ihn mit Würde behandeln. Man sollte jedoch nicht für seinen Körper leben, sondern als jemand, der nicht ohne ihn leben kann. Das Pathos des Soma ist die Gier, deren Wurzel der zwanghafte Drang nach allem ist: Freuden, Wünschen, Fähigkeiten, Dingen, Geld.
Denn „es gibt kein Laster, das keine Paten hat“ (Seneca). Aus der Gier entstehen:
- Übermäßiger Konsum
- Die Liebe zum Essen
- Ungeduld
- Bequemlichkeit
- Die Neugier der fünf Sinne
- Ablenkung
- Trivialität
- Possenreißerei
- Mangelnde sexuelle Kontrolle
- Übertriebener Sinn für das Aussehen
- Mangelnde Gastfreundschaft
- Undankbarkeit und Ähnliches
2. Pathos der Psyche: Der Hochmut
Die Krankheit, die die Psyche befällt, ist der Hochmut (Arroganz), dessen Wurzel der Drang zur Selbstdarstellung ist. Aus dem Hochmut entstehen als Folge von Ärger oder dem verhüllten Wunsch, die eigene Meinung durchzusetzen, die Absicht, das letzte Wort zu haben, andere belehren und beraten zu wollen. Dies äußert sich in sprachlicher Aggression, in der Liebe zur Zwietracht und zur Debatte.
Weitere Früchte des Hochmuts sind der Stolz, der aus dem Wunsch nach Anerkennung, Wertschätzung, gutem Ruf, Ehre, dem Zeigen gelobter Eigenschaften, Erfolg, Ruhm und Reichtum entsteht. Er entspringt Dummheit und mangelnder Einsicht.
Schließlich ist eine weitere Ausprägung des Hochmuts:
- Der Mangel an Gehorsam gegenüber Gesetzen und Autoritäten
- Der Glaube, alles zu wissen
- Wut, wenn man nicht beachtet wird
- Übermäßiges Vertrauen in die eigene Kraft und Weisheit
- Die Ablehnung und Unfähigkeit zu lernen und zuzuhören
- Die Überzeugung, über anderen zu stehen und niemanden zu brauchen
3. Pathos des Pneuma: Die Unwissenheit
Die Unwissenheit leitet sich vom griechischen Wort agnoia (von nous, Geist) ab, was „Grausamkeit“, „Fehler“, „Starrsinn“, „Unhöflichkeit“ und „Ungerechtigkeit“ bedeuten kann. Die Krankheit des Pneuma (Geistes) ist die Unwissenheit, deren Wurzel die Lüge ist. Diese äußert sich in Formen wie:
- Täuschung und Betrug
- Verheimlichung und Heuchelei
- Verleumdung und Schmeichelei
- Missachtung der Menschenrechte
- Falsche Toleranz und Verstellung
- Der Blindheit gegenüber der eigenen Realität
- Dem Wunsch, die eigenen Fehler zu verbergen
Aus der Unwissenheit entstehen als Folgen: Bosheit, mangelnde Sensibilität, Neid, Missgunst und Hass, Mangel an Mitgefühl, Atheismus und der Mangel an Freiheit.
Dies sind die drei wichtigsten Pathos des Menschen: Gier, Hochmut und Unwissenheit. Sie sind im Mythos von Platons Höhle implizit dargestellt durch die Ketten an Füßen und Hals sowie die Schatten. Die Strategie der Philosophie besteht darin, diese Pathos durch die Tugenden zu erkennen und zu bekämpfen, um den Menschen von ihnen zu befreien und ihn gesund und unversehrt zu machen.
Tugend nach Aristoteles
Aristoteles' Unterscheidung von Tugenden
Aristoteles unterscheidet zwei Arten von Tugenden:
- Dianoetische Tugenden (geistige): Phronesis (Klugheit), Nous (Intelligenz) und Sophia (Weisheit).
- Ethische Tugenden (Charakter): Sophrosyne (Besonnenheit), Andreia (Mut) und Dikaiosyne (Gerechtigkeit).
Aristoteles definiert Tugend als eine Haltung, die auf einer bewussten Entscheidung beruht und eine Mitte zwischen zwei Extremen darstellt. Diese Mitte wird durch die Vernunft bestimmt, so wie es der kluge Mensch entscheiden würde. Es ist ein Mittelding zwischen zwei Lastern: einem Übermaß und einem Mangel.
Der Text erklärt, dass Aristoteles die Tugend als eine Mitte versteht, die relativ zu uns ist. Sie ist nicht die geometrische Mitte, sondern eine, die sich am individuellen Status jeder Person orientiert und die unnatürlichen Impulse des Einzelnen berücksichtigt. Die genaue Mitte hängt von der Schwere des jeweiligen Pathos eines Menschen ab. Es ist die Klugheit (Phronesis), die jeden menschlichen Akt prüft und die Mitte zwischen Übermaß und Mangel festlegt.
Nach Aristoteles ist die ethische Tugend eine Haltung, die aus bewusster Entscheidung und Gewohnheit entsteht. Sie ist nicht angeboren, sondern muss erworben werden und hat nichts mit bloßen guten Wünschen zu tun. Der Erwerb von Tugend ist nach ihm ebenso anspruchsvoll und erfordert den gleichen Aufwand, das gleiche Geschick und die gleiche Geduld wie das Erlernen technischer Fertigkeiten. Die Charaktertugenden entstehen durch Praxis; daher riet er zu ihrer Ausbildung in Kindheit und Jugend, da sich Gewohnheiten in diesem Alter schnell verfestigen.
Es gibt vier griechische ethische Tugenden, die Platon den drei Teilen der menschlichen Seele (Psyche) zuordnet:
- Epithymia (Begehren): Sophrosyne (Besonnenheit)
- Thymos (Mut, Geist): Andreia (Tapferkeit)
- Logistikon (Vernunft): Phronesis (Klugheit)
- Dikaiosyne (Gerechtigkeit): Diese Tugend umfasst alle drei Teile der Seele.
Die griechischen ethischen Tugenden sind zwar psychischer Natur, äußern sich aber auch im Soma (Körper) des Menschen wie folgt: Die Sophrosyne (Besonnenheit) äußert sich somatisch in innerer physischer Schönheit; die Andreia (Tapferkeit) in physischer Stärke; die Phronesis (Klugheit) in der Regulierung des Körpers; und die Dikaiosyne (Gerechtigkeit) in körperlicher Gesundheit.
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Was bedeutet Arete in der griechischen Philosophie?
Arete ist ein griechischer Begriff für Tugend, der zusätzlich Exzellenz oder Vortrefflichkeit bedeutet. Er ist eng mit dem Konzept der Stärke verbunden.
Was sind die drei großen Pathos des Menschen?
Die drei großen Pathos sind Gier (Pathos des Soma), Hochmut (Pathos der Psyche) und Unwissenheit (Pathos des Pneuma). Sie werden im Mythos von Platons Höhle implizit dargestellt.
Wie definiert Aristoteles die Tugend?
Aristoteles definiert Tugend als eine auf bewusster Entscheidung beruhende Haltung, die eine Mitte zwischen zwei Extremen darstellt. Diese Mitte wird durch die Vernunft bestimmt.
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