Das Verfassungsgericht: Modelle der Verfassungsgerichtsbarkeit (amerikanisches und europäisches Modell)

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Zusammenfassung

Der Text erläutert die Verfassungsgerichtsbarkeit als Schutz der Verfassung gegenüber dem Parlament und vergleicht das amerikanische Modell der diffusen Kontrolle mit dem europäischen Modell der konzentrierten Kontrolle. Außerdem wird die rechtliche Natur des Verfassungsgerichts als Gericht und nicht als Gesetzgeber beschrieben.

Kernpunkte

  • Die Verfassungsgerichtsbarkeit ist die wichtigste Antwort auf staatliche Unterdrückung und sichert die Herrschaft der Verfassung.
  • Nach Hans Kelsen besteht Demokratie im Ausgleich zwischen den im Parlament vertretenen Gruppen, nicht in grenzenloser Mehrheitsherrschaft.
  • Das amerikanische Modell beruht auf Marbury v. Madison (John Marshall) und erlaubt jedem Richter die Prüfung der Verfassungsmäßigkeit im Einzelfall.
  • Im amerikanischen Modell wirkt die Entscheidung nur inter partes und Divergenzen werden durch das Prinzip des stare decisis geklärt.
  • Das europäische Modell sieht ein spezialisiertes Organ vor, dessen Entscheidung erga omnes gilt und ex nunc ab dem Urteilszeitpunkt wirkt.
  • Das Verfassungsgericht ist ein autonomes Verfassungsorgan, seine Urteile sind bindend und es gibt gegen sie keine Rechtsmittel.

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Lektion 17: Das Verfassungsgericht

I. Verfassungsgerichtsbarkeit: Gerechtigkeit und Notwendigkeit

Die Verfassungsgerichtsbarkeit stellt die wichtigste Antwort auf das Problem staatlicher Unterdrückung dar. Sie ist die letzte Zuflucht in einem demokratischen Staat, um die Herrschaft der Verfassung zu gewährleisten. Nach dem Sturz des Ancien Régime und den Französischen sowie Amerikanischen Revolutionen wurde das Parlament zum Fokus des Systems, da dort die Vertreter des Volkes gewählt werden. Dennoch bedarf es einer Institution, die die Macht des Parlaments begrenzt und rechtliche Kriterien über rein politische Entscheidungen stellt.

Wie Hans Kelsen betonte, besteht das Wesen der Demokratie nicht in einer grenzenlosen Herrschaft der Mehrheit, sondern in einem ständigen Ausgleich zwischen den im Parlament vertretenen Gruppen. Das Verfassungsgericht ist besonders geeignet, diesen Ausgleich zwischen Mehrheit und Minderheit zu wahren.

II. Modelle der Verfassungsgerichtsbarkeit

Es gibt keinen Rechtsstaat ohne die Kontrolle der Verfassungsmäßigkeit von Gesetzen. Hierbei haben sich zwei Modelle etabliert: das amerikanische (diffuse Kontrolle) und das europäische (konzentrierte Kontrolle).

Das amerikanische Modell

Dieses Modell geht auf das Urteil des Obersten Richters John Marshall in Marbury v. Madison zurück, in dem der Vorrang der Verfassung und das Recht jedes Richters zur Prüfung der Verfassungsmäßigkeit verkündet wurde.

  • Prüfungskompetenz: Jeder Richter kann im Einzelfall die Verfassungsmäßigkeit eines Gesetzes prüfen.
  • Präzedenzfall: Durch das Prinzip des stare decisis werden Divergenzen durch höhere Gerichte und letztlich den Supreme Court geklärt.
  • Wirkung: Die Entscheidung ist auf den konkreten Fall beschränkt (inter partes).

Das europäische Modell

In Europa, insbesondere bei der Konsolidierung moderner Staaten, entwickelte sich ein anderes System:

  • Spezialisierung: Die Erklärung der Verfassungswidrigkeit ist die ausschließliche Zuständigkeit eines eigens dafür geschaffenen Organs (ad hoc).
  • Erga omnes: Die Entscheidung hat allgemeine Gültigkeit; das Gesetz wird aus der Rechtsordnung entfernt.
  • Ex nunc: Die Wirkung tritt ab dem Zeitpunkt der Entscheidung des Verfassungsgerichts ein.

III. Natur des Verfassungsgerichts

Das Verfassungsgericht fungiert als oberster Interpret der Verfassung. Es ist ein autonomes Verfassungsorgan, das keiner anderen Staatsgewalt untersteht. Seine Urteile sind bindend und gegen sie gibt es keine Rechtsmittel.

Ist das Verfassungsgericht ein Gericht?

Es ist ein echtes Gericht, da:

  1. Es nur auf Antrag einer Partei tätig wird.
  2. Es keine eigene Macht zur Ausführung von Gesetzen besitzt.
  3. Es nicht als allgemeine gerichtliche Instanz fungiert.

Ist das Verfassungsgericht ein Gesetzgeber?

Es ist kein Gesetzgeber, da:

  • Herkunft und Zusammensetzung sich von einem Parlament unterscheiden.
  • Seine Befugnisse nicht mit denen des Gesetzgebers gleichzusetzen sind.
  • Es keine allgemeine Überprüfung der Gesetzgebung vornimmt, sondern nur im Rahmen der Verfassungskonformität agiert.

Das Verfassungsgericht ist somit der Vertreter der verfassungsgebenden Gewalt, um die Verfassung zu schützen.

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Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Modell der Verfassungsgerichtsbarkeit?

Im amerikanischen Modell prüft jeder Richter im Einzelfall die Verfassungsmäßigkeit, und die Entscheidung wirkt nur zwischen den Parteien. Im europäischen Modell ist ein spezialisiertes Organ allein zuständig, und die Entscheidung hat allgemeine Gültigkeit.

Warum ist das Verfassungsgericht kein Gesetzgeber?

Seine Herkunft und Zusammensetzung unterscheiden sich von einem Parlament, und seine Befugnisse sind nicht mit denen des Gesetzgebers gleichzusetzen. Es prüft Gesetze nur im Rahmen der Verfassungskonformität.

Was besagt das Prinzip des stare decisis?

Durch stare decisis werden Divergenzen in der Rechtsprechung über höhere Gerichte und letztlich den Supreme Court geklärt. Es sorgt für die Bindung an frühere Entscheidungen.

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Test

1. Auf welches Urteil geht das amerikanische Modell der Verfassungsgerichtsbarkeit zurück?
2. Wie ist die Wirkung einer Entscheidung im amerikanischen Modell?
3. Welche Eigenschaft kennzeichnet das europäische Modell?
4. Ab wann wirkt eine Entscheidung im europäischen Modell?
5. Nach Hans Kelsen besteht das Wesen der Demokratie vor allem in:
6. Wann wird das Verfassungsgericht nach dem Text tätig?

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