Entwicklungspsychologie: Stadien und Theorien des Lebens
Grundlagen der menschlichen Entwicklung
- Altern (Aging): Organisatorische, neurophysiologische und biochemische Veränderungen, die unabhängig von Umgebungsbedingungen, Erfahrung und Übung auftreten.
- Erfahrung: Umweltereignisse, die es ermöglichen, bestimmte Fähigkeiten festzulegen.
- Geschlossene Inhalte: Merkmale mit unveränderlichem Potenzial (die Anlage des Menschen, etwas Bestimmtes aufzubauen).
- Offene Inhalte (Open Content): Erworbenes (Sprache, Intelligenz); Möglichkeiten, die entwickelt und voll ausgeschöpft werden.
- Progressive Zentralisierung: Stetige Verbesserung aller Funktionen des Einzelnen.
- Qualitative Änderungen: Umgestaltung von Strukturen und Funktionen; Änderungen in der Qualität, die oft nicht direkt beobachtet werden (z. B. Embryo/Fötus).
- Quantitative Veränderungen: Messbare und beobachtbare Änderungen in Mengen oder Häufigkeiten (z. B. Krabbeln, Gehen, genetisches Lernen).
Im 18. Jahrhundert entstand eine neue Art des Studiums des Kindes, bedingt durch große Entdeckungen, den Protestantismus, die Französische Revolution, die Industrie und die Entstehung der Psychologie.
Theoretische Perspektiven der Entwicklung
- Stadien: Eine Reihe relevanter Tatsachen, die zeitlich nah beieinander in einer Person auftreten.
- Mechanistische Perspektive: Der Mensch wird als Maschine betrachtet; Fokus auf quantitative Veränderungen, Konditionierung und das beobachtbare Produkt des Verhaltens, bestimmt durch die Umwelt.
- Organismische Perspektive: (z. B. Piaget) Der menschliche Körper und seine Aktionen stehen im Zentrum; Fokus auf qualitative, nicht direkt beobachtbare Veränderungen und den Entwicklungsprozess.
- Psychoanalytische Sicht: (z. B. Freud) Zwei Zustände stehen im Konflikt (oral, anal, phallisch, genital).
Das Instanzenmodell nach Freud
- Es (Id): Quelle unbewusster Motive und Wünsche; sucht sofortige Befriedigung nach dem Lustprinzip.
- Ich (Ego): Repräsentiert Vernunft und gesunden Menschenverstand; arbeitet nach dem Realitätsprinzip.
- Über-Ich (Superego): Repräsentiert das moralische Prinzip; entwickelt sich im Alter von 4–5 Jahren.
Wichtige Theoretiker
- Piaget: Fokus auf kognitive Intelligenz.
- Freud: Psychoanalyse (psychosexuelle Phasen) und Persönlichkeit.
- Erikson: Soziales Lernen und psychosoziale Krisen.
- Maslow: Sieht den Menschen als Ganzes; Hierarchie der Bedürfnisse bis zur Selbstverwirklichung.
Die Phasen der menschlichen Entwicklung
Pränatale Phase (Konzeption bis Geburt)
- Germinales Stadium: Von der Befruchtung bis zur 2. Woche.
- Embryonale Phase: 2. bis 8. Woche; Entwicklung wichtiger Organe; kritische Phase der Schwangerschaft.
- Fötale Phase: 8. Woche bis zur Geburt; Gesamtwachstum und Entwicklung.
Phasen der Geburt
- 1. Stufe: 12 bis 24 Stunden; die Gebärmutter dehnt sich aus.
- 2. Stufe: Etwa 1,5 Stunden; das Kind verlässt den Mutterleib.
- 3. Stufe: Dauert einige Minuten; die Plazenta und die Nabelschnur werden ausgestoßen.
Frühe Kindheit (Geburt bis 3 Jahre)
- Magen-Darm-Trakt: Noch keine Kontrolle über die Schließmuskeln.
- Regelmäßiger Schlaf: Geschlossene Augen, regelmäßige Atmung, keine Bewegung, reagiert nur auf sanfte Reize.
- Unregelmäßiger Schlaf: Geschlossene Augen, unregelmäßige Atmung, kleine Bewegungen; Licht oder Ton können Lächeln oder Gesten auslösen.
- Schläfrigkeit: Augen offen oder geschlossen, unregelmäßige Atmung; Lächeln bei Reizen möglich.
- Inaktive Aufmerksamkeit: Augen offen, ruhig, Gliedmaßen bewegen sich.
- Aktive Aufmerksamkeit und Weinen: Augen offen, hohe motorische Aktivität, starke Reaktion auf Reize.
Lernfortschritte: Manipulation von Objekten, Verständnis von Objektpermanenz, Raum, Zeit, Kausalität und Realität; zielorientiertes Handeln.
Motorik: Sitzen mit Unterstützung (4 Monate), im Stuhl sitzen (6 Monate), alleine sitzen (7 Monate), Krabbeln (9–10 Monate), Gehen mit Unterstützung (9–11 Monate), freies Gehen (15 Monate), Rennen (18–20 Monate).
Kognitive Entwicklung nach Piaget
Kognition umfasst Wahrnehmung, Lernen, Denken und Erinnern.
- Organisation: Integration von Prozessen in ein Gesamtsystem.
- Anpassung (Adaptation): Strukturen werden geschaffen, um mit der Welt zu kommunizieren.
- Assimilation: Einordnung neuer Objekte oder Erfahrungen in bestehende Schemata.
- Akkommodation: Änderung der eigenen Strukturen, um neuen Objekten oder Situationen gerecht zu werden.
Sprachentwicklung und Symbolik
- Symbolische Funktion: Fähigkeit, abwesende Objekte oder Personen durch Signifikanten (Symbole/Zeichen) darzustellen (ab ca. 2 Jahren).
- Symbole: Individuelle Vorstellungen.
- Zeichen: Gesellschaftlich vereinbarte Darstellungen (durch Nachahmung).
Meilensteine der Sprache:
- Lallen (3–4 Monate): Stimmgymnastik.
- Lale (6 Monate): Unvollkommene Nachahmung von Umgebungsgeräuschen.
- Echolalie (9–10 Monate): Nachahmung von Lauten ohne Verständnis.
- Expressiver Jargon (2. Jahr): Sätze mit Rhythmus ohne feste Bedeutung.
- Holophrastische Sprache (1 Jahr): Ein-Wort-Sätze für vollständige Gedanken.
- Telegrammstil (2 Jahre): Kombination aus Substantiv und Verb.
- Verbale Äußerungen (3 Jahre): Beherrschung der Sprache, Wortschatz ca. 900 Wörter.
Psychosoziale Stadien (0–3 Jahre)
- Orale Phase (0–2 Jahre): Fokus auf orale Befriedigung, Abhängigkeit und Passivität.
- Anale Phase (18 Monate – 3 Jahre): Freude durch Darmkontrolle; Themen wie Ordnung oder Schmutz.
- Krise I (Erikson): Urvertrauen vs. Misstrauen (0–18 Monate).
- Krise II (Erikson): Autonomie vs. Scham und Zweifel (18 Monate – 3 Jahre).
Frühe Kindheit (3 bis 6 Jahre)
Gekennzeichnet durch egozentrisches und magisches Denken sowie die symbolische Funktion.
- Signifikanten: Symbole (Bilder) und Zeichen (Wörter/Zahlen).
- Signifikate: Die eigentlichen Objekte und Ereignisse.
- Latente Nachahmung: Nachahmung ohne direkte Anwesenheit des Objekts.
- Symbolspiel: Objekte erhalten eine neue Bedeutung.
- Präoperatorisches Denken: Egozentrismus (kein Perspektivwechsel), Zentrierung (unlogische Begründung) und Irreversibilität.
Psychosexuelle und soziale Entwicklung
- Phallische Phase (3–5 Jahre): Interesse an Genitalien; Ödipus-Komplex (3–6 Jahre); Entwicklung des Über-Ichs.
- Krise III (Erikson): Initiative vs. Schuldgefühl; Entwicklung von Eigenverantwortung.
Mittlere Kindheit (6 bis 12 Jahre)
Erziehungsstile:
- Autoritär: Kinder werden unsicher und misstrauisch.
- Permissiv: Kinder werden unreif und kontrolllos.
- Demokratisch: Kinder werden selbstbewusst und kompetent.
Geistige Entwicklung (Konkret-operative Phase):
- Verständnis von Invarianz (Menge bleibt trotz Formänderung gleich).
- Reversibilität: Operationen können umgekehrt werden.
- Transitivität: Beziehungen zwischen Objekten erkennen.
- Realismus, Animismus und Artifizialismus: Bilder werden als real gesehen; Objekten wird Leben verliehen; Glaube, das Zentrum des Universums zu sein.
- Latenzzeit: Konflikte ruhen; Mechanismen wie Verdrängung, Sublimation, Reaktionsbildung und Projektion treten auf.
- Krise IV (Erikson): Werksinn (Industrie) vs. Minderwertigkeit.
Jugendalter (12 bis 18 Jahre)
Geschlechtsreife (Pubertät): Gesteuert durch die Hypophyse, Gene und Umweltfaktoren.
- Primäre Merkmale: Fortpflanzungsorgane (Uterus, Vagina / Hoden, Penis).
- Sekundäre Merkmale: Brüste, Schamhaar, Stimmbruch, Hautveränderungen.
Identität und Kognition
- Genitale Phase: Erreichen der sexuellen Reife und heterosexuellen Sozialisation.
- Krise V (Erikson): Identität vs. Identitätskonfusion (Tugend der Treue).
- Identitätsstadien nach Marcia: Übernahme (Ausschluss), Moratorium (Aufschub), Erarbeitung (Identität) und Diffusion (Verwirrung).
- Formal-operative Phase: Abstraktes Denken, hypothetisch-deduktives Schließen und Metakognition.
Moralische Entwicklung (Kohlberg)
- Heteronome Moral (Angst vor Strafe).
- Individualismus (Eigennutz).
- Zwischenmenschliche Erwartungen.
- Soziales System und Gewissen.
- Gesellschaftsvertrag und individuelle Rechte.
- Universelle ethische Prinzipien.
Erwachsenenalter und Alter
Frühes Erwachsenenalter (18–40 Jahre)
- Optimale Muskelkraft (25–30 Jahre); Sehschärfe nimmt ab 40 ab; Hörverlust beginnt oft vor 25.
- Fluide Intelligenz: Abstraktes Denken; nimmt im Alter ab.
- Kristallisierte Intelligenz: Erfahrungswissen; bleibt stabil oder wächst.
- Postformales Denken: Dialektisches Denken; Integration von Widersprüchen.
- Stadien nach Schaie: Erwerb, Leistung, Verantwortung, Ausführung, Reintegration.
- Krise VI (Erikson): Intimität vs. Isolierung.
Mittleres Erwachsenenalter (40–65 Jahre)
Neu-Bewertung von Zielen; Vertrauen auf Intuition und Weisheit. Die fluide Intelligenz sinkt weiter, während die kristallisierte Intelligenz wächst.
Spätes Erwachsenenalter (ab 65 Jahren)
- Seneszenz: Der Prozess des Alterns.
- Altersdemenz: Geistiger Verfall (z. B. Alzheimer).
- Krise VIII (Erikson): Ich-Integrität vs. Verzweiflung; Akzeptanz des eigenen Lebens und des Todes.
Einstellung gegenüber dem Tod
- Irreversibilität: Verständnis, dass der Tod endgültig ist.
- Kausalität: Tod als biologisches Phänomen.
- Universalität: Erkenntnis, dass jeder sterben muss.
- Ödipale Phase: Tod wird oft als Strafe oder Kastration empfunden.
- Erwachsene: Die Angst vor dem Tod weicht einer zunehmenden Vertrautheit mit dem Thema.