Griechische Rhetorik: Von Corax bis Isokrates – Redekunst im antiken Griechenland
Zusammenfassung
Der Text beschreibt die Entstehung der griechischen Rhetorik von den Anfängen mit Corax und Tisias über die Sophisten bis zu den großen Rednern. Behandelt werden die Redegattungen nach Aristoteles sowie Demosthenes, Lysias und Isokrates. Lernende erfahren, wie sich die Redekunst in der Demokratie entwickelte und welche Stile und Strukturen sie prägten.
Kernpunkte
- Corax und Tisias gelten als Begründer der Rhetorik und verfassten die ersten „Technai“ (Lehrbücher der Redekunst).
- Das zentrale Prinzip der frühen Rhetorik ist das „Eikos“, also die Wahrscheinlichkeit oder Glaubwürdigkeit.
- Aristoteles unterteilte die Redegattungen in politische, gerichtliche und epideiktische Redekunst.
- Demosthenes (384–322 v. Chr.) gilt als der größte Redner der Antike; seine bekanntesten Werke sind die Philippischen Reden.
- Lysias war der Meister der forensischen Redekunst und zeichnete sich durch Klarheit und eine rein attische Sprache aus.
- Isokrates stellte die Beredsamkeit in den Dienst bürgerlicher und politischer Ideale und gründete eine eigene Rhetorikschule.
Die Ursprünge der Griechischen Rhetorik
Die Oratorik (Redekunst) ist die Kunst, öffentlich zu sprechen und zu überzeugen. Die Vorliebe der Griechen für diese Kunst fand ihren idealen Kontext in den neuen soziopolitischen Strukturen, die sich nach der Tyrannei in demokratischen Regimen organisierten. Einer der Grundpfeiler der Demokratie war das Recht jedes Bürgers, seine Ansichten in den Versammlungen frei zu äußern.
Corax und Tisias: Die Begründer der Rhetorik
Die ersten Redner, die sogenannte „Technai“ (Lehrbücher der Redekunst) verfassten, waren Corax und Tisias. Mit ihnen etablierte sich die Rhetorik als Kunstform, welche die theoretischen Grundlagen der Sprache begründete. Sie entwickelten die Doktrin des „Eikos“ (der Wahrscheinlichkeit oder Glaubwürdigkeit) und strukturierten die Rede in drei Teile:
- Einleitung
- Diskussion (Argumentation)
- Schlussfolgerung
Historische Entwicklung und die Rolle der Sophisten
Die griechische Rhetorik wird als Weiterentwicklung der alten Hymnus-Poesie betrachtet. Die Alten sahen einige homerische Helden und Götter als die ersten griechischen Redner und Erfinder der Rhetorik an.
Zur Zeit des Perikles und während des Peloponnesischen Krieges versammelten sich in Athen viele bedeutende Persönlichkeiten der hellenistischen Welt. Die Sophisten bildeten den Kern dieser Bewegung. Ihre Lehren konzentrierten sich auf zentrale Fragen:
- Ob Aussagen auf der Natur oder der menschlichen Konvention beruhten.
- Eine gute Ausbildung erforderte Dialektik und vor allem eine große Argumentationsfähigkeit.
Durch den Dialog gelangten die Schüler zur Problemlösung. Die Sophisten befassten sich auch mit der Grammatik, deren Ziel die Korrektur und die Angemessenheit im Sprachgebrauch war.
Gorgias von Leontinoi: Der Meister des Stils
Gorgias führte in seinen Reden wichtige Elemente ein, die später in vielen Lobrede-Gattungen auftauchten. Die Theorie der Rhetorik des Gorgias betonte die Systematisierung dessen, was er als „Gorgianische Figuren“ bezeichnete. Er entdeckte den künstlerischen Wert des Wortes in der Prosa, außerhalb der Poesie. Sein rhetorischer Einfluss war eine der entscheidenden Ursachen für den Rückgang der Tragödie und anderer poetischer Gattungen.
Aristoteles' Einteilung der Redegattungen
Aristoteles teilte die Redegattungen in drei Hauptbereiche ein:
- Politische Redekunst (Genus Deliberativum)
- Gerichtliche Beredsamkeit (Genus Iudiciale)
- Epideiktische Redekunst (Genus Demonstrativum)
1. Die Politische Redekunst: Demosthenes
Der größte Redner der Antike war Demosthenes (384–322 v. Chr.). Demosthenes gewann und fesselte die Zuhörer durch seine Überzeugungen und Gefühle. Vor allem die Präsenz allgemeiner Ideen verlieh seiner Argumentation eine enorme Schubkraft und tiefes Eindringen in das Bewusstsein.
Sein Stil war kraftvoll und stark, das Ergebnis sorgfältiger Studien. Seine bekanntesten Werke sind die Philippischen Reden (vier Reden), mit denen er die Athener inspirierte, gegen Philipp II. von Makedonien zu kämpfen. Obwohl Philipp die Schlacht von Chaironeia gewann, bleibt Demosthenes' Einfluss unbestritten. Ein weiteres berühmtes Werk ist die Rede „Über den Kranz“, die er gegen seinen Rivalen Aischines hielt.
Nach dem Tod Alexanders des Großen kehrte Demosthenes nach Athen zurück und versuchte, das Volk gegen die Makedonier aufzuwiegeln. Er zog es jedoch vor, sich selbst zu töten, anstatt in mazedonische Gefangenschaft zu geraten.
2. Die Gerichtliche Beredsamkeit: Lysias und die Logographen
Gerichtsreden wurden von professionellen Redenschreibern, den sogenannten Logographen, für diejenigen verfasst, die sich selbst vor Gericht verteidigen mussten. Der erste forensische Redner war Antiphon, dessen System die Grundlage für nachfolgende Reden bildete. Die Struktur der Gerichtsrede umfasste typischerweise:
- Einleitung
- Erzählung der Tatsachen
- Begründung des Themas
- Präsentation der Argumente
- Widerlegung der Gegenargumente
- Verstärkung (Peroratio/Schlusswort)
Lysias: Der Meister der Klarheit
Die forensische Redekunst erreichte ihren Höhepunkt mit Lysias. Er unterstützte den demokratischen Sektor. Es sind 30 seiner Reden erhalten geblieben, die meist private Angelegenheiten seiner Klienten behandeln, mit Ausnahme der XII. Rede „Gegen Eratosthenes“.
Lysias zeichnete sich durch die Richtigkeit seiner Rechtsauffassung, die geschickte Auswahl und Beurteilung der Beweise, die Dialektik seiner Argumentation sowie die Energie des klaren Schlussworts aus. Er betonte die Fähigkeit, einen glaubwürdigen Charakter (Ethos) zu schaffen und Emotionen (Pathos) zu wecken. Er verwendete eine vereinfachte, rein attische Sprache.
3. Die Epideiktische Redekunst: Isokrates
Die epideiktische Redekunst (Lobrede/Festrede) ist weniger prominent vertreten als die anderen Gattungen. Isokrates war ihr Hauptvertreter. Er gründete eine eigene Rhetorikschule.
Seine Tätigkeit muss in seiner Doppelrolle als politischer Essayist und Meister der Rhetorik gesehen werden. Sein theoretisches Unterrichtsprogramm legte er in „Gegen die Sophisten“ dar, einem Manifest, das sich von den Sophisten unterschied, da Isokrates die Beredsamkeit in den Dienst bürgerlicher und politischer Ideale stellte, im Gegensatz zur ethischen Indifferenz und dem Relativismus der Sophisten.
Isokrates war der einflussreichste politische Denker seines Jahrhunderts und vor allem ein großer Künstler der griechischen Prosa. Er führte die Prosa zur Perfektion, indem er ihr eine kunstvolle, rhythmische Struktur verlieh, die eine Mischung aus Poesie und Prosa darstellte.
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Wer gilt als Begründer der griechischen Rhetorik?
Corax und Tisias gelten als die ersten Redner, die Lehrbücher der Redekunst verfassten, die sogenannten „Technai“. Mit ihnen etablierte sich die Rhetorik als Kunstform.
Welche drei Redegattungen unterschied Aristoteles?
Aristoteles unterschied die politische Redekunst (Genus Deliberativum), die gerichtliche Beredsamkeit (Genus Iudiciale) und die epideiktische Redekunst (Genus Demonstrativum).
Wer war Demosthenes?
Demosthenes (384–322 v. Chr.) war der größte Redner der Antike. Bekannt ist er vor allem durch die Philippischen Reden, mit denen er die Athener gegen Philipp II. von Makedonien inspirierte.
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