Jean-Paul Sartres Existenzialismus: Freiheit und Existenz
Elementare Darstellung der Existenz bei Sartre
Jean-Paul Sartre betrachtet, zusammen mit anderen Denkern wie Jaspers und Marcel, die menschliche Existenz als den zentralen Ausgangspunkt seiner Philosophie.
Die Existenz geht der Essenz voraus
Existenzialisten akzeptieren die von Kierkegaard behandelte Idee: Die reale Existenz kann nur individuell sein. Daher lehnt die existenzialistische Philosophie den Missbrauch einer universellen Realität des täglichen Lebens ab und setzt stattdessen beim Menschen als Ausgangspunkt an. Sartre drückt das Primat der menschlichen Existenz mit dem berühmten Konzept aus: "Die Existenz geht der Essenz voraus."
Das bedeutet, dass kein vorheriges Konzept in der Lage ist, die Existenz zu definieren, da sie als reine Möglichkeit nicht als feststehendes "Sein" fixiert ist. Existenzialisten neigen dazu, die menschliche Existenz aus einer dramatischen und pessimistischen Sichtweise zu betrachten. Es ist wichtig zu bedenken, dass Sartres französischer Existenzialismus nach dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung gewann, weshalb ein gewisser Pessimismus in diesem Denken herrscht. Es handelt sich um eine Strömung deutschen Ursprungs, die auf den Gedanken von Husserl und Heidegger basiert – ein Denken, das in den Ruinen der Vergangenheit gedeiht, um uns eine neue Zukunft zu bauen.
Das An-sich und das Für-sich
Für Sartre besteht die Welt aus zwei Arten von Wesen:
- Das An-sich (en-soi): Dies sind Dinge, die dazu bestimmt sind, auf eine bestimmte Art und Weise zu sein. Sie sind nicht als Möglichkeit offen, sondern bereits vollendet. Beispiele hierfür sind Minerale, Bäume oder auch der menschliche Körper, wenn er als bloßes Objekt betrachtet wird.
- Das Für-sich (pour-soi): Dies sind Wesen, die nicht festgelegt, sondern frei sind – als reine Möglichkeit, die niemals endgültig real wird. Die menschliche Existenz ist in ihrem Wesen ein klares "Für-sich".
Diese Dialektik bezieht sich auf Husserls intentionales Bewusstsein: Das "An-sich" entspräche dem Inhalt des Aktes, während das "Für-sich" der Akt selbst ist.
Die Freiheit und die „unnütze Leidenschaft“
Aus dieser Klassifizierung leitet Sartre einen Kontrast zwischen der Seinsweise des "Für-sich" und anderen Wesen ab. Wann immer das "Für-sich" versucht, ein "An-sich" zu werden, scheitert dieser Versuch. Dennoch versucht der Mensch dies ständig; die menschliche Existenz ist immer auf der Suche nach einem festen Sein, obwohl dies nicht gelingen kann. Sartre bezeichnet dies als eine unmögliche Synthese.
Es gibt hier zwei unversöhnliche Konzepte. Dieses Scheitern ist vorbestimmt, da das einzige Wesen, das sowohl "An-sich" als auch "Für-sich" wäre, Gott ist. Deshalb sagt Sartre, dass die menschliche Existenz eine "nutzlose Leidenschaft" ist. Der Mensch kann nicht Gott sein; er scheitert bei dem Versuch, zwei inkompatible Essenzen zu synthetisieren. Diese Idee begründet zudem Sartres atheistischen Ansatz und dient ihm als Beweis für die Nichtexistenz Gottes.
Projekte, Angst und die Wahl der Situation
Sartre verleiht der Freiheit eine ontologische Einheit und setzt sie als definierende Eigenschaft der menschlichen Existenz fest. Freiheit bedeutet Autonomie der Wahl. Die ursprüngliche Wahl des "Für-sich" ist das Schlüsselprojekt, um über seine letzte Möglichkeit zu entscheiden. Das gesamte Projekt der Freiheit besteht im "Tun". Die Wahl erfolgt für Sartre durch die Freiheit des Handelns, sowohl bei der Entwicklung von Zukunftsplänen als auch bei Entscheidungen über das eigene Leben.
Projekte sind immer Entwürfe für die Zukunft ("Brücken über das Nichts"), die jederzeit geändert werden können; sie sind nie endgültig. Sartres existenzielles Projekt gibt der Existenz eine Richtung und ermöglicht erst das Handeln. Dies bedeutet jedoch auch, dass ein Projekt oft stressig sein kann – ein Moment der Angst und des Gefühls der Überforderung, da man die spezifische Adresse des Daseins nicht kennt. Doch Projekte dienen auch dazu, der menschlichen Existenz einen Weg zu geben, also die Freiheit zu verwirklichen. Da der Mensch frei ist, sein Projekt zu wählen, wird er verantwortlich für das, was in seinem Leben geschieht.
Die Unbedingtheit der Existenz
Die Wahl eines Projekts beinhaltet auch die Wahl der Situation für das "Für-sich". Die Freiheit ist daher Gegenstand einer Wirklichkeit, was jedoch die unbedingte Natur der Existenz nicht verringert. Das "In-der-Lage-Sein" charakterisiert das "Für-sich". Es ist eine Position des "Für-sich" gegenüber der Existenz, die eingenommen werden muss.
Faktizität und absolute Freiheit
Jede Situation hat einen besonderen Charakter und wird durch die Ziele der menschlichen Existenz beleuchtet, sobald Projekte in dieser Situation existieren. Situationen sind weder Produkte der Freiheit noch ein reiner Gegensatz zu ihr. Eine Situation beleuchtet die Faktizität des freien Projekts. Sartre erklärt so die Identität der Existenz: Der Mensch existiert aufgrund seiner Lage und seines Projekts. Man wählt seine Situation in absoluter Freiheit, und aus diesem Grund liegt die volle Verantwortung für die Wahl der Situation ausschließlich beim Menschen.
Bösgläubigkeit und moralische Verantwortung
Sartre thematisiert zudem die Bösgläubigkeit (mauvaise foi). Diese tritt auf, wenn Menschen versuchen, faktische Gegebenheiten vor ihre Freiheit zu schieben, um sich der Verantwortung für eine Entscheidung zu entziehen. Dieser Versuch ist nicht akzeptabel. Der Mensch kann sich niemals hinter einer Situation verstecken, um nicht frei zu sein. Wenn ein Mensch Gründe – ob psychischer oder sozialer Natur – als determinierend für seine Entscheidungen interpretiert, handelt er bösgläubig und maskiert seine eigene Freiheit. Die menschliche Existenz steht immer vor der Entscheidung.
Das Konzept der moralischen Verantwortung ist bei Sartre eine Verpflichtung des Menschen gegenüber seinen gelebten Situationen. Verantwortung ist das Bewusstsein, der Autor des existenziellen Projekts zu sein. Der Mensch ist eine Entscheidung, die seine Welt erschafft. Somit ist Verantwortung die logische Konsequenz der Freiheit.
Existenzialismus als Humanismus und Marxismus
Sartre war anfangs kein Humanist im klassischen Sinne; er grenzte sich zunächst von Marxismus und Religion ab. Er verteidigt den Existenzialismus jedoch als eine Lehre der Freiheit, Verantwortung und des Engagements. Sartres Existenzialismus entspricht einem moralischen Status. Er lehnt das Konzept des "allgemeinen Menschen" als vorgefasste Idee ab. Für Sartre ist der Mensch nichts anderes als pure Freiheit und Möglichkeit.
Man kann den Menschen als eine kontinuierliche Transzendenz denken. So wird der Existenzialismus zu einem transzendenten Humanismus, der den Menschen als jemanden begreift, der in der Lage ist, sich selbst zu entwerfen und die Verantwortung für seine Existenz zu übernehmen.
Kritik der dialektischen Vernunft
In seinem Werk "Kritik der dialektischen Vernunft" (1960) stellt Sartre fest, dass die Geschichte eine Bewegung ist, in der die individuelle Freiheit nicht außerhalb der gesellschaftlichen Gruppe existieren kann. Aus Sicht der dialektischen Vernunft wurde der Existenzialismus teils als "parasitäre bürgerliche Ideologie" betrachtet, doch Sartre sah im Marxismus den notwendigen philosophischen Kontext seiner Zeit. Er argumentiert, dass das Individuum frei ist, wenn es Teil der historischen Dialektik ist.
Sartre glaubt, dass menschliche Gruppen wahrhaft dialektisch sind. In diesen Gruppen sehen Individuen ihre eigene Freiheit in der Freiheit der anderen und handeln synchron, um die Gesellschaft zu transformieren. Dennoch bleibt für Sartre die menschliche Existenz individuell, da das Projekt das Werk eines Einzelnen ist. Obwohl eine Person allein die Geschichte nicht ändern kann, muss ein historischer Wandel immer ein Gruppenprojekt sein, in dem sich die individuelle Freiheit ausdrückt.