Anselms Gottesbeweis und Formen des Atheismus

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Anselms ontologischer Gottesbeweis

Anselm von Canterbury geht davon aus, dass Gott zu verstehen ist als "etwas, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann". Darauf fußt der ganze Beweis. Wenn jemand die Wortfolge hört: "etwas, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", so ist diese Wortfolge in seinem Verstand. Wäre es aber ausschließlich in seinem Verstand, dann könnte man etwas denken, das größer wäre als es, nämlich etwas, das sowohl im Verstand als auch in der Wirklichkeit ist. Also muss "das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", auch in der Wirklichkeit sein. Sonst wäre es ein Widerspruch in sich selbst. Kann "das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", als nicht-existent gedacht werden? Nein, denn ein anderes, das als existent gedacht werden könnte, wäre größer als "dieses, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann". Folglich muss "das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", notwendig als existierend gedacht werden, damit kein Widerspruch entsteht und weil man sonst von etwas reden würde, über das hinaus sehr wohl etwas Größeres gedacht werden kann. Das, "über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", wird von Anselm identifiziert mit Gott, der demnach sowohl im Verstand als auch in der Wirklichkeit notwendig existieren muss.

Differenzierung verschiedener Formen des Atheismus

Ebenso wenig wie der Gottesglaube ist auch der Atheismus ein einheitliches Gebilde. Es ist also sinnvoll, verschiedene Formen des Atheismus voneinander zu unterscheiden:

Der methodische Atheismus

Der methodische Atheismus ist kennzeichnend für die moderne naturwissenschaftliche Erkenntnis. Er verdankt sich zum einen der Einsicht, dass exakte Wissenschaften ihre Aussagen nicht über den Bereich gegenständlicher Erfahrung hinaus ausweiten können und dürfen. Zum anderen beruht er auf der theologischen Erkenntnis, dass Gott als die „alles bestimmende Wirklichkeit“ grundsätzlich kein Gegenstand objektivierender Erkenntnis sein kann (Bultmann). Im Sinne empirischer Wissenschaft „gibt“ es Gott nicht!

Da aber Naturwissenschaft sich in ihrer Methode nach ihrem Erkenntnisobjekt richten will, rechnet sie weder mit Gott als Erklärungshypothese, noch macht sie überhaupt theologische Aussagen. Sie praktiziert deshalb einen methodisch notwendigen Atheismus.

Der praktische Atheismus

Der wirkliche Atheismus dagegen tut nicht bloß so, als ob es keinen Gott gäbe („etsi deus non daretur“), sondern er leugnet bzw. bestreitet die Existenz Gottes ausdrücklich. Dabei kann man wieder zwischen einem „bewussten“ oder theoretischen und einem „unbewussten“ oder praktischen Atheismus unterscheiden. Wesentlich für den praktischen Atheismus ist die Gleichgültigkeit gegenüber der Gottesfrage. Man erwartet von ihrer Beantwortung keine Folgen mehr für das gesellschaftliche und persönliche Leben: Gott ist einfach überflüssig geworden! Gemeint ist eine verbreitete Lebensform, bei der die Frage nach der Existenz oder Nichtexistenz Gottes oder gar nach seiner Bedeutung keine Rolle spielt. Das Leben dreht sich um die unmittelbar aus der vorgefundenen Situation hervorgehenden Fragen und beschränkt sich auf Antworten, die aus rein innerweltlichen Zusammenhängen ableitbar scheinen. Ihre tieferen Voraussetzungen werden nicht weiter reflektiert. Auch das Nichtglauben oder das Ignorieren der Gottesfrage geschieht ohne bewusste argumentative Begründung. Man lebt und denkt, als sei es egal, ob es Gott gebe oder nicht.

Der theoretische Atheismus

Der theoretische Atheismus ist dagegen die bewusste und begründete Ablehnung Gottes, verbunden mit dem Versuch, an die Stelle des Gottesglaubens eine bessere, aufgeklärtere Lebenshaltung zu setzen: Ein vernunftgemäßes und eigenverantwortliches Leben allein gewährleistet die wahre Humanität des Menschen. Er soll vor realitätsfremden Urteilen und gefährlichen Illusionen bewahrt und zum Aufbau einer besseren Welt ermutigt werden. Bei einer sachgerechten Auseinandersetzung wird also immer auch zu fragen sein, welches das Anliegen der jeweiligen Religionskritik ist, wie dies zu bewerten ist und ob die Religionskritik ihrem eigenen Anliegen auch gerecht werden kann.

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