Barocktheater in Spanien: Formen, Lope de Vega & Calderón

Eingeordnet in Spanisch

Geschrieben am in Deutsch mit einer Größe von 7,26 KB

Das Barocktheater im Siglo de Oro

Drei Hauptformen des Barocktheaters

Während des siebzehnten Jahrhunderts erreichte das spanische Barocktheater seine größte Blütezeit. Drei Hauptformen koexistierten in dieser Epoche:

  1. Das Religiöse Drama (Autos Sacramentales)

    • Entwickelt aus dem sakramentalen Mysterium.
    • Kurze Einakter, die abstrakte Zeichen in allegorischer Form darstellen.
    • Behandelt religiöse Themen, oft den Konflikt zwischen Gut und Böse, wobei das Gute stets siegt.
    • Wurde hauptsächlich bei der Feier von Corpus Christi aufgeführt.
    • War im Rahmen der Gegenreformation ein wirksames Mittel, um die Lehren des Katholizismus zu vermitteln.
  2. Das Hoftheater

    • Wurde in den Gärten von Palästen und in Festsälen aufgeführt.
    • Bekannt für große Innovationen in der Bühnenkunst, die aufwendige Spezialeffekte und spektakuläre Inszenierungen ermöglichten.
  3. Die Öffentlichen Theater (Corrales de Comedias)

    • Das Theater für die breite Öffentlichkeit.
    • Die Aufführungen waren große gesellschaftliche Ereignisse und die beliebteste Unterhaltung der Zeit.

Beschreibung und Aufbau der Corrales de Comedias

  • Die Corrales waren Innenhöfe, umgeben von Häusern.
  • An einem Ende des Hofes stand die Bühne, oft ohne Bühnenbild und manchmal sogar ohne Vorhang.
  • Der Patio: Hier versammelte sich das populäre Publikum (die Mosqueteros).
  • Die Bänke: Im vorderen Bereich des Patios, für die man Eintritt zahlen musste. Dahinter standen die Männer aus der Stadt.
  • Die Cazuela: Ein erhöhter Bereich am anderen Ende des Hofes, traditionell für Frauen reserviert.
  • Die Aposentos/Cámaras: Balkone und Fenster mit Blick auf den Innenhof, die dem Adel und wohlhabenden Bürgern vorbehalten waren.

Ablauf der Aufführungen

  • Die Vorstellungen fanden am frühen Nachmittag statt, um das Tageslicht zu nutzen.
  • Um das Publikum zwischen den Akten nicht zu langweilen, wurden kürzere Stücke eingefügt:
  • Beginn: Mit einer Loa (eine Präsentation in Versen) und dem ersten Akt der Comedia.
  • Nach dem ersten Akt: Ein Entremés (eine humorvolle, kurze Zwischenszene).
  • Nach dem zweiten Akt: Lieder oder Tänze (Bailes).
  • Ende: Nach dem dritten Akt schloss die Vorstellung mit einem kurzen Sketch oder einem weiteren Entremés (Fin de Fiesta).

Lope de Vega (1562–1635): Begründer der Comedia Nueva

Lope de Vega revolutionierte das spanische Theater und etablierte die Comedia Nueva (Neue Komödie).

Merkmale der Comedia Nueva

  • Bruch mit den klassischen Regeln

    • Ablehnung der drei Einheiten von Zeit, Ort und Handlung.
    • Lope führte zahlreiche Schauplätze und eine dynamische Handlung ein, die die Aufführung lebendiger machte.
    • Die Handlung konnte sich über längere Zeiträume erstrecken, da eine Vielzahl von Ereignissen eingeführt wurde, die nicht an einem einzigen Tag stattfinden konnten.
  • Handlungsstruktur und Charaktere

    • Die Haupt- und Nebenhandlungen werden kombiniert: Die Hauptszene (vertreten durch die Dame und den Galán/Herrn) wird durch eine sekundäre Handlung (zwischen der Magd und dem Diener/Gracioso) kontrastiert.
    • Einführung verschiedenster Figuren und Handlungsstränge, um diesen Kontrast zu verdeutlichen.
    • Das Werk ist in drei Akten (statt fünf wie in der klassischen Literatur) gegliedert.
    • Mischung aus tragischen und komischen Elementen (Tragikomödie).
    • Verwendung verschiedener Versarten und Strophen (Polymetrie).
  • Typische Rollen

    Feste Charaktertypen prägen die Stücke:

    • Die Dame (Dama)
    • Der Kavalier (Galán)
    • Der Diener/Narr (Gracioso)
    • Die Zofe (Criada)
    • Der Bösewicht (Villano)
    • Der König oder der Mächtige
  • Zentrale Themen

    Die dramatische Handlung konvergiert in den zentralen Gefühlen von Liebe und Ehre (Honor und Honra). Die Schande muss stets als Akt der Gerechtigkeit wiederhergestellt werden.

  • Textliche Elemente

    Lieder und Tänze wurden eingefügt, um das Spektakel anzuregen und ihm Farbe zu verleihen.

Der Begriff von Honra und Honor

Im spanischen Barocktheater wird streng zwischen zwei Konzepten unterschieden:

  • Honra (Äußere Ehre): War das ererbte Privileg des Adels, basierend auf dem Wert und der Abstammungslinie der Vorfahren.
  • Honor (Innere Ehre): War eine persönliche Tugend, die nicht vererbt wurde und auf der Wahrnehmung durch andere basierte. Sie betraf oft die Frauen, deren Tugend die Ehre des Mannes bestimmte.

Pedro Calderón de la Barca (1600–1681)

Calderóns Theaterstil

Calderóns Werk spiegelt eine pessimistische und konservative Weltsicht wider. Sein Theater ist ein Ideen- und Symboltheater, das tiefgreifende philosophische Fragen aufwirft.

  • Zentrale Metaphern:
    • Das Leben wird als ein Traum betrachtet, aus dem man erst durch den Tod erwacht.
    • Die Welt ist eine Bühne, auf der jeder die Rolle spielt, die ihm von Gott, dem Autor, zugewiesen wurde (wie in El gran teatro del mundo).
  • Struktur und Fokus:
    • Calderón eliminiert unwichtige Charaktere, Handlungen und unnötige Szenen.
    • Es gibt meist eine Hauptfigur und ein einziges zentrales Thema; andere Charaktere und Themen sind diesem untergeordnet.
    • Seine Weltsicht wird durch Argumente ausgedrückt, die seine philosophische und theologische Ausbildung widerspiegeln.
  • Sprache und Stil: Die Sprache ist typisch barock, geprägt von Conceptismo (Konzeptismus) und Culteranismo (Gongorismus).
  • Inszenierung: Er nutzte zahlreiche Innovationen und Ressourcen, die dem Hoftheater zur Verfügung standen.

Themen in Calderóns Theater

  • Religiöse Dramen
  • Comedias de Capa y Espada (Mantel-und-Degen-Komödien): Handlungen voller Missverständnisse und Verwicklungen.
  • Mythologische Dramen: Gekennzeichnet durch eine sehr kultivierte Sprache.
  • Dramen der Ehre und Eifersucht: Das Thema der Ehre wird so streng behandelt, dass der bloße Verdacht der Untreue einer Frau den Tod dieser Frau rechtfertigen konnte.
  • Philosophische Dramen: Das wichtigste Werk ist La vida es sueño (Das Leben ist ein Traum), das die existenzielle Angst des Barockzeitalters ausdrückt und die Frage behandelt, ob das Leben nur ein Traum ist, der jederzeit enden kann.
  • Autos Sacramentales: Zeigen seine Fähigkeit zur theologischen und philosophischen Reflexion.

Verwandte Einträge: