Die Beweisbarkeit der Existenz Gottes: Thomistische und Augustinsche Ansätze
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Theologische Unterscheidung: Natürliche und Übernatürliche Theologie
Die theologische Unterscheidung erfolgt zwischen:
- Übernatürliche Theologie: Gott als Objekt kann nur ex divina revelatione (durch göttliche Offenbarung) bekannt sein.
- Natürliche Theologie: Gott als Objekt der ersten Ursache allen Seins. Diese muss in zwei Teile unterteilt werden: Einerseits die Demonstration der Existenz Gottes und andererseits die Betrachtung der Natur Gottes und seiner wichtigsten Attribute.
Die Beweisbarkeit der Existenz Gottes
Ist die Existenz Gottes beweisbar?
Diese Frage kann positiv oder negativ beantwortet werden. Zwei Hauptgründe werden oft genannt, warum ein Beweis nicht notwendig oder nicht möglich sei:
- Es besteht keine Notwendigkeit, die Existenz Gottes zu beweisen, da sie evident ist.
- Eine Demonstration ist nicht möglich, da uns die notwendigen Mittel dazu fehlen.
Selbstevidenz (Per se nota)
Ein Satz gilt als sofort ersichtlich (selbstevident), wenn das Prädikat in der Definition des Subjekts selbst enthalten ist. Im Satz „Gott existiert“ ist das Prädikat (Existenz) in der Definition des Subjekts (Gott) enthalten, da Gott das Wesen ist, dessen Wesen die Existenz impliziert. Daher ist die Proposition an sich klar und bedarf keiner Demonstration.
Thomas von Aquin unterscheidet zwei Arten von selbstevidenten Sätzen:
- Sätze, die an sich, aber nicht für uns offensichtlich sind.
- Sätze, die offensichtlich und wirklich für uns sind.
Wenn wir den Inhalt des Subjekts und des Prädikats ignorieren, kann der Satz zwar an sich evident sein, aber nicht für uns. Der Satz „Gott existiert“ ist an sich klar, da die Existenz Gottes sein Wesen ist; er ist jedoch nicht klar für uns. Wenn wir also wissen wollen, ob Gott existiert, ist der Einsatz eines Beweises notwendig.
Demonstrationsarten (Propter Quid vs. Quia)
Die Scholastik unterscheidet nach Aristoteles zwei Klassen von Demonstrationen:
- Demonstration propter quid (aus der Ursache): Dies ist der A-priori-Beweis, der die Ursache aus den Wirkungen ableitet. Er ist unabhängig von der Erfahrung.
- Demonstration quia (aus der Wirkung): Dies ist der A-posteriori-Beweis, der die Existenz der Ursache aus den Wirkungen ableitet. Er basiert auf der Erfahrung.
Die angemessene Position ist demnach: Da Gott nicht klar evident ist, muss seine Existenz a posteriori bewiesen werden, das heißt, durch seine endlichen Wirkungen. Da Gott unendlich ist und seine Wirkungen endlich sind, ist keine vollkommene Erkenntnis Gottes möglich. Dennoch kann durch jede Wirkung bewiesen werden, dass die Ursache (Gott) existiert, denn wenn die Ursache nicht existierte, gäbe es auch keine solchen Wirkungen.
Struktur der Gottesbeweise (Die Fünf Wege)
Das allgemeine Schema der Wege (Viae) ist wie folgt:
- Die Grundlage ist immer eine Tatsache der Erfahrung.
- Anwendung des Prinzips der Kausalität (der wirkenden Ursache).
- Die Kausalkette darf nicht in einer unendlichen Reihe von aktuell und wesentlich untergeordneten Ursachen enden.
- Das Ziel wird erreicht: Die Existenz Gottes wird in jedem Fall auf konsistente Weise bewiesen.
Die dynamische Art und Weise der Beweisführung stützt sich auf die Begrenzung des Seins, welche zwei Aspekte umfasst: die zeitliche Begrenzung (Dauer) und die Begrenzung der Vollkommenheiten. Die Fünf Wege (Quinque Viae) basieren auf diesen begrenzten Aspekten.
Die Philosophie des Heiligen Augustinus
A) Theologie und Kosmologie
Augustinus’ Theologie ist stark vom Platonismus beeinflusst und postuliert die Existenz zweier Welten:
- Platonismus: Die Welt der Ideen und die Welt der Dinge.
- Christentum: Die irdische Welt und eine Welt jenseits des Todes.
Der Mensch ist nach Augustinus Ebenbild und Gleichnis Gottes. Das Konzept der Teilhabe (Participatio) ist zentral, da alle Wesen von Gott abhängen. Die Schöpfung ist ein fundamentales Konzept des Christentums und unterscheidet sich vom platonischen Demiurgen.
B) Anthropologie (Körper und Seele)
Der Mensch wird als ein aus Körper und Seele zusammengesetztes Wesen betrachtet, sowohl im Christentum als auch im Platonismus. Die Seele ist unsterblich. Die Beweise für die Unsterblichkeit der Seele, die in der christlichen Lehre enthalten sind, finden sich bereits in Platons Phaidon. Der eigentliche Ort der Seele ist nicht diese Welt, sondern sie hat ihren Platz im Jenseits. Die Seelen werden nach dem Tode gerichtet.
Glaube und Vernunft bei Augustinus
Der Glaube entspringt immer der Offenbarung Gottes. Die Welt des Glaubens ist die Welt des Glaubwürdigen und nicht durch die Vernunft Beweisbaren. Die Grundlage der Vernunft sind die Sinne; das Wissen der Vernunft ist beweisbar, aber nicht glaubwürdig.
Augustinus zieht keine willkürliche Grenze zwischen Vernunft und Glaube, sondern stützt seine Position auf theoretische und praktische Erwägungen:
- Theoretisch: Die Wahrheit ist einzigartig; es gibt keine getrennten Wahrheiten der Vernunft und Wahrheiten des Glaubens.
- Praktisch: Nichtchristliche Philosophen versuchten, die Irrationalität des Christentums zu beweisen.
Das platonische Verständnis, dass die Vernunft die Wirklichkeit erkennen könnte, ist für Augustinus irrelevant.
Anthropologische Grundlagen: Die Selbsttranszendenz
a) Selbsttranszendenz im Bereich des Wissens
Die Wahrheit wohnt im inneren Menschen. Die Ideen sind im Geist Gottes. Der Mensch kann Gott nicht aus eigener Kraft erkennen, es sei denn, Gott erleuchtet ihn und zeigt ihm die ewigen Wahrheiten (Illuminationstheorie).
b) Selbsttranszendenz im Bereich des Willens
Das höchste Ziel des Menschen ist das Erreichen des Glücks. Dieses Glück kann der Mensch in diesem Leben nicht erreichen, sondern nur in der Begegnung mit Gott im Jenseits. Der tiefste menschliche Wunsch ist in dieser Welt nicht erfüllbar.