Biologische Theorien der Kriminalität und Positivismus

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Einfluss des Positivismus und biologische Modelle

Das Diversitätsprinzip besagt, dass der delinquente Mensch nicht allein durch soziologische oder umweltbedingte Theorien erklärt werden kann. Es gibt Widerstand gegen rein umweltbezogene Modelle und stattdessen klinische sowie therapeutische Zugänge. Im Folgenden betrachten wir eine Fortsetzung des Positivismus (z. B. Lombroso), der versucht, den Täter als ein pathologisches Modell zu erklären.

Wichtige Forschungsbereiche

Die wichtigsten Bereiche der Forschung sind:

  1. Anthropometrie
  2. Anthropologie
  3. Biotypologie
  4. Neurophysiologie
  5. Endokrinologie
  6. Kriminalgenetik

Anthropometrie

Anthropometrie ist keine Theorie der Kriminalität, sondern eine forensische Technik bzw. Methode zur Identifizierung von Tätern. Die Methode wurde von Bertillon entwickelt; er betrachtete den Körper als Instrument der Identifikation von Tätern. BERTILLONAGE: Identifizierung von Personen mittels Fingerabdrücken, die von Polizei und Gefängnissen weltweit eingesetzt wurde.

Anthropologie

Die anthropologischen Untersuchungen knüpfen an Lombroso und die Frage der Erblichkeit an. Wichtige Autoren sind:

A) Der englische Gefängnisarzt: Goring

Goring überprüfte Lombrosos Thesen mit strengen Methoden. Er fand die von Lombroso beschriebenen degenerativen Stigmata nicht, erkannte aber Hinweise auf bestimmte kriminelle Veranlagungen oder Neigungen. Goring führte eine vergleichende Studie zwischen rund 3.000 inhaftierten Straftätern und gesetzestreuen Bürgern (z. B. Offiziere der Royal Engineers) durch, in der er anatomische Messungen, etwa am Schädel und im Gesicht, verglich. Nach acht Jahren kam er zu dem Schluss, dass der sogenannte kriminelle Typ im anthropologischen Sinn nicht existiert und dass es keine signifikanten anatomischen Unterschiede zwischen Kriminellen und Nicht-Kriminellen gibt. Die Unterschiede waren unbedeutend mit einer Ausnahme: Straftäter wiesen im Durchschnitt geringere Größe und Gewicht auf, mit Ausnahme von Betrügern, die normale Werte zeigten.

Goring war ein Befürworter der Anwendung statistischer Methoden zur Untersuchung krimineller Biotope. Er kritisierte Lombrosos Methode als pathologisch-anatomische Beobachtung ohne objektive Messinstrumente und ohne Reproduzierbarkeit. Die statistische Methode liefert dagegen genaue, zuverlässige und reproduzierbare Messungen, die unabhängig von den Vorurteilen der Forscher sind.

Ergebnis der statistisch-biometrischen Untersuchung war zweierlei:

  • Eine vollständige Ablehnung der Lehre von Lombroso über den Täter als eigene körperliche Art (sui generis) im anthropologischen Sinne. Goring fand keine degenerativen Stigmata, wie sie Lombroso beschrieb.
  • Die Feststellung kleinerer Unterschiede in Größe und Gewicht zugunsten normaler Bevölkerungsgruppen; ansonsten kaum statistisch signifikante Abweichungen.

Goring unterscheidet als mögliche Substrate der angenommenen Minderwertigkeit der Täter:

  • moralische Minderwertigkeit: eine moralische Unterlegenheit im Vergleich zur normalen Gruppe;
  • geistige Retardierung: viele Straftäter weisen geringe Bildung oder kognitive Rückstände auf.

Für Goring ist Kriminalität nicht allein eine Folge freien Willens (klassische Schule) und nicht ausschließlich Ergebnis einer ungesunden oder ungewöhnlichen Geburt (positive Schule). Auch Umweltverschmutzung oder nur soziologische Faktoren erklären Kriminalität nicht vollständig. Vielmehr ist Kriminalität nach Goring das Ergebnis einer Neigung bestimmter Personen – eine kriminelle Veranlagung, die geistiger, seelischer oder körperlicher Natur sein kann.

B) Der Anthropologe Hooton

Hooton vertrat im Gegensatz zu Goring die Ansicht, dass sich in der Bevölkerung eindeutig identifizierbare körperliche Merkmale finden lassen, die verschiedenen Untergruppen von Straftätern zugeordnet werden können. Er war ein Verfechter der Theorie der Vielfalt, die besagt, dass es erhebliche materielle Unterschiede zwischen Kriminellen und Nicht-Kriminellen gibt (z. B. Körpergröße, Lippenform, Augenfarbe, Tätowierungen). Kriminelle wären demnach in vielen Körpermaßen geringer entwickelt als Nicht-Kriminelle. Diese körperliche Unterlegenheit wurde mit geistiger Minderwertigkeit und als erblich begründet angesehen, nicht als Folge situativer Faktoren.

Biotypologie

Die Biotypologie ist eine wissenschaftliche Disziplin, die den Menschen als Einheit betrachtet und versucht, eine Beziehung zwischen somatischen (körperlichen) Merkmalen und psychologischen Eigenschaften (Charakter, Temperament) herzustellen. Ziel ist es, Korrelationen zwischen physischen Eigenschaften und kriminellem Verhalten zu finden.

Es gibt zwei maßgebliche Schulen:

Deutsche Schule: Kretschmer

Kretschmer (1888–1964) entwickelte eine doppelte Typologie: eine konstitutionelle und eine charakterologische Perspektive.

Konstitutionelle Typen:

  • leptosomatisch: schlanker, langer Körper, kleiner Kopf, spitze Nase (geometrisch: vertikale Linie).
  • athletisch: starke Knochen- und Muskelentwicklung, große Brust, großer Kopf (Dreieck oder umgekehrte Pyramide).
  • pyknisch: niedriger Fettanteil, großer Bauch, runder breiter Kopf, kurze Extremitäten, Neigung zur Fettleibigkeit (Kreis).
  • anomalien (z. B. Zwergwuchs, Gigantismus): übertriebene Formen; Abweichungen vom normalen Entwicklungsprozess.
  • gemischte Typen: Kombinationen der genannten Typen durch Vererbung.

Charakterologische Perspektive: Die Konstitutionstypen wurden mit psychologischen Eigenschaften verknüpft:

  • schizotymische Typen: meist leptosomatisch und introvertiert; Unterfelder: hyperästhetisch (reizbar, nervös, idealistisch), mittel (kühl, energisch), anästhetisch (lustlos, zurückgezogen, träge). Zusammengesetzt ergibt dies den schizoiden Modus, der mit Schizophrenie assoziiert werden kann.
  • zyklothyme Typen: extrovertiert, "pyknisch"-artig; neigen zu sozialen Verhaltensweisen, schwanken zwischen Freude und Trauer; Unterkategorien: hypomanisch (dauernd bewegungsfreudig), syntonisch (realistisch, praktisch, humorvoll), phlegmatisch (ruhig, still, traurig).
  • viskose Typen: sportlicher, zwischen leptosomatisch und pyknisch gelegen (häufig friedliche, passive Menschen).

Kretschmer folgerte:

  • Pyknische Personen zeigen die niedrigste Kriminalitätsrate, da sie meist sanft und gelegentliche Straftäter sind, nicht die schweren Verbrecher.
  • Leptosomatische Personen sind schwieriger zu behandeln und neigen zu Rückfällen (z. B. Diebe).
  • Athletische Typen zeigen die höchsten Kriminalitätsraten und die heftigsten Tendenzen.

Amerikanische Schule: Sheldon u. a.

Die amerikanische Schule, vertreten durch Autoren wie W. Sheldon, betonte embryologische Grundlagen. Sheldon ordnete drei embryonale Schichten (Endoderm, Mesoderm, Ektoderm) und leitete daraus drei somatotypische Kategorien ab:

  • Endomorph: dominant Endoderm; viszeral; Neigung zu Fettleibigkeit (entspricht pyknisch).
  • Mesomorph: dominant Mesoderm; starke Muskel- und Skelettentwicklung (entspricht athletisch).
  • Ektomorph: dominant Ektoderm; schmaler, zerbrechlicher Körperbau (entspricht leptosomatisch).

Sheldon verknüpfte diese physische Typologie mit einer charakterologischen Typologie:

  • Viscerotoniker (endomorph): kontaktfreudiges Temperament.
  • Somatotoniker (mesomorph): energisches, aktives Temperament; erhöhte Aktivität und Aggressivität.
  • Cerebrotoniker (ektomorph): introvertiert, sozial isoliert, anfälliger für Angststörungen.

Sheldon kam zu dem Schluss, dass mesomorphe/somatotonische Typen eine höhere Kriminalitätsrate aufweisen. Ähnliche Ergebnisse fanden Glueck und andere Forscher: Täter sind häufiger mesomorph, körperlich stark, energiegeladen und neigen zu Gewalt, Aggression und Rebellion.

Psychologen mit einem biosozialen Ansatz (z. B. J. Gerichtshof) kommen zu dem Ergebnis, dass Straftäter physisch häufig mesomorph sind und über höhere Energie verfügen; aus temperamentlicher und motivationaler Perspektive sind sie potenziell aggressiver und benötigen häufig Macht und Erfolg.

Neurophysiologie

Neurophysiologische Studien nutzen Techniken wie die Elektroenzephalographie (EEG), um Hirnaktivität graphisch zu erfassen und Zusammenhänge zwischen Gehirnfunktionen und abweichendem Verhalten, insbesondere kriminellem Verhalten, herzustellen.

Untersuchungen prüften zwei Hypothesen:

  • A) Es gibt schwere Hirnfehlbildungen, die nur mit EEG erkennbar sind und mit Gewaltverbrechen ohne ersichtlichen Grund zusammenhängen können.
  • B) Es besteht ein Zusammenhang zwischen bestimmten Jugendstraftaten und noch nicht gefestigter Persönlichkeit sowie einzigartigen Funktionsstörungen des Gehirns.

Eysenck untersuchte die Funktionsweise des autonomen Nervensystems (ANS) in Verbindung mit den Konzepten Introversion und Extraversion. Seine Ergebnisse legen nahe, dass Bestrafung bei Introvertierten potenziell viel effektiver ist. Psychopathen (extreme Extraversion) entwickeln möglicherweise kein normales Schmerzemfinden, da die Funktionsweise ihres ANS anders ist. Sie haben ein niedriges Niveau kortikaler Erregung und suchen daher starke Stimulationen, um intensive Gefühle zu erleben.

Endokrinologie

Verschiedene Studien haben Zusammenhänge zwischen Hormon- bzw. endokrinen Prozessen und menschlichem Verhalten, einschließlich kriminellem Verhalten, untersucht. Die Verbindung zum vegetativen Nervensystem und zu affektiven Instinkten wird dabei betont. Chemische Ungleichgewichte und hormonelle Störungen können Verhalten beeinflussen.

Lombrosos Überlegungen zur endokrinen Theorie lassen sich in drei Aspekte gliedern:

  • Solche erblichen Drüsenerkrankungen sind nicht sehr häufig.
  • Es gibt die Möglichkeit, dass Störungen heilbar sind.
  • Der Einfluss endokriner Störungen auf kriminelles Verhalten ist eher indirekt als direkt.

Forschungsschwerpunkte:

1. Hormonspiegel

Untersuchungen zu aggressiven und sexuellen Verbrechen deuten auf eine Beziehung zwischen Testosteronspiegel und männlichem kriminellem Verhalten hin. Höhere Testosteronkonzentrationen können mit aggressiverem Verhalten bei Männern assoziiert sein. Bei Frauen werden prämenstruelle Syndrome (PMS) gelegentlich mit vermehrter Aggressivität in Verbindung gebracht.

2. Defizit an Mineralstoffen und Vitaminen

Vor allem B-Vitamine sind wichtig für die normale Funktion des Nervensystems; Mängel oder Stoffwechselstörungen können Hirnaktivität und Verhalten beeinflussen. Störungen im Stoffwechsel bestimmter Mineralien (z. B. Kupfer, Magnesium) können hyperaktives Verhalten, Unruhe und Unwohlsein hervorrufen.

3. Hypoglykämie

Unzureichende Aufnahme von Kohlenhydraten kann zu Blutzuckerdefiziten führen, die Reizbarkeit, Angst und depressive Zustände begünstigen.

4. Allergien

Nervenreaktionen auf Allergien können Verhalten negativ beeinflussen. Klinisch werden Stress und Müdigkeit im Zusammenhang mit Allergien beschrieben.

5. Umweltgifte

Bestimmte Schadstoffe, etwa ein hoher Bleigehalt im Blut, werden mit Hyperaktivitätsindikatoren in Verbindung gebracht. Der Konsum bestimmter Lebensmittelzusatzstoffe wird ebenfalls mit aggressivem und feindseligem Verhalten assoziiert. Weitere ökologische Faktoren wie Stress, Lärm, Hitze und Lichtverhältnisse können die kortikale Aktivierung beeinflussen und damit das Verhalten verändern.

Kriminalgenetik (Vererbung und Kriminalität)

Fortschritte in der Genetik haben die Fragen nach krimineller Vererbung und dem Einfluss erblicher Faktoren auf kriminelles Verhalten in den Mittelpunkt gerückt. Wichtige Forschungsfelder der Kriminalgenetik sind:

  1. Familienstudien
  2. Zwillingsstudien
  3. Adoptionsstudien
  4. Untersuchungen zu Chromosomenanomalien

1. Studien zu kriminellen Familien

Familienstudien untersuchen Nachkommen in gerader Linie, häufig ohne stammbaumanalytische Tiefe. Befunde deuten darauf hin:

  • Es gibt eine erhöhte Kriminalitätsrate unter den Nachkommen von Straftätern.
  • Die Inzidenz ist erhöht, wenn beide Elternteile kriminell sind.

2. Zwillingsstudien

Zwillingsstudien unterscheiden genetisch bedingt zwischen:

  • eineiigen Zwillingen (monozygotisch, ein Ei)
  • zweieiigen Zwillingen (dizygotisch, zwei Eier)

Es wurde festgestellt, dass eine höhere Konkordanz in kriminellem Verhalten bei eineiigen Zwillingen besteht. Insbesondere bei Sexualstraftaten und Eigentumsdelikten wurden erhöhte Konkordanzen beobachtet.

3. Adoptionsstudien

Adoptionsstudien vergleichen das Verhalten adoptierter Kinder mit dem ihrer biologischen und Adoptiveltern. Ergebnisse zeigen eine stärkere Übereinstimmung biologischer Faktoren: Adoptierte mit einem biologischen Vater im Strafregister zeigen häufiger kriminelles Verhalten als Adoptierte ohne biologisch belasteten Vater. Dennoch beeinflusst die Erziehung durch kriminelle Eltern die Entwicklung von Jugendlichen zusätzlich.

4. Untersuchungen zu Chromosomenanomalien

Die Hypothese lautet, dass bestimmte Chromosomendefekte das Verhalten beeinflussen und damit auch kriminelle Dispositionen begünstigen können. Grundlage sind folgende Postulate: Bestimmte Chromosomendefekte bestimmen menschliches Verhalten und damit auch strafrechtlich relevantes Verhalten.

Der Mensch hat 23 Chromosomenpaare:

  • 22 Autosomenpaare, die je zur Hälfte von beiden Eltern vererbt werden.
  • Das 23. Paar sind die Geschlechtschromosomen: Frauen = XX, Männer = XY.

Beobachtete Fehlbildungen

A) Turner-Syndrom (Monosomie): Gekennzeichnet durch das Vorhandensein nur eines X-Chromosoms. Phänotypisch sind dies Frauen ohne Y-Chromosom. Das Fehlen des zweiten X-Chromosoms führt zu mangelnder Entwicklung primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale, Unfruchtbarkeit und teilweise maskulinen Zügen.

Symptome:

  • Verzögerte oder unvollständige Pubertätsentwicklung
  • Unterentwickelte Genitalien
  • Brustentwicklung klein; spärliche Schambehaarung
  • Breite, flache Brust, kurzer Hals, Kleinwuchs
  • Unfruchtbarkeit
  • Ausbleiben der Menstruation
  • Vaginale Trockenheit

B) Klinefelter-Syndrom bei Männern (z. B. XXY, XXXY): Betont weibliche Züge. Klinefelter (XXY) ist eine relativ häufige Chromosomenanomalie und kann zusätzliche X-Chromosomen neben dem Y enthalten (z. B. XXY, XXXY usw.). Mit zunehmender Anzahl zusätzlicher X-Chromosomen steigt das Risiko geistiger Retardierung und Fehlbildungen.

Häufige Symptome:

  • Unfruchtbarkeit und niedriger Testosteronspiegel
  • Gynäkomastie (vergrößerte Brust)
  • Spärliche Körperbehaarung (Scham-, Gesichts- und Armbehaarung)
  • kleiner Penis und kleine Hoden
  • Bei ca. 1 von 50 männlichen Patienten kann eine mentale Retardierung auftreten

C) Trisomie XYY (Doppelung des Y-Chromosoms): Träger dieser Konstellation wurden mit folgenden Auffälligkeiten in Verbindung gebracht:

  • hormonelle Störungen
  • Verhaltens- und Anpassungsstörungen
  • intellektuelle Defizite
  • vereinzelt erhöhte Aggression und antisoziales Verhalten

Untersuchungen hierzu wurden u. a. an Gefängnispopulationen durchgeführt.

TOP 8

Hinweis: Dieser Text fasst zentrale Positionen biologischer Ansätze zur Erklärung kriminellen Verhaltens zusammen, wie sie in der historischen und aktuellen Forschung diskutiert wurden. Die hier dargestellten Theorien sind teilweise veraltet oder kontrovers; aktuelle Forschung betont in der Regel multifaktorielle Modelle, die genetische, neurobiologische, psychologische und soziokulturelle Faktoren integrieren.

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