Byzantinische Kunst: Ikonographie, Bildersturm und Pantokrator
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Byzantinische Kunst
Das Edikt von Mailand (313) förderte die Ausbreitung des Christentums und führte zu einer Abkehr von der klassischen Tradition. Die Kultur verband nun stärker die Idee der Transzendenz und verlor das Interesse an der Darstellung einer natürlichen, rein menschlichen Welt. Der Untergang des Weströmischen Reiches beschleunigte diesen Prozess. Die mittelalterliche Welt wurde im Wesentlichen theozentrisch, und die Kunst diente als Manifestation verschiedener religiöser Überzeugungen.
Im westlichen Mittelmeerraum führte der Zerfall des Reiches zu einem Flickenteppich instabiler Monarchien. Im östlichen Mittelmeer, in Byzanz, zeigte sich Pracht und Herrlichkeit des östlichen Kaiserreichs. Die Kirche wurde zu einer mitpolitischen Macht. Die Kunst entwickelte sich in oft schematischen und konzeptuellen Formen, die tiefen Einfluss auf das mittelalterliche Europa ausübten. Die byzantinische Kultur breitete sich nach Osteuropa aus und wurde dort zu einem identitätsstiftenden Element. Das Reich bestand bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahr 1453.
Ab dem achten Jahrhundert breitete sich der Islam im Nahen Osten und im südlichen Mittelmeerraum aus. Der Mangel an figürlicher Darstellung führte zu einer bemerkenswert abstrakten Kunst, voller Raffinesse und Sinnlichkeit. Das Rauschen des Wassers und der Duft der Vegetation in Höfen und Gärten erinnerten an die Schönheit der Oase und suggerierten die Fülle des Paradieses.
Der Bildersturm (Ikonoklasmus)
Im Laufe der Jahrhunderte wurde Byzanz zum Erben hellenistischer und römischer Kulturen. Das Gebiet stand unter der politischen Kontrolle des Reiches und veränderte sich im Mittelalter. Die Christianisierung der umliegenden Gebiete und die kulturelle Macht Byzanz' halfen, byzantinische Kunst und Kultur zu verbreiten und ihre Grenzen zu erweitern. Byzantinische Kunst ist eng mit Religion und Theologie verbunden, insbesondere die bildenden Künste, die nach der Krise des Bildersturms Gegenstand theologischer Debatten wurden.
Der Bildersturm war eine Periode von Konflikten und sogar Bürgerkriegen in Byzanz, die das Überleben des Staates bedrohten. Auslöser der Kontroverse war die Frage nach der Rolle der heiligen Bilder in der religiösen Praxis und im Gottesdienst. Im Gegensatz zur westlichen Praxis, die zunehmend den Kult der Reliquien betonte, war im Osten die Verehrung von Bildern Christi und der Heiligen verbreitet. Die Hingabe an diese Figuren bewegte die Menschen, ihre Bilder zu verehren; Kritiker behaupteten, dies führe zu Götzendienst.
Im achten Jahrhundert verfolgte Kaiser Leo III. die Verteidiger der Ikonen. Er erließ ein Dekret zur Zerstörung des Bildes Christi am Tor des kaiserlichen Palastes (726). Der Bildersturm war auch politisch motiviert und fand Unterstützung bei gewissen jüdischen und muslimischen Gruppen sowie in Teilen der byzantinischen Armee. Symbole wurden zerstört, Fresken und Mosaike gebleicht. Das Volk, an die üppigen Dekorationen der byzantinischen Ära gewöhnt, konnte jedoch nicht einfach seine Denkmäler entkleiden lassen. Künstler griffen auf ältere byzantinische Themen zurück, die ohne Skandal akzeptiert werden konnten, und erfanden vereinzelt neue Darstellungsweisen.
Im Jahr 843 wurde die Verehrung der Bilder wiederhergestellt. Der langwierige Konflikt führte zu einer Phase ikonographischer Stagnation, die sich über Jahrzehnte erstreckte und einen Mangel an ikonographischen Vorbildern verursachte. Dies führte jedoch auch zu einer Rückbesinnung auf klassische Modelle und zu neuen innovativen Vorschlägen. Die makedonische Dynastie trug in dieser Blütezeit des mittelalterlichen Byzanz zu einer »makedonischen Renaissance« bei. Die Bedeutung der byzantinischen Kunst lag darin, christliche Inhalte auf Grundlage klassischer Formen auszudrücken.
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Die mittelalterlichen ikonographischen Programme
Nach der Krise wurde die neue ikonenverteidigende Position in ein Programm gerahmt, das von großer Unbeweglichkeit, Wiederholung und strenger Hierarchie geprägt war und auf neoplatonischen Prinzipien beruhte: Das Verhältnis zwischen Gott und dem Sohn ist jenes des Prototyps zum Bild. Dieses Programm ordnete die Bilder sehr hierarchisch.
Die Architektur der Kirchen erlaubte eine eindeutige Hierarchie der Bildanordnung:
- Die oberen Bereiche entsprachen dem Himmel und waren gut beleuchtet. So wurde die Kuppel zum idealen Standort für den Pantokrator.
- Die Viertelkuppel der Apsis war der Muttergottes und den Engeln vorbehalten. Szenen wie die Himmelfahrt oder Pfingsten gehörten ebenfalls in diesen ikonographischen Bereich, sowohl als Szenen als auch als nicht-erzählende Darstellungen.
- Die zweite Zone beinhaltete die Kuppelrippen, Muscheln der Kuppel und die oberen Wandpartien, oft die Zyklen der kirchlichen Feste, zur Erinnerung an die großen Taten in der Geschichte Christi. Diese Darstellungen sollten Pilger an die Ereignisse im Heiligen Land erinnern.
- Die dritte Zone entsprach dem Hauptgewölbe und den unteren Wandpartien; hier waren die Heiligen in einer Reihenfolge nach ihrer internen Hierarchie, Klasse und Geschlecht angeordnet.
Beispiele für dieses Programm sind die Kirche des hl. Lukas in Phokis (Griechenland), geweiht zwischen 1011 und 1022, sowie das Kloster Nea Moni auf Chios (1042–1056).
Der Wunsch, dem Betrachter nichts Wesentliches zu verbergen, führte dazu, Figuren frontal oder in Dreiviertelansicht darzustellen. Durch die strenge Hierarchie waren die wichtigsten Figuren besser beleuchtet und dominanter als die übrigen. Farben wurden nach Lichtwirkung ausgewählt, um Anatomie, Monumentalität und organische Wirkung zu betonen. Parallel zum Programm auf neuen Gebäuden wurden auch ältere Bauwerke neu ausgeschmückt. In der Kirche der Hagia Sophia sind diese Programme nicht vollständig realisiert, doch in der Apsis ist die Muttergottes unter den Erzengeln zu sehen, während die Heiligen die sekundären Teile des Raums besetzen. Für kaiserlich reservierte Logen finden sich Mosaikplatten mit Porträts von Paaren oder Mitgliedern des kaiserlichen Hofes, die die Muttergottes oder Jesus Christus flankieren.
Ikonographie: Themen
1. Der Pantokrator
Der Pantokrator (»Allherrscher«) stellt Christus als göttlichen Herrscher des Himmels dar, das Jüngste Gericht verkörpernd: triumphierend sitzend, mit dem Evangelium in der linken Hand und segnend mit der rechten Hand. Ikonographisch wird Christus in der byzantinischen Kunst oft folgendermaßen dargestellt: bärtig, frontal, segnend mit der rechten Hand und das Evangelienbuch in der linken Hand. Früher befand sich diese Darstellung meist in der Mitte der Kuppel byzantinischer Kirchen (Mosaik oder Malerei), umgeben von Engeln, Propheten, Aposteln und Bischöfen. Die Darstellung des Pantokrators beeinflusste später auch die romanische Kunst stark.
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Pantokrator in der Kuppel der Kathedrale von Cefalù, Sizilien
2. Die Jungfrau Maria
Die Jungfrau Maria kann auf verschiedene Weise dargestellt werden:
- Kiriotissa / Theotokos (Mutter Gottes): Sitzend auf einem Thron mit dem Kind (Christus) im Schoß. Diese Darstellung ist auch in der Skulptur gebräuchlich.
- Eleusa: Darstellung einer innigen Beziehung zwischen Mutter und Kind, die einen lebendigen Dialog zeigt. Diese Darstellung verbreitete sich später in der Romanik und besonders in der gotischen Bildhauerei.
- Blachernitissa (Bittende): Die Madonna mit erhobenen Armen, die ihre Vermittlerrolle gegenüber Gott betont.
Mosaik der Jungfrau Maria in der Hagia Sophia, Istanbul
3. Die Deesis
Die Deesis stellt Christus in Majestät dar, begleitet von der Jungfrau Maria und Johannes dem Täufer. Diese Darstellung blieb im Laufe der Zeit in der christlichen Kunst Mittel- und Westeuropas präsent.
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Deesis-Mosaik, Empore der Hagia Sophia, Konstantinopel (siehe Abbildung 3)
Das Mosaik misst etwa 5,95 x 4,08 m und zeigt die Deesis, in der die Jungfrau Maria und Johannes der Täufer für die Menschheit bei Christus flehen. Wie in Abbildung 3 zu sehen ist, sind nur die oberen und linken Teile erhalten, wo die Figur der Jungfrau halb zum Körper Christi hin gewandt erscheint. Sie wird als junge Frau von ernster Schönheit dargestellt; die Gesichtszüge sind sanft und aus kleinen, gammaförmigen Mosaiksteinchen (griechisch tessellae) zusammengesetzt. Die Geste der Jungfrau und ihr leerer Blick vermitteln Mitgefühl und Barmherzigkeit, ohne theatralisch zu wirken.
Johannes der Täufer zeigt einen schmerzlichen Ausdruck und weist auf Christus. Die Bärte sind dynamisch behandelt und geben den Figuren ein Gefühl von Erregung; die Fellfarben in Braun- und Grüntönen kontrastieren dunkel mit den Linien der blauen Tesserae.
In der Mitte des Mosaiks steht Christus, mit großem Naturalismus und starker religiöser Spiritualität dargestellt. Er segnet mit der rechten Hand, in der linken hält er die heiligen Schriften. Sein Gesichtsausdruck vermittelt Hoffnung auf das Heil der Menschen. Christus ist mit Tunika und Mantel bekleidet. Der Mantel ist mit goldenen Tesserae durchsetzt und weist braun-grüne Linien auf. Ein tiefes Blau dominiert, mit mehreren Abstufungen von hell bis dunkel, verstärkt durch schwarze Konturen. Haar und Bart sind in Brauntönen ausgeführt, mit großer Variation, die einen realistischen Eindruck vermittelt. Der kreuzförmige Nimbus um Christi Haupt ist mit schwarzen und grauen Konturen versehen.
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