Descartes und Ortega: Rationalismus vs. Perspektivismus
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Vergleich der philosophischen Haltungen: Descartes und Ortega
Dieser Text beleuchtet die philosophischen Haltungen von René Descartes (Rationalismus) und José Ortega y Gasset (Perspektivismus) in Bezug auf die zentralen Bereiche der Wirklichkeit, des Wissens und des Menschen.
1. Die Wirklichkeit (Ontologie)
Descartes: Die absolute, extrahistorische Realität
Für Descartes ist die einzig wahre Existenz jene, die klar und deutlich wahrgenommen wird. Es handelt sich um eine Realität, die identisch und gleich für alle Personen ist, die die Methode richtig anwenden. Diese Welt ist, wie Kritiker (im Sinne Ortegas) es nennen würden, ultravital und extrahistorisch: Sie besitzt kein sensibles Material und hat keine Verbindung zum Leben und zur Geschichte. Diese rationalistische Wirklichkeit ist nicht perspektivisch oder historisch, sondern absolut.
Ortega: Die perspektivische Realität
Gegen Descartes schlägt Ortega eine perspektivische Realität vor. In den Worten des Autors: „Die Perspektive ist eine der Komponenten der Wirklichkeit. Weit davon entfernt, ihre Verformung zu sein, wird sie zu ihrer Organisation.“ Die Realität besteht aus vielen Perspektiven.
2. Der Bereich des Wissens (Erkenntnistheorie)
Descartes: Klarheit und Distinktion
Descartes definiert als wahr, was der Verstand – unabhängig von historischem Ort und Zeit – klar und deutlich wahrnimmt. Der Verstand, der diese Klarheit und Unterscheidung erreicht, ist wiederum ein isolierter Verstand ohne Kontakt zum Körper: die denkende Substanz (Res Cogitans). Sobald die denkende Substanz von den Sinnen und dem gelebten Leben entfernt wird, verliert sie die Fähigkeit, die Wahrheit zu erreichen.
Ortega: Wissen aus der Perspektive des Lebens
Für Ortega ist Wissen immer Wissen aus einem Leben heraus, aus spezifischen körperlichen, kulturellen und historischen Gegebenheiten – das heißt, aus einer Perspektive.
Die Umstände des Einzelfalls bestimmen den Teil der Wirklichkeit, zu dem man Zugang hat. Daher kann keine einzelne Person oder historische Periode das absolute und endgültige Wissen erreichen. Die erreichte Wahrheit ist immer nur ein Teil der gesamten Wahrheit.
3. Der Anwendungsbereich des Menschen (Anthropologie)
Descartes: Der anthropologische Dualismus
Descartes verteidigt den anthropologischen Dualismus. Er postuliert, dass das einzig Sichere die Existenz des Ich denke (Cogito) ist, einer Substanz, die als reines Denken definiert wird. Der Körper ist eine ausgedehnte Substanz (Res Extensa), die klar vom Ich getrennt ist. Demnach ist der Verstand des Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten gleich.
Ortega: Der Mensch als Geschichte und Freiheit
Für Ortega definiert das Leben, was der Mensch ist. Das Leben ist keine Sache oder Substanz, die als Denken oder als etwas anderes definiert werden kann. Der Mensch hat keine Natur, sondern eine Geschichte. Er ist ein Wesen, das sich unaufhörlich selbst erschafft und sich aus dem Rahmen der Freiheit heraus entscheidet, den ihm seine Umstände geben. Jede Definition menschlicher Aspekte, die die Wichtigkeit des Geborenseins vergisst, ist eine Abstraktion.