Die Entwicklung der deutschen Sprache: Sprachwandel im Überblick
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Sprachliche Veränderungen: Ein Überblick
Vergleichen wir nun den althochdeutschen und den neuhochdeutschen Text, stellen wir fest, dass nur wenige Wörter unverändert geblieben sind. Lautliche Veränderungen haben die Wortgestalt oft bis zur Unkenntlichkeit verwandelt, obwohl wir vielleicht einiges vom Niederländischen oder Schwedischen her wiedererkennen.
Einige Wörter, die uns vielleicht von den übrigen germanischen Sprachen her bekannt sind, existieren im Neuhochdeutschen gar nicht mehr und sind durch andere ersetzt worden. Wir können also feststellen, dass die Sprache auf allen Ebenen Veränderungen durchmacht:
- Auf der phonologischen Ebene: Ausspracheveränderungen
- Auf der morphologischen Ebene: Die Flexion ändert sich
- Auf der syntaktischen Ebene: Der Satzbau wird anders
- Auf der lexikalischen Ebene: Veränderungen im Wortbestand
- Auf der semantischen Ebene: Bedeutungswandel
Die Sprachwissenschaft weiß jedoch noch verhältnismäßig wenig über die oft recht komplizierten Hintergründe sprachlicher Neuerungen.
Ursachen des Sprachwandels
Die Ursachen können innersprachlicher Art sein: Sehr alte Entwicklungstendenzen wirken, oder eine sprachliche Veränderung zieht eine andere nach, sodass eine Kettenreaktion entsteht. Manche phonologische, morphologische und syntaktische Veränderungen können hierdurch erklärt werden.
Wie sprachliche Veränderungen entstehen
Jede sprachliche Veränderung beginnt als abweichender Gebrauch einzelner Sprecher und setzt sich erst allmählich durch, was mehrere Generationen dauern kann.
Lautwandel und Ausspracheveränderungen
Typen des Lautwandels im Deutschen
Das Deutsche hat im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Lautwandel erfahren:
- Lautverschiebung: (z. B. dat – das, sitten – sitzen)
- Umlaut: (z. B. arbi – Erbe)
- Diphthongierung: (z. B. mīn – mein)
- Vokaldehnung: (z. B. filu – viel)
- Vokalschwächung: (z. B. warun – waren)
- Apokope: (z. B. hina – hin)
- Synkope: (z. B. sagetun – sagten)
Andere lautliche Veränderungen sind vor allem:
- Monophthongierung: (z. B. guot – gut)
- Delabialisierung: (z. B. küssen – Kissen)
- Labialisierung: (z. B. helle – Hölle)
- Auslautverhärtung: (z. B. tac – tages)
- Assimilation: (z. B. tump – dumm)
- Dissimilation: (z. B. samenen – sammeln)
Mechanismen und Bedingungen des Lautwandels
Wenn ein Laut (Phonem) in einer Sprache im Laufe der Zeit anders gesprochen wird, kann dies unabhängig von den umgebenden Lauten geschehen, wie die Diphthongierung, oder es kann durch die Stellung bedingt sein, wie der Umlaut. Manchmal betrifft ein solcher Lautwandel aber nur bestimmte Wörter, wie bei der Assimilation.
Es gibt auch einen Lautwandel, der durch Analogie bedingt ist und sich besonders im Formensystem auswirkt, z. B. wenn Präteritum Plural sie sprungen durch Einwirkung des Singulars sprang zu sie sprangen ausgeglichen worden ist.
Morphologische und syntaktische Veränderungen
Vom synthetischen zum analytischen Sprachbau
In den germanischen Sprachen lässt sich von ältester Zeit bis heute die Entwicklung von einem stark synthetischen zu einem analytischeren Sprachbau verfolgen. Die vielen althochdeutschen (ahd.) Deklinationsendungen sind ziemlich leicht erkennbare Bezeichnungen für Genus und Kasus.
Nachdem aber das Endungssystem undeutlich geworden war, mussten Genus und Kasus auf andere Art angezeigt werden. Im heutigen Deutsch geschieht dies durch den bestimmten und unbestimmten Artikel, attributive Pronomina und stark flektierte Adjektive, während am Substantiv nur noch Überreste des früheren Systems zu erkennen sind: -s im Genitiv Singular, -n im Dativ. In vielen Mundarten hat das Substantiv heute überhaupt keine Kasusendungen mehr im Singular.
Ebenso war im Ahd. bei den deutlichen Personenendungen der Verben das Subjektspronomen überflüssig, wie noch immer in den romanischen Sprachen.
Die Rolle von Präpositionen und Hilfsverben
Gebrauch und Anzahl der Präpositionen haben im Laufe der Zeit auf Kosten der Kasus zugenommen. Im Ahd. waren Genitiv und Dativ häufiger als heute. Noch früher, im Indoeuropäischen, gab es auch andere Kasus, die z. B. im Slawischen erhalten geblieben sind.
Im heutigen Deutsch haben Hilfsverben verschiedene Funktionen:
- tempusbildende (sein, haben, werden)
- passivbildende (werden)
- Konjunktivumschreibende (würde)
Veränderungen im Wortbestand (Lexikalischer Wandel)
Wörter kommen außer Gebrauch (Verlust)
In dem oben zitierten Textabschnitt des Hildebrandliedes gibt es einige Wörter, die im heutigen Deutsch nicht mehr vorkommen, die aber zum Teil noch in den nordischen Sprachen, im Niederländischen oder im Englischen existieren. (Das Wort forn ist mit dem Raumadverb fern verwandt; barn wurde noch manchmal im Mittelhochdeutschen (Mhd.) gebraucht. Es ist von dem alten Verb beran „tragen“ abgeleitet.)
Gründe für das Verschwinden von Wörtern
Wenn ein Wort aus der Hochsprache verschwindet, kann dies verschiedene Gründe haben:
- Verdrängung durch Fremdwörter oder Dialekte: Manchmal ist es durch ein Wort aus einer Mundart oder einer anderen Sprache verdrängt worden. In diesen Fällen gilt die fremde Mundart oder Sprache oft als feiner oder gebildeter (Prestigesprache). So verdrängten z. B. Wörter aus Luthers mitteldeutscher Sprache oberdeutsche Wörter (Grenze, Hügel) oder französische Wörter deutsche während der Alamodezeit im 17. Jh. (Onkel, Möbel).
- Kultureller oder sozialer Wandel: In manchen Fällen verschwand der Begriff durch religiöse, kulturelle oder soziale Veränderungen aus der Sprache.
- Unklarheit: Schließlich wurden infolge von Bedeutungswandel oder Lautwandel einige Wörter unklar oder schwer verständlich und sind deshalb durch andere ersetzt worden.
Volksetymologie als Aufschlussquelle
Manchmal können Volksetymologien über verschwundene Wörter Aufschluss geben. Hierbei wird ein unverständlich gewordenes einheimisches Wort in Anlehnung an ein ähnlich klingendes Wort umgedeutet und umgeformt:
- Hebamme: Ist ursprünglich ein Partizip, die Hebende (ahd. hevi-anna).
- Rosenmontag: Hat nicht mit dem Blumennamen Rose zu tun, sondern heißt eigentlich rasen-montag, also rasender Montag (zu kölnisch rose „rasen, toben“).
Neue Wörter entstehen (Wortschatzerweiterung)
Die meisten Wörter in den obenstehenden Zeilen des Hildebrandliedes sind Erbwörter aus ältester Zeit: sagen, alt, mein. Dies erfahren wir durch die vergleichende Sprachwissenschaft.
Seit ahd. Zeit hat sich der deutsche Wortschatz jedoch stark vergrößert, hauptsächlich durch Entlehnung und Neubildung, aber nur in seltenen Fällen durch Neuschöpfung. Lehnwörter und Lehnbildungen ergänzen das Weltbild. Schon in voralthochdeutscher Zeit waren neue Wörter durch fremden Einfluss in die Sprache eingedrungen, besonders durch Kontakte der Germanen mit den Römern. Die lateinische Sprache hat dann, abwechselnd mit dem Französischen, mehr als ein Jahrtausend auf das Deutsche eingewirkt. Heute überwiegt der englische Einfluss.
Arten der Neubildung
Die Neubildung kann vor allem sein:
- Ableitungen: (z. B. stehen, Stand)
- Zusammensetzungen: (z. B. Stehlampe, Standpunkt)
- Kurzwortbildungen: (z. B. Auto, vgl.)
Seltene Neuschöpfungen (Onomatopoetika)
Dass eine ganz neue Wortwurzel entsteht, kommt kaum noch vor. Nur einzelne lautmalende (onomatopoetische) Wörter wie bimmeln, quieken, prusten sind solche Neuschöpfungen der letzten Jahrhunderte. Lautmalende Wörter aus älterer Zeit sind z. B. Hummel, Uhu, donnern, krachen.