Federico García Lorca – Tradition, Surrealismus und Symbolik der Lyrik
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Tradition und Moderne
Der Dichter trägt die alte Kultur seines Volkes im Blut und übernimmt die lyrische Tradition ebenso wie alle technischen Innovationen der Avantgarde. Dies führt zu einer Vermischung populärer Formen, Textsorten und Materialien. Die letzte Sammlung von Gedichten, die in der mündlichen Überlieferung lebendig gehalten wird, liefert Inspiration für den andalusischen Flamencogesang. Er verbindet traditionelle Elemente mit seiner Phantasie und schafft so stets Werke voller Originalität, geprägt vom Irrationalen. Er verzichtet nicht auf die Tradition zugunsten aktueller Moden; sein Traditionalismus ist charakteristisch für Lorca.
Lorca und Surrealismus
Die Zugehörigkeit Lorcas zum Surrealismus wurde kontrovers diskutiert. Oft mischen sich surreale Elemente mit seiner poetischen Sprache – Sinnlichkeit, Metaphern, populäre Symbole, persönliche Anspielungen und Ellipsen – und mit barocken Zügen in seinem poetischen Universum. Man kann zwei Phasen unterscheiden: bis 1928 eine noch vage surrealistische Phase und 1928–1931 eine radikalere surrealistische Phase (Dichter in New York). Es kam zu einer natürlichen Entwicklung hin zu einer heftigeren Sprache, mit der Frustration, Brutalität und Tod ausgedrückt wurden, die sein ganzes Leben zu durchziehen scheinen.
Mythische und symbolische Poesie
Seine Poesie birgt ein geheimnisvolles Universum mit atavistischen Instinkten und mythischen Projektionen. Seine Vision von Andalusien ist magisch und symbolisch; das Wort wird in das Mythische eingebettet. Für Lorca ist die eigene Existenz eine Frage, die eine poetische Antwort verlangt. Die Reise nach New York zeigt seine spontane Kommunikation mit der Welt; positive Symbole treten auf, zugleich aber auch feindliche Bilder, etwa die rätselhafte Erwähnung der ‚vier Säulen des Schleims‘.
Die Tragödie
Seine Welt ist tragisch und gewalttätig. Das Zittern, das seine Poesie umgibt, verleiht ihr besondere Intensität. Andalusien ist von eigentümlicher Traurigkeit geprägt und empfänglicher für Rebellion und Tränen. Es herrscht Trauer über die Vergänglichkeit des Lebens und die Wirklichkeit des Todes. Der Tod präsidiert über das poetische Universum, das mit Blut befleckt ist. Die Todesfälle erscheinen oft gewalttätig; das Leben wird abrupt abgeschnitten. Eine Obsession mit Messern und Rasierklingen zeigt eine mythische Komponente. Die Tragödie durchzieht all seine Kämpfe. Beim Neopopularismus tritt ein weniger viszeraler Schatten auf; die mythische Aura wirkt mitunter schmutzig und widerwärtig, doch der Tod bleibt präsent.
Liebe und Sex
Ein wesentlicher Aspekt seiner Lebenskraft ist die Leidenschaft der Liebe. Liebe und Tod stehen konstant nebeneinander. Sexualität ist ein dionysischer Trieb, dem nicht widerstanden werden kann. Besessenheit von Fruchtbarkeit bleibt oft paradox steril. Der Verzicht auf Arterhaltung wird zur tragischen, dimensionslosen Variable. Das vorherrschende Gefühl der Verlassenheit erreicht seinen symbolischen Höhepunkt im Thema der Unfruchtbarkeit; es gibt deutliche Zeichen sexueller Frustration. Er drückt dies auch wörtlich aus, etwa im ‚ängstlichen Wunsch zu umarmen‘. Seit 1929 ist der Ausdruck der Liebe quälender; das zeigt sich in seiner ganzen Intensität in den Gedichten von New York und endet in Sonetten dunkler Liebe, Tränen und intim angstbeladener Bilder.
Soziale Anliegen
Es gibt ein ausgeprägtes Gefühl der Solidarität mit den Unterdrückten; seine Gedichte spiegeln ein wachsendes gesellschaftliches Bewusstsein. Lorca erschließt die ästhetischen Möglichkeiten dieses Themas. Außenseiter werden zu Symbolen menschlicher Einsamkeit und zur Grundlage exotisch-erotischer Sublimation. Zentral ist der Konflikt zwischen den Kindern der Natur und der Zivilisation, zwischen der Spontaneität des Instinkts und der Repression des modernen Lebens mit seinen Gesetzen und Vorurteilen. Er verurteilt die weißen Männer und die gierigen Einflüsse einer gefallenen Welt. Er ermutigt die Schwarzen zum Aufbegehren und benennt soziale Funktionen als ordnende Figuren – ‚die Kellner und Köche und diejenigen, die Wunden mit der Sprache der Millionäre reinigen‘ ...
Metrische Form
Der Vers zeigt zwei Aspekte: Verwurzelung in traditionellen Quellen (populär und kultiviert) und die Freiheit, die den Verbindungen und Schleifen des Versbaus eigen ist, auch wenn einige Formen traditionell feststehen. Dazwischen schwanken Verse in übertragenen metrischen Schemata. Im populären Repertoire überwiegt das achtsilbige Versmaß im lyrischen Theater (aber auch 4, 5, 6, 7 sowie 2 und 3 kommen vor). Es gibt stets Varianten des traditionellen Modells. In der kultivierten Tradition dominieren Alexandriner und überwiegend der Pentameter; manchmal treten klassische Formen (Sonette) und freie Formen auf. Offenheit gegenüber freien Versen zeigt sich besonders in Poet in New York, wo gemischte Verse mit traditionellen Rhythmen komponiert werden. Lorca besitzt ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl und die Intuition, alle möglichen Klangkombinationen zu nutzen. Sein Ziel ist die Beherrschung der Technik, zu der ihn seine musikalische Ausbildung führte.
Sprache und Stil
Er bedient sich einer breiten Palette rhetorischer Mittel: Metaphern, Gleichnisse, Epitheta, ausdrucksstarke Adjektive, Alliteration und parallele Strukturen. Eckpfeiler ist die Metapher: Bei Lorca haben Empfindungen Ursprung und Ende in der Metapher. Häufig ist die Personifikation natürlicher Elemente der Weg, den Menschen mit dem Wesen der Welt zu verbinden.
Symbole im mythischen Universum
Die Symbole sind das Schlüsselelement im mythischen Universum Lorcas. Sie reproduzieren den Konflikt zwischen Leben und Tod und besitzen multiple Bedeutungen. Viele Symbole wiederholen sich und sind identifizierbar, tragen jedoch unterschiedliche und manchmal widersprüchliche Bedeutungen. Wichtige Symbole und ihre Bedeutungen:
- Mond: Vorläufer des Todes, Funktion der Befruchtung, erotischer Agent.
- Metalle: Tod, Konflikte und Gefahren (z. B. Messing und Kupfer), Hautton.
- Ominöse Symbole: Grün, Schwarz, Zisternen, Brunnen, aljibes, Kräuter und bittere Oleander, Nacht und Dämmerungswelt, Schatten.
- Stagnierendes Wasser: Böse.
- Fließendes Wasser: Positiv, Befruchtung, Erotik.
- Pferd: Bild der Roma; Symbol eigener Lebensverfolgung; freundlich und zugleich wild, maskulin; Erotik, Gewalt, Instinkte und Leidenschaften. Ein Pferd ohne Zaum gilt als schlechtes Omen; das schwarze Pferd als besonders ungünstig.
- Vater: Tragödie, Verkürzung des Lebens, Tod und Blut.
- Wind: Schicksalhaft, unanständig.
- Geschlossene oder offene Pforte/Tür: Repression oder Revolution.
- Verstümmelte, gebrochene Körper: Gewalt und Zerstörung.
- Hohles, Leeres: Sinnentleerte Welt.
- Natur (Licht, Regen, Bäume, Tiere): Leben und Freiheit.
- Agenten der Zivilisation (Maschinen, Wolkenkratzer, Addition und Multiplikation): Tod und Sklaverei.