Frühneuhochdeutsch: Lautwandel und Wortschatzentwicklung

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Lautwandel

Der frühneuhochdeutsche (fnhd.) Vokalismus weist drei größere Veränderungen auf, die alle in mittelhochdeutscher (mhd.) Zeit beginnen: die Diphthongierung der drei langen geschlossenen Vokale, die Monophthongierung von drei Diphthongen und die Dehnung kurzer Vokale in offener Silbe. Teilweise treten diese Veränderungen schon in mhd. Gebrauchsprosa auf, nicht aber in der höfischen Dichtersprache, wo sie wohl als allzu mundartlich galten.

1. Die frühneuhochdeutsche Diphthongierung

Die Diphthongierung der drei langen geschlossenen Vokale [i:], [y:], [u:] vollzog sich wie folgt:

  • min [i:] → ei (mein)
  • hüs [u:] → au (Haus)
  • niuwez [y:] → eu (neues)

Im Laufe der fnhd. Zeit wird die Diphthongierung zum Kennzeichen des hochdeutschen Sprachraums. Sie ist jedoch nicht in allen Mundarten durchgeführt. Das Alemannische in der Schweiz und im Elsass hat die alten Langvokale bewahrt; es heißt nicht auf Schweizerdeutsch, sondern uf schwyzerdütsch. Auch das Niederdeutsche hat die Diphthongierung nicht, was den durch die 2. Lautverschiebung markierten Unterschied zwischen Hochdeutsch und Niederdeutsch (sowie Schwedisch) noch deutlicher unterstreicht. Um die gleiche Zeit treten ähnliche Veränderungen im Niederländischen und Englischen auf (z. B. nl. mijn, huis; engl. my, house). Die drei neuen hochdeutschen Diphthonge fallen allmählich in der Aussprache mit den alten, aus dem Germanischen ererbten Diphthongen zusammen.

2. Die mitteldeutsche Monophthongierung

Die Monophthongierung der Diphthonge ie, uo, üe begann im 11.–12. Jahrhundert in Mitteldeutschland:

  • ie- [i:] (liebe)
  • uo- [u:] (gute)
  • üe- [y:] (Brüder)

Sie hat das Bairische und Alemannische nicht erreicht. In der Schrift hat sich der mhd. Diphthong ie erhalten, wodurch das e zum bloßen Längenzeichen des i geworden ist. Heute wird diese Schreibung deshalb auch in manchen Fällen verwendet, wo das Mittelhochdeutsche keinen Diphthong hatte: liegen (mhd. ligen), dieser (mhd. diser).

3. Die Vokaldehnung

Die kurzen mhd. Vokale werden in offener Silbe gedehnt, aber nicht in geschlossener Silbe (z. B. mhd. nim/nimm). Hierdurch entstehen im Fnhd. Unterschiede in der Vokalqualität, vor allem in der Deklination, die aber im Allgemeinen allmählich durch Analogie ausgeglichen werden: Auch in der endungslosen Form wird der Vokal gedehnt, obwohl er hier in geschlossener Silbe steht. Die norddeutsche Aussprache hat jedoch in diesen Fällen oft die alte Kürze im Singular bewahrt: Gras, Tag, Rad. (Die Form mit kurzem Vokal ist ins Schwedische in der Bedeutung „Lenkrad“ entlehnt: ratt). Beispiele für mhd. kurzer Vokal zu fnhd. langer Vokal: fa/renfah/ren; ne/menneh/men.

4. Der Wortschatz

„Mach Latein aus deutschen Wörtern wie Mist und Gabel – um gelehrt zu erscheinen!“, rät der elsässische Dichter Thomas Murner (1475–1537) verbummelten Studenten. Die Gelehrten waren damals zweisprachig. Oft verwendeten sie untereinander eine lateinisch-deutsche Mischsprache, was z. B. aus Luthers Tischgesprächen ersichtlich ist. Die lateinische Sprache hatte seit althochdeutscher (ahd.) Zeit ununterbrochen auf den deutschen Wortschatz eingewirkt. In der Humanistenzeit überflutet die dritte lateinische Welle das Deutsche. Vieles ist kurzlebig geblieben, aber zahlreiche Wörter haben sich eingebürgert. Neu ist, dass nun auch griechisches Wortgut entlehnt wird, oft allerdings durch das Lateinische vermittelt.

Die verschiedenen Fachsprachen, die mit der Entwicklung der Wissenschaften und dem Aufkommen neuer bürgerlicher Berufe entstanden sind, nehmen viele Fremdwörter auf, die dann auch in den allgemeinen Gebrauch übergehen. Manche stehen für neue Begriffe, andere verdrängen ältere deutsche Wörter, z. B. die Monatsnamen (lat. Juli, Dezember für dt. Heumonat, Christmonat) oder Begriffe aus der Verwaltung (kopieren, Magistrat) und Medizin (Rezept, Patient).

Seit dem 16. Jh. beeinflussen auch die lateinischen Tochtersprachen die verschiedenen Fachvokabulare:

  • Kaufmanns- und Musiksprache: Viele Bezeichnungen aus dem Italienischen.
  • Soldatensprache: Zahlreiche romanische Lehnwörter (verstärkt durch den Dreißigjährigen Krieg):
    • Italienisch: Alarm, Kanone, Soldat
    • Spanisch: Armada, Infanterie, Major
    • Französisch: Bombe, Brigade, Offizier

Andererseits bemüht man sich auch, deutsche fachsprachliche Wörter zu schaffen, durch Lehnübersetzung oder Neubildung (Lehnschöpfung): Jahrbücher, Vollmacht, Viereck. Viele neue deutsche Wörter entstehen in fnhd. Zeit, besonders Abstrakta auf –ung (Abbildung, Belohnung, Verfolgung). Für ihre Verbreitung haben die lateinisch-deutschen Wörterbücher und die Synonymenlisten der Humanisten eine nicht geringe Rolle gespielt, wie auch das durch die humanistische Prosa beliebt gewordene Stilmittel der synonymen Ergänzung.

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