Generation von '98 – Literatur, Geschichte und Ästhetik
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Generation von '98 – Einführung
Das Thema dieser Ausstellung soll sich auf eine der wichtigsten Strömungen in der Literatur der Zeit entwickeln, die Ende des neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts entstand: die Generation von '98. Eine gesellschaftspolitische Betrachtungsweise kennzeichnet diese Periode der politischen Instabilität. Die Instabilität folgte auf den revolutionären Zeitraum (1868–1874), der zur Gründung der Restauración in der Gestalt von Alfonso XII und später Alfonso XIII führte. Die relative Stabilität unter Alfonso XII stand im Kontrast zu den Unruhen, die in den frühen 1920er Jahren anhielten und in der Militärdiktatur Primo de Riveras (1923–1930) kulminierten. Im Jahr 1931 wurde die Zweite Republik ausgerufen; die sich entwickelnde Krise in Europa und innenpolitische Spannungen führten 1933 zu einem Erstarken der rechten Kräfte unter Führung von Gil Robles, während die konservativen Entscheidungen unter Alejandro Lerroux die Unzufriedenheit in der Bevölkerung erhöhten. Bei den Wahlen 1936 wurde schließlich Manuel Azaña zum Präsidenten gewählt. Das Land spaltete sich durch den gescheiterten Militärputsch am 17. Juli 1936 in Marokko, der den Beginn des Bürgerkriegs markierte.
Der Verlust der Kolonien 1898
Wichtig ist, dass die dramatischen Auswirkungen des Verlusts der Kolonien in Spanien besonders einschneidend waren: Kuba, Puerto Rico und die Philippinen gingen nach dem Vertrag von Paris im Jahre 1898 verloren. Dieses Ereignis prägte das nationale Bewusstsein und war für viele Intellektuelle der Generation von '98 ein zentraler Bezugspunkt.
Soziale Reformen und Bildung
Im sozialen Bereich waren wichtige Themen die Reform des Bildungswesens und die Ablösung einer streng stratifizierten Gesellschaft, die von konservativen Kräften und der Kirche dominiert wurde. Es entstand eine Gruppe von Intellektuellen, die überzeugt waren, dass durch kulturelle Transformation auch eine soziale Transformation möglich sei. In diesem Zusammenhang spielte die 1876 gegründete Institución Libre de Enseñanza eine bedeutende Rolle.
Literarische und künstlerische Szene
Die spanische intellektuelle und künstlerische Szene ist im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts und im frühen zwanzigsten Jahrhundert sehr komplex und reichhaltig. Die Bezeichnung "Silbernes Zeitalter" (Silver Age) wird oft verwendet, um die Bedeutung der Literatur dieser Epoche zu betonen, deren Ausgangspunkt die um die Jahrhundertwende sichtbare ideologische Krise in den westlichen Ländern ist.
Hauptströmungen: Modernismus und Generation von '98
Die beiden literarischen Strömungen der Zeit — der Modernismo und die Generation von '98 — sind durch das Verlangen nach Erneuerung geprägt. Beide wollten die Tradition des neunzehnten Jahrhunderts überwinden, sei es durch ästhetische Perfektion und Formbetonung (Modernismus) oder durch die kritische Reflexion und Auseinandersetzung mit der spanischen Wirklichkeit (Generation von '98).
Begriffsgeschichte und Mitglieder
Die Verbreitung des Begriffs zur Bezeichnung der Generation von '98 geht auf einige Artikel von Azorín im Jahr 1913 zurück. Pedro Salinas prägte den Ausdruck "noventayochistas" und betonte die Reihe gemeinsamer Merkmale: ein ähnlicher kultureller Hintergrund (häufig verbunden mit Studien an oder der Bindung an die Institución Libre de Enseñanza), die Teilnahme an kollektiven Aktionen wie dem Besuch des Grabes von Larra oder der Premiere der umstrittenen Aufführung von Galdós' Electra sowie ein gemeinsamer historischer Moment von großer Bedeutung: der Verlust der Kolonien 1898.
Zu den Mitgliedern der Generation von '98 zählen unter anderen Pío Baroja, Miguel de Unamuno, Antonio Machado und Ramiro de Maeztu. Diese Autoren nutzten die historische Situation Spaniens, um die Lage des Landes zu analysieren und die Notwendigkeit nationaler Reformprogramme herauszustellen.
Literarische Vorbilder und historische Einflüsse
Sie fühlten eine große Bewunderung für Klassiker wie Quevedo und Cervantes sowie für die volkstümliche Präsenz in manchen Werken und zeigten in ihren Kompositionen Anklänge an Góngora. Bedeutend sind auch Anspielungen auf die mittelalterliche Literatur (Berceo, Juan Ruiz, der Erzpriester von Hita, und Jorge Manrique). Bécquer und die Romantiker — ebenso wie Larra — sind unter dem Einfluss einer anti‑barocken Haltung und einer melancholischen Grundstimmung willkommen.
Zentrale Anliegen der Generation
Die Anliegen der Generation von '98 lassen sich in drei großen Bereichen zusammenfassen, obwohl die individuellen Positionen und ideologischen Ausrichtungen variierten:
- Politisch: Ablehnung der politischen Möglichkeiten der Restauración, Kritik an konservativen Führungspersonen und Forderung nach umfassenden Reformen.
- Religiös: Existenzielle Fragen, besonders die Suche nach dem Glauben, die Möglichkeit des ewigen Lebens und die kritische Auseinandersetzung mit der religiösen Tradition.
- National: Intensive Sorge um Spanien, seine Geschichte, seine Menschen und seine Landschaften.
Einprägsam fasst Pío Barojas Roman Der Baum der Erkenntnis (El árbol de la ciencia) viele Gefühle der Generation von '98 zusammen.
Politische und literarische Ausdrucksformen
In ihren jungen Jahren bekannten sich viele Autoren zu fortschrittlichen Ideen; später traten teils Rückzüge oder Wandlungen ein. Häufig verwendete Gattungen waren der Essay, der Roman, das Drama und die Lyrik. Unamuno systematisierte in seiner Studie The Tragic Sense of Life (Der tragische Sinn des Lebens) menschliche und nationale Probleme.
Die religiöse Frage
Die religiöse Frage ist ein Achsenpunkt des Denkens vieler Autoren: Die Existenz Gottes und die Möglichkeit der Unsterblichkeit zählen zu den wiederkehrenden Themen, allerdings oft in einer nicht‑katholischen, unorthodoxen Perspektive. Eine tiefgehende Reflexion darüber liefert die Novelle San Manuel Bueno, mártir von Miguel de Unamuno, die die Themen Glauben und Unsterblichkeit parallel zu seinem Essay Die Agonie des Christentums aufwirft.
Der Blick auf Spanien: Landschaft und Menschen
Aus thematischer Sicht zieht sich die Sorge um Spanien durch das gesamte literarische Schaffen dieser Autoren. Ihr großes Interesse gilt den Menschen und der Landschaft. Die Beschreibung der Landschaft nimmt besonders in kastilischen Gegenden Gestalt an, weil sie als Wurzel Spaniens betrachtet wurden. Diese Darstellung ist jedoch nicht als genaue Wiedergabe der Realität (Realismus) zu verstehen, sondern als subjektive Haltung gegenüber der Geschichte Spaniens.
Bei der Präsenz der Landschaft ist der Einfluss von Denkern wie Herbert Spencer und Hippolyte Taine zu beachten, die auf eine Wechselbeziehung zwischen Landschaft und Mensch hinwiesen: Die Landschaft bestimme bis zu einem gewissen Grad die Eigenschaften der Menschen, die in ihr leben. In diesem Sinne arbeiten etwa Werke wie Campos de Castilla, in denen die Härte der Landschaft mit Beschreibungen des Kastilischen als rauem, heftigen Menschentyp korrespondiert.
Intrahistorisches Interesse
Die Neugier auf das Fremde und das Streben nach einer Europäisierung widersprechen nicht der Liebe zum eigenen Land. Vielmehr war das Interesse an der Geschichte verbunden mit der Suche nach dem nationalen Wesen. Ein wichtiges Konzept ist die Intrahistoria, wie Unamuno sie versteht: Dabei geht es nicht primär um offizielle Historiker, sondern um die Gefühle und Gedanken gewöhnlicher Menschen, deren tägliche Arbeit eine tiefe historische Realität konstruiert.
Ästhetik und Stil der Generation von '98
Die Ästhetik der Generation von '98 lehnt übermäßigen Formalismus und Zierrat ab und verfolgt Literatur als Kommunikationskanal. Die literarische Kunst wird als Suche nach Wahrheit verstanden; sie muss künstlerisches und intellektuelles Interesse verbinden, zielen auf die Überwindung der Oberflächlichkeit und zugleich auf Klarheit und Einfachheit.
Alle genannten Autoren teilen dieses ästhetische Prinzip in unterschiedlicher Weise: Unamuno zeigt eine oft knapp skizzierte Darstellung ohne Ornament, wie in seinem bedeutenden Werk Niebla. Barojas Produktion zeichnet sich durch spontane Prosa nahe der Umgangssprache aus. Werke wie Der Wille und die Texte von Azorín (José Martínez Ruiz) sind durch eine ausgeprägte linguistische Sensibilität gekennzeichnet: kurze Sätze, das Streben nach Einfachheit und Klarheit sowie terminologische Präzision.