Gotische Malerei: Geschichte, Merkmale und Hauptschulen
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Hintergrund und Entwicklung der Gotischen Malerei
Die Gotische Malerei entstand im späten 12. Jahrhundert in Frankreich und verbreitete sich von dort aus bis ins 15. Jahrhundert über ganz Europa.
Wandel des Denkens und Humanismus
Während der Gotik fand eine Verschiebung des Denkens statt: Der Mensch rückte stärker in den Fokus, und die Künstler begannen, sich der ihn umgebenden Natur zuzuwenden. Die Kunst wurde dadurch zunehmend naturalistisch.
Im Spätmittelalter erwachte der Humanismus. In der Malerei verhalten sich die Figuren wie reale Menschen: Sie neigen sich, drehen sich, interagieren und kommunizieren. Der Triumph des Naturalismus und Humanismus wurde durch die Rückkehr zur aristotelischen Philosophie, insbesondere durch die Werke des Heiligen Thomas von Aquin, gefördert.
Soziale und Kulturelle Faktoren
Wichtige Faktoren für die Entwicklung der gotischen Kunst waren:
- Die Städte: Sie wurden zu Zentren der ländlichen Bevölkerung und führten zu neuen sozialen Strukturen, die eine reichere Kunst und Dekoration hervorbrachten.
- Die Kathedrale: Als repräsentativstes Gebäude der gotischen Architektur bildete sie den Kern der Stadt und das Zentrum des mittelalterlichen Lebens.
Merkmale der Gotischen Malerei
Ursprünge und Einflüsse
Die Vorläufer der gotischen Malerei sind in der westlichen Romanik (Fresken, Altarfronten, Buchmalerei) sowie in der byzantinischen Malerei und den Mosaiken zu suchen, die vor allem symbolische Darstellungen verwendeten.
Techniken und Medien
Da die Wände der gotischen Kathedralen durch große Glasflächen dominiert wurden, verlagerte sich der Fokus von der Wandmalerei auf andere Medien. Die am weitesten entwickelte Malerei dieser Zeit war die Tafelmalerei auf Holz.
Die verwendeten Techniken waren vielfältig:
- Tempera auf Holz: Gebunden mit Ei oder Leim, ermöglichte sie eine detaillierte Anwendung mit feinen Pinseln.
- Ölmalerei: Ab dem 15. Jahrhundert kam Öl als Bindemittel hinzu. Dies ermöglichte den Malern eine längere Bearbeitungszeit und wurde schließlich auch für Wandmalereien im Freien verwendet.
Ikonografische Programme und Retabel
Entwicklung der Ikonografie (Glasmalerei)
Die ikonografischen Programme, die in Frankreich begannen und im 13. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichten (z. B. in Chartres, Reims und León), entwickelten sich mit einer größeren Farbpalette. Isolierte Figuren wurden zunehmend durch erzählende Darstellungen ersetzt.
Das Gotische Retabel (Altarbild)
Das Retabel (Altarbild) ist der Träger der gotischen Tafelmalerei schlechthin. Es entwickelte sich von einer einzelnen Tafel über zwei Tafeln (Diptychon) und drei Tafeln (Triptychon) hin zu vielen Tafeln (Polyptychon). Der Aufbau ist typischerweise wie folgt:
- Predella (oder Bank): Der untere Sockel, oft mit gemalten Büsten von Heiligen.
- Zentralfeld: Die Haupttafel, die das zentrale Thema des Werkes darstellt.
- Straßen (oder Zonen): Vertikal angeordnete Bereiche mit sekundären Szenen.
- Entrecalles: Kleine Tafeln zwischen den Hauptstraßen, oft mit Heiligenfiguren.
- Fialen und Zierwerk: Feine Säulen oder Pfeiler, die mit Ziergiebeln (Pinakel) und pflanzlicher Dekoration versehen sind. Die Giebel bilden den oberen Abschluss der Straßen.
Gestaltungselemente und Ästhetik
Die Modellierung gewann an Bedeutung; im Laufe der Zeit entwickelte sich die Darstellung von flachen Tönen hin zu einem Spiel von Licht und Schatten, das Volumen erzeugte. Das Licht half, die Körperlichkeit hervorzuheben, obwohl es oft noch symbolischen Gehalt hatte und nicht rein realistisch war.
Die Farbe war ebenfalls symbolisch und ein zentrales Gestaltungselement. Die Komposition basierte oft auf einer Symmetrieachse, wobei die Elemente auf die theoretische Mitte der Tafel ausgerichtet waren.
Die Gotik schuf ein neues ästhetisches Ideal, das auf dem Naturalismus basierte. Die Themen waren hauptsächlich religiös (das Leben Jesu, Marias und der Heiligen), aber es entwickelten sich auch Beispiele der weltlichen Malerei und das Porträt. Die gotische Malerei hatte einen erzählenden Charakter und diente didaktischen sowie devotionalen Zwecken.
Hauptschulen der Gotischen Malerei
Franco-Gotischer Stil (Linearer Stil)
Dieser Stil entwickelte sich vom 13. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts in Frankreich. Er legte die ersten stilistischen Leitlinien fest und ist fast ausschließlich durch Beispiele der Buchmalerei (Miniaturen) überliefert. Die Farbgebung ist lebendig, und der Naturalismus manifestiert sich in der detaillierten Darstellung von Formen, Gewändern und kleinen Landschaftsausschnitten.
Italienischer Gotischer Stil (Trecento)
In der Frühgotik Italiens spielten Fresken die Hauptrolle. Die Künstler nutzten reiche Farben und strebten nach Naturalismus in der Darstellung des dreidimensionalen Raumes durch Schattierung (Chiaroscuro).
Die Sieneser Schule
Die Sieneser Schule zeichnete sich durch ihre Süße, Eleganz und das Streben nach Schönheit aus. Bedeutende Vertreter sind die Brüder Lorenzetti, die Einflüsse von Duccio und Giotto vereinten. Ihre Figuren sind monumental, besitzen aber eine ergreifende Eleganz und Anmut. Sie führten auch bürgerliche Themen in die Malerei ein, wie die berühmten Fresken der Allegorien der guten und bösen Regierung im Palazzo Pubblico.
Die Florentiner Schule
Der führende Maler in Florenz war Giotto, dessen Kunstkonzept als Vorläufer der Innovationen der Renaissance gilt. Giotto gilt als Initiator des dreidimensionalen Raumes in der Malerei. Er zeigte eine klare Naturbeobachtung und modellierte individualisierte Figuren mit Volumen und Gewicht (z. B. in den Fresken der Basilika Santa Croce in Florenz).
In Spanien wurde diese Linie von Künstlern wie Ferrer Bassa (Wandmalereien im Kloster Pedralbes) aufgegriffen.
Internationaler Gotischer Stil (Weicher Stil)
Dieser Stil etablierte sich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts unter italienischem Einfluss und dauerte bis zur ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts an. Er zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:
- Farbgebung: Reichtum an leuchtenden, manchmal unrealistischen Farben.
- Figuren: Elegant, manieriert, oft länglich und vergeistigt.
- Linienführung: Übergewicht der gebogenen Linie, manifestiert in fließender Bewegung und reichem, gewundenem Faltenwurf.
- Technik: Akribische Detailarbeit in der Landschaft und Betonung der Erzählung durch Elemente aus dem täglichen Leben.
Das Porträt etablierte sich in dieser Zeit, oft dargestellt in den kleinen Figuren der Stifter.
Die Schule der Flämischen Primitiven
Diese Schule entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Flandern und verbreitete sich in ganz Europa. Sie zeichnet sich durch extremen Naturalismus und Detailreichtum aus. Die Darstellung war auf eine Nahsicht ausgelegt, wobei sowohl Menschen als auch die Umgebung detailliert wiedergegeben wurden. Alltagsgegenstände wurden präzise dargestellt, und die Künstler schufen umfangreiche, detaillierte Landschaften.
Die Flämischen Primitiven arbeiteten hauptsächlich mit Ölfarben auf Holztafeln. Sie vereinfachten das Altarbild oft zu einer einzigen Tafel. Obwohl die Themen religiös blieben, wurden sie in Alltagsszenen eingebettet. Das Porträt gewann an Bedeutung, und die Bourgeoisie trat als neuer Kunstförderer auf. In dieser Schule verschmelzen Merkmale der Gotik mit frühen Elementen der Renaissance.
Bedeutende Flämische Meister
- Die Brüder Van Eyck: Gründer der flämischen Schule, bekannt für die revolutionäre Nutzung der Ölmalerei. Ihr Meisterwerk, die Arnolfini-Hochzeit, schildert eine reiche bürgerliche Ehe in Flandern und enthält versteckte Interpretationsschlüssel (z. B. der Hund als Symbol der Treue).
- Rogier van der Weyden: Widmete besondere Aufmerksamkeit dem Detail, der lebendigen Farbgebung und dem Realismus der Figuren, oft mit hohem dramatischem Gehalt.
- Hieronymus Bosch: Inspiriert von Volkskultur und Sprichwörtern, zeigte er große Originalität in der Themenbehandlung, indem er alltäglichen Gegenständen einen neuen, oft surrealen Sinn verlieh (z. B. Der Garten der Lüste).
Der Einfluss der flämischen Malerei in Spanien ist besonders in Katalonien sichtbar, etwa bei Lluís Dalmau, dessen Hauptwerk, die Jungfrau der Gemeinderat, großen Detailreichtum in den Gewändern und der Architektur aufweist.