Gotische Skulptur: Entwicklung und regionale Ausprägungen

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Gotische Skulptur

Historischer Kontext

Die Gotik, geboren in Frankreich, von wo aus sie sich auf das übrige Europa verbreitete, entwickelte sich vom späten zwölften bis zum fünfzehnten Jahrhundert. Während der Gotik fand eine Verlagerung des Denkens statt: Der Mensch hörte auf, nur von Gott beherrscht zu sein; der Mensch und die ihn umgebende Natur traten in den Blick. Die Kunst, die die Natur wiedergibt, ist naturalistisch. Im späten Mittelalter kam das Erwachen des Humanismus. In der Skulptur verhalten sich die Figuren wie reale Menschen: sie neigen sich, drehen sich, stehen in Gruppen und scheinen miteinander zu reden.

Der Triumph des Naturalismus und des Humanismus war eine Rückkehr zur aristotelischen Philosophie, vermittelt durch die Werke des heiligen Thomas von Aquin. Ein weiterer wichtiger Faktor waren die Städte, die zum Mittelpunkt der Bevölkerung wurden und neue soziale Strukturen mit reicher Kunst und Dekor hervorbrachten. Schließlich spielte die Kathedrale als repräsentativstes Gebäude der gotischen Architektur eine zentrale Rolle in der Stadt und im mittelalterlichen Leben.

Besonderheiten

Die gotische Plastik ist eine Kunst in ständiger Entwicklung. Ende des zwölften Jahrhunderts entfernte man sich von der romanischen Formensprache; im dreizehnten Jahrhundert wurde der schlanke Typus mit sehr einfachen Falten und Ornamenten üblich. In der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts werden die Figuren länger und die Linien geschwungener. Ihre Gewänder zeigen unzählige Falten, der sogenannte Internationale Stil. Spätere Modelle werden voluminöser und schwerer und weisen größeren Realismus auf.

Der Naturalismus der Figuren wächst ständig; sie wirken immer menschlicher, und Kompositionen mit mehreren Figuren scheinen miteinander zu kommunizieren. Die gotische Kunst ist erzählerisch, nicht symbolisch; das Thema bleibt im Wesentlichen religiös. In der gotischen Skulptur finden sich Figuren, die viel mehr Gefühle zeigen und der Realität immer näherkommen. Dargestellt werden Szenen vom gekreuzigten Christus, die Jungfrau mit dem Kind und sehr häufig die Darstellung der Jungfrau Maria mit dem toten Christus (Pietà).

Reliefs an Tempelportalen

Die Trommel (Tympanon) ist in horizontale Streifen oder Friese unterteilt, die eine erzählende Folge zeigen; sie unterscheidet sich gegenüber der Romanik durch ihre Anordnung. Das wichtigste Thema bleibt Christus und die Jungfrau. Die Archivolten unterscheiden sich nun ebenfalls von der romanischen plastischen Dekoration: sie sind längs statt senkrecht geschmückt. Die Pfeiler mit angebrachten Skulpturen (Statuen) stehen jetzt in Nischen und sind unter einem Baldachin mit gotischem Maßwerk verziert. Die Pfeiler mit Statuen der Jungfrau Maria, Christi und der Heiligen sind ebenfalls unter einem Baldachin mit gotischem Maßwerk angeordnet.

Neue Gattungen: Altarbilder, Chorgestühl, Gräber

In der gotischen Zeit entstanden neue Gattungen:

  • Altarbilder: Sie sind die originellsten Arbeiten der europäischen gotischen Skulptur. Anfangs sehr klein, wachsen sie im Lauf des Spätmittelalters. Es handelt sich um Rahmen aus Holz oder Alabaster, die in vertikale und horizontale Streifen geteilt sind und Plätze bilden, in denen freistehende Statuen, Reliefs und Gemälde mit Szenen in Bezug auf den Schutzpatron oder die Jungfrau untergebracht sind. Der Boden oder Sockel heißt Predella (auch Bank genannt).
  • Chorgestühl: Ein weiteres typisches Gebiet des Mittelalters, in dem sich die Künstler in ihren skulpturalen Bemühungen sowohl auf religiöse als auch auf weltliche Themen konzentrierten.
  • Gräber: Sie gewinnen Bedeutung als Spiegelbild des Menschen, der zum Individualismus neigt, und zeigen die zunehmende Sorge, den Namen zu verewigen.

Gotische Skulptur in Frankreich

Frankreich, als Geburtsort der Gotik, setzte die Leitlinien, denen die anderen Länder mit ihrer eigenen Persönlichkeit folgten. Während des dreizehnten Jahrhunderts konzentrierte sich die Skulptur auf den großen Portalen der Kathedralen, etwa in Chartres, wo wir den Übergang von der Romanik zur Gotik sehen, und in Notre-Dame in Paris, wo Szenen in überlappenden parallelen Streifen erzählt werden (in der Mitte das Jüngste Gericht, an den Seiten Szenen der Jungfrau Maria und der Hl. Anna).

Im vierzehnten Jahrhundert wiederholen sich Formeln; es dominiert ein dekorativer Stil mit exquisiter Eleganz und stilisierten Formen des Internationalen Stils. In der französischen Spätgotik ragt Claus Sluter hervor; er brachte den starken Naturalismus der Niederlande nach Frankreich, etwa mit Werken wie dem Brunnen des Moses im Kartäuserkloster Champmol, wo er die Figuren der alttestamentlichen Patriarchen in natürlicher Darstellung mit einem Gefühl geistiger Größe darstellte.

Gotische Skulptur in Spanien

Obwohl die romanische Skulptur des frühen 13. Jahrhunderts großen Naturalismus zeigt, kann man noch nicht von Gotik sprechen. Nur Maestro Mateo mit dem Pórtico de la Gloria zeigt Anzeichen des aufkommenden gotischen Stils: apostelähnliche Figuren, lächelnd und gesprächig. Die Einführung der Gotik erfolgte mit der Ankunft französischer Baumeister, die an großen Kathedralen arbeiteten; dazu gehören die Kathedrale von Burgos mit ihren Hauptportalen und die Kathedrale von Toledo.

Das vierzehnte Jahrhundert zeigt Symptome von Niedergang, Verfall und manieristischem Einheitsstil; diese Phase ist besonders am Dom zu Toledo ausgeprägt. Im fünfzehnten Jahrhundert erlebt die spanische Skulptur eine ihrer glanzvollsten Perioden. Die Einflüsse Burgunds treten zuerst, später Flanderns hinzu. Die Tendenz geht zu kräftigeren architektonischen Linien und zu einer differenzierten Behandlung der menschlichen Gestalt und der Gewänder. Es ist eine wahrhaft barocke Epoche, in der Künstler wie Pere Johan (z. B. San Jorge in der Generalitat von Barcelona) und Simón de Colonia (plastische Dekoration der Fassade von San Pablo in Valladolid) hervorstechen.

Der berühmteste Bildhauer des ausgehenden fünfzehnten Jahrhunderts ist Gil de Siloé, der wichtigste Vertreter des isabellinischen gotischen Stils. Er war in Kastilien, vor allem in Burgos und Umgebung, tätig (z. B. am Hauptaltar des Colegio de San Gregorio in Valladolid).

Gotische Bildhauerei im übrigen Europa

Die wichtigsten Merkmale der deutschen Bildhauerkunst sind ein tiefgreifender und stark expressiver Naturalismus, ein Realismus, der fast authentische Porträts liefert, sowie barocke Züge, besonders in den stark gefalteten Gewändern (z. B. am Dom zu Bamberg).

In Italien sind die Formen keine vollständigen Kopien der Gotik, denn von Anfang an wirken die klassischen Wege nach; man spricht seit dem dreizehnten Jahrhundert von einer Protorenaissance. Besonders bemerkenswert ist Nicola Pisano, etwa mit der Kanzel in der Taufkapelle des Doms von Pisa.

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