Grundlagen und Entwicklung der Verfassungsgerichtsbarkeit
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Das Konzept der Verfassungsgerichtsbarkeit
Um ein gültiges Konzept der Verfassungsgerichtsbarkeit zu bieten, muss man zwei Elemente berücksichtigen:
- 1) Formales Element: Eine Tätigkeit, die als Gerichtsbarkeit durch eine unabhängige Stelle ausgeübt wird, welche auf der Grundlage rechtlicher Argumentation und des Prinzips des Widerspruchs handelt.
- 2) Materielles Element: Die Ausübung der Verfassungsgerichtsbarkeit umfasst eine Reihe von Befugnissen in Bezug auf bestimmte Prozesse, die die Institution kennzeichnen. Die Prozessführung dient dazu, die Verfassungsmäßigkeit von Gesetzen zu kontrollieren, den besonderen Schutz der Grundrechte zu gewährleisten sowie die vertikale und horizontale Gewaltenteilung sicherzustellen.
Ein Organ fällt in die Kategorie der Verfassungsgerichtsbarkeit, wenn es ein Gericht ist, einen Status besitzt, der sich von ordentlichen Gerichten unterscheidet, und seine Zuständigkeit bei verfassungsrechtlichen Verfahren liegt.
Historischer Ursprung und Entwicklung
Die Geburtsstunde der Verfassungsgerichtsbarkeit setzt die Anerkennung des Verfassungsrangs voraus. Das Prinzip des Verfassungsrangs manifestiert sich im normativen Charakter der Verfassung, die sie nicht zu einer bloßen Sammlung von Programmsätzen, sondern zu geltendem Recht macht.
Der spezifische historische Ursprung der Normenkontrolle und die praktische Umsetzung dieser Ideen werden in der Regel in das Jahr 1803 datiert. Damals entschied Richter John Marshall, der damalige Chief Justice des Supreme Court in den USA, im Fall Marbury v. Madison, ein Gesetz des Kongresses nicht anzuwenden, da es gegen die Verfassung verstieß. Von diesem Punkt an entwickelte sich in den USA die Idee der richterlichen Prüfung der Verfassungsmäßigkeit von Gesetzen auf jeder Ebene. Wenn ein Gericht ein Gesetz für verfassungswidrig hält, wendet es dieses im konkreten Fall nicht an.
Merkmale der amerikanischen Inzidentkontrolle
Die charakteristischen Merkmale dieser Kontrolle sind:
- Diffuse Kontrolle: Alle Richter können diese Überprüfung durchführen.
- Konkrete Kontrolle: Sie wird im Rahmen eines konkreten Verfahrens (Rechtsstreit) ausgeübt.
- Aktueller Charakter: Der Streitfall muss real existieren.
- Einrede der Verfassungswidrigkeit: Die Kontrolle erfolgt im Wege der Ausnahme.
- Inter-partes-Wirkung: Die Entscheidung hat Rechtskraft nur für die beteiligten Parteien und den spezifischen Fall, was bedeutet, dass die Verfassungswidrigkeit nicht allgemein verbindlich festgestellt wird.
Heute agiert der US Supreme Court ähnlich wie die Organe der Verfassungsgerichtsbarkeit in Europa. Im europäischen Verfassungsprozess stieß die praktische Umsetzung zunächst auf Hindernisse: der Grundsatz der Parlamentssouveränität, die Reaktion absolutistischer Mächte nach dem Sturz Napoleons zur Verteidigung des monarchischen Prinzips und die Positionen der Linkshegelianer. Erst durch die theoretischen Anstrengungen von Hans Kelsen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wurde die Entstehung des Verfassungsgerichtshofs als spezialisierte Einrichtung der Verfassungsgerichtsbarkeit ermöglicht.
Bilanz und Ausblick
Eines der großen Themen der Verfassungsgerichtsbarkeit ist ihre Legitimität. Die Kontroversen drehen sich meist um zwei Fragen: das Spannungsverhältnis zwischen Politik und Recht sowie die Herkunft der Entscheidungskriterien des Verfassungsgerichts, was zur Frage nach der demokratischen Legitimität gegenüber der verfassungsgebenden Gewalt führt.
Aus rechtstechnischer Sicht ging es in der Debatte um die Rechtfertigung eines Tribunals für Verfassungsverfahren und darum, ob dieses Organ Teil der ordentlichen Gerichtsbarkeit sein sollte oder nicht. Die Verfassungsgerichtsbarkeit dient der Kontrolle öffentlicher Einrichtungen innerhalb der Grenzen des Verfassungstextes. Sie stellt sicher, dass der in der Verfassung zum Ausdruck gebrachte Wille des Volkes gewahrt bleibt. Die Sicherung der Verfassungsherrschaft ist die Grundlage ihrer Tätigkeit. Sie stärkt den Grundkonsens und den gesellschaftlichen Zusammenhalt nach Kriterien der Rechtssicherheit und des Friedens.
Konstitutionalisierung und rechtliche Wirkung
Der Ausbau der Verfassungsgerichtsbarkeit hat die Rechtsordnungen transformiert. Die Verfassung gilt als höchste Norm und wird aufgrund ihres normativen Charakters unmittelbar angewendet. Das Organ der Verfassungsgerichtsbarkeit steht an der Spitze dieser Entwicklung.
Besonders nach dem Ende autoritärer Regime (Deutschland, Spanien, Griechenland, Italien, Portugal, ehemalige Ostblockstaaten) wurde die Bedeutung der Konstitutionalisierung betont. Die Verfassung ist nicht nur die hierarchisch oberste Norm, sondern das Zentrum der gesamten Rechtsordnung, das alle juristischen Disziplinen durchdringt. Ein Verfassungsgericht muss methodisch mit dem geltenden Recht arbeiten und dabei die Garantien des Rechtsstaates sowie die Anforderungen der Rechtssicherheit wahren. Die Entscheidungen sind nicht nur rechtlicher, sondern auch politischer Natur, da das Organ die erheblichen Auswirkungen seiner Arbeit berücksichtigen muss. Das Verfassungsgericht befindet sich in einer heiklen Position – als juristisches Organ, das in politischen Machtkämpfen besteht und dabei die Techniken ordentlicher Gerichte nutzt.
Schlussfolgerungen
Die Verfassungsgerichtsbarkeit hat sich zu einer der bedeutendsten Institutionen sowohl in der theoretischen Struktur als auch in der praktischen Anwendung moderner rechtlicher und politischer Systeme entwickelt. Ihre Legitimität begründet sich heute durch die Verteidigung der Verfassungssouveränität, die Gewährleistung von Grundrechten und Freiheiten, die Machtkontrolle, die gesellschaftliche Integration sowie den Schutz parlamentarischer Minderheiten.