Hôtel Tassel von Victor Horta: Meisterwerk des Art Nouveau

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Hôtel Tassel von Victor Horta (1892–1893)

Das Hôtel Tassel, entworfen von Victor Horta, gilt als eines der ersten Gebäude des Art Nouveau (Jugendstil) und ist bekannt für seine innovative Bauweise, Materialnutzung und Dekoration.

Eckdaten

  • Autor: Victor Horta
  • Lage: Rue Paul Émile Janson 6 (ehemals Rue Turin 12), Brüssel
  • Baujahr: 1892–1893
  • Stil: Art Nouveau (Jugendstil)

Der innovative Grundriss

Der Grundriss des Hôtel Tassel bricht mit dem traditionellen Schema. Das Gebäude ist lang und schmal, fast rechteckig. Die konventionelle Form wird durch die Verwendung eines Metallrahmens aufgebrochen, der offene Grundrisse ohne tragende Wände ermöglicht.

Das Gebäude besteht aus drei Teilen. Der zur Straße gerichtete Teil und der zum Garten gerichtete Teil sind durch eine Stahlkonstruktion mit Glasabdeckung verbunden. Dieser dritte Teil fungiert als Verbindungselement und leitet natürliches Licht in das Innere des Gebäudes.

Diese Revision der räumlichen Organisation und der Dialog zwischen der Flexibilität des Eisens und der Härte des Steins sind charakteristisch für Horta's gesamtes Werk.

Victor Horta entwarf am Eingang einen speziellen Empfangsraum für Herrn Tassel.

Der Architekt baute im ersten Stock eine interne Terrasse, die den Lichtbrunnen überblickt. Dort konnte ein Projektor installiert werden, um Filme auf eine heruntergelassene Leinwand zu projizieren und diese den Gästen zu zeigen.

Die Gestaltung der Fassade

Horta bricht mit der typischen Anordnung der Brüsseler Wohnhausfassaden. Der Eingang befindet sich nicht zentral, sondern seitlich neben dem Empfangsbereich und erstreckt sich über einen langen Gang ins Innere. Victor Horta vermied die zentrale Eingangstür in der Mitte der Fassade, um den zentralen Flur des Hauses zu eliminieren und stattdessen einen Lichtschacht im Zentrum des Hauses zu installieren.

In der Vorderansicht sticht der zentrale, überhängende Erker hervor. Er ist mit zahlreichen Öffnungen organisiert und weist einzigartige Details auf.

Die Fassade spiegelt das Innere wider und übersetzt sich in eine flexible Bewegung von Ausbuchtungen und Rücksprüngen. Gespannte Spiele von gläsernen Membranen, Stein und Eisen vereinen sich in diesem rhythmischen Zusammenspiel.

Das Äußere wirkt im Allgemeinen eher konservativ, obwohl die gekrümmte Glasfläche dem Band Bewegung verleiht und den Rest der Wand zwingt, damit zu harmonisieren.

Innenraum und Lichtgestaltung

Der Innenraum zeigt seinen hellen, leuchtenden und ursprünglichen Charakter in Struktur und Dekoration. Das flexible Layout ermöglicht eine große Ausdrucksvielfalt. Der Innenraum ist organisch, dynamisch und folgt einem anderen Rhythmus als die traditionelle Architektur.

Großes Interesse wurde den Effekten von Licht und Farbe beigemessen. Der Raum ist auf menschlichem Maßstab gestaltet und strahlt eine Atmosphäre von Komfort und Eleganz aus.

Dekorative Elemente

Die Dekoration ist sehr wichtig und allgegenwärtig. Sie zeichnet sich durch große, gebogene und gewellte Linien aus, die von pflanzlichen Motiven inspiriert sind, aber eine anmutige und dynamische Linearität aufweisen, die sie von der Natur entfernt. Die Anordnung ist asymmetrisch. Die dekorativen Effekte reichen bis ins kleinste Detail und vervollständigen das Gesamtbild.

Die plastischen Werte sind zerbrechlich, mobil und transparent. Sie erzeugen nicht nur das Tempo der gesamten Linie.

Ein großer Einfluss stammt aus der „Arts and Crafts Movement“, die 1880 in England entstand und deren prominenteste Figur William Morris war.

Baumaterialien und Konstruktion

Materialien und ehrliche Behandlung

Beim Bau wurden verschiedene Materialien eingesetzt. Wichtig ist die ehrliche Behandlung des Eisens: Das Material wurde nicht maskiert, sondern die Montagesysteme und Nieten wurden sichtbar gelassen, was eine höhere plastische Qualität ergibt. Die Gründe für die Verwendung und Behandlung des Materials sind sowohl technischer als auch ästhetischer Natur, wodurch das Eisen zu einem dekorativen Element wird.

Victor Horta nutzte seine Fähigkeiten als Designer, um auch wertvolle Materialien wie Marmor, Onyx, Bronze und Tropenholz zu verwenden.

Tragwerk und Plastizität

Die Wand an der Vorderseite ist sehr plastisch, sie federt zurück und eliminiert fast die zentrale Kante. Im Inneren fehlt die schwere tragende Wand.

Die Stützen sind schlanke Gusseisensäulen, die sowohl eine ästhetische als auch eine dekorative Funktion erfüllen.

Im ersten Stock der Frontfassade gibt es kleine Steinsäulen, die traditioneller wirken.

Strukturelle Details

Die Titelseite (Fassade) zeigt eine Struktur aus Metallbalken. Ihr wurde ein exquisites Aussehen verliehen, ähnlich einer gläsernen Membran oder Schmetterlingsflügeln.

Bedeutung und Einfluss des Werks

Belgien war das am stärksten industrialisierte Land Kontinentaleuropas, was Brüssel zu einem wichtigen wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum machte.

Die städtischen Reformen Leopolds II. fielen mit den Bestrebungen eines wohlhabenden Bürgertums zusammen, das nach einem Zusammenprall zwischen historischen Revivals und nationalistischen Tendenzen eine neue Sprache suchte: eine «moderne» Architektur.

Die Innovatoren waren isolierte Figuren. Sie schufen eine elitäre und bürgerliche Kunst, kosmetisch und voller Widersprüche. Die vorherrschende Strömung in Belgien war der Jugendstil (Art Nouveau). Victor Horta wurde zu seinem ersten Vertreter und zum bedeutendsten Architekten des Art Nouveau.

Die Innovationen im Hôtel Tassel prägten den Stil seiner späteren Werke. Es bot insbesondere der Mittelschicht die Möglichkeit, in einem Haus von Horta zu leben, was ein Statussymbol war.

Die hohen Kosten dieses architektonischen Stils beschränkten seine Nutzung jedoch wirtschaftlich auf die reicheren Schichten.

Der Art Nouveau-Stil, inspiriert von Victor Horta, hatte einen entscheidenden Einfluss auf Hector Guimard, der den Art Nouveau in Frankreich entwickelte und eine persönliche Interpretation von Hortas Stil schuf.

Im Jahr 2000 wurde das Hôtel Tassel zusammen mit drei weiteren Horta-Bauten zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

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