José Ortega y Gasset: Historischer Kontext und Gotteskonzept
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Historischer Kontext der Philosophie Ortegas
Die Philosophie von José Ortega y Gasset ist tief verwurzelt in einer kritischen Phase der jüngeren spanischen Geschichte. Diese Periode umfasst:
- Die Restauration der Bourbonen unter König Alfons XII. (1874–1923).
- Die Diktatur von General Primo de Rivera ab 1923.
- Formale Wechsel zwischen konservativen und liberalen Regierungen.
- Die Ausrufung der Zweiten Republik am 14. April 1931 und deren Sturz.
- Der Spanische Bürgerkrieg (1936–1939).
- Die ersten Jahre der Diktatur von General Franco.
Seit dem späten neunzehnten Jahrhundert bis zum Bürgerkrieg prägten wirtschaftliche Bedingungen eine in Europa rückständige Gesellschaft, die stark von der Landwirtschaft abhängig war. Diese Situation wurde durch eine starke soziale Kluft verschärft: eine Klasse von Großgrundbesitzern und Caciques (lokale politische Bosse) stand einer großen Masse von Arbeitern und Tagelöhnern gegenüber.
Weltgeschehen im 20. Jahrhundert
Parallel dazu ereigneten sich an den Grenzen Spaniens tiefgreifende historische, politische und sozioökonomische Entwicklungen:
- Im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts erlebte Europa den Aufstieg des Kapitalismus, der sich auch in den aufstrebenden Mächten wie den USA manifestierte.
- In verschiedenen Ländern verschärften sich die politischen Konfrontationen zwischen der revolutionären Arbeiterklasse und der kapitalistischen Klasse.
- Der Erste Weltkrieg endete mit dem Vertrag von Versailles, was den Verlust der Hegemonie und die Kapitulation der ehemaligen europäischen Zentralmächte bedeutete.
- Das zaristische Russland unterlag der Arbeiterbewegung, angeführt von Lenin, was zur Russischen Revolution 1917 und der Gründung der Dritten Internationale führte.
- In der Zwischenkriegszeit entstanden bürgerliche, sozialistische und kommunistische Parteien, sowie der Aufstieg faschistischer Parteien, insbesondere in Italien, Spanien und Deutschland.
- Die USA erlebten die Große Depression von 1929, woraufhin der Liberalismus mit dem New Deal unter Roosevelt (der ein gewisses staatliches Eingreifen vorsah) eine politische und wirtschaftliche Neuorientierung versuchte.
- Nach der Machtübernahme faschistischer Parteien in Deutschland, Italien und Spanien brach der Zweite Weltkrieg aus.
- Nach der Niederlage Deutschlands, Italiens und Japans und dem Sieg der Alliierten, gekennzeichnet durch Tod, Barbarei, Konzentrationslager und den Holocaust, teilte sich die neue internationale Ordnung in zwei Blöcke: den westlichen Block unter Führung der USA (organisiert um die NATO) und den kommunistischen Block, der sich um die UdSSR und das Militärbündnis des Warschauer Paktes bildete.
Philosophische und Kulturelle Strömungen
Diese Zeit war die Blütezeit mehrerer Generationen von Denkern und Schriftstellern:
- Die Generation von 98, angeführt von Unamuno und A. Machado.
- Das Novecentismo (ab 1914) mit Autoren wie Pérez de Ayala, Gómez de la Serna und Ortega selbst.
- Die Generation von 27, mit F. García Lorca und R. Alberti, sowie Musikern wie Manuel de Falla und Albéniz und Künstlern wie Picasso, Dalí und Miró.
In der Philosophie dieser Epoche dominierten verschiedene Positionen:
- Idealismus, Neukantianismus, Existenzialismus, Vitalismus, Historismus.
- Der Positivismus, geprägt durch das Interesse an Sprach- und Wissenschaftsproblemen (Wiener Kreis, Strukturalismus).
- Die Betonung sozialer Fragen und Kritik der Ideologien wie Marxismus und Psychoanalyse.
Ortegas philosophische Einflüsse
Ortegas Denken wurde maßgeblich von folgenden Strömungen beeinflusst, die als grundlegende Achsen dienen:
- Phänomenologie und Existenzphilosophie: Der Versuch, mittels der phänomenologischen Methode eine eigene Analyse der menschlichen Existenz zu entwickeln.
- Vitalismus: Konzentriert sich auf die Erläuterung des Begriffs des Lebens im doppelten Sinne: biologische Basis und erlebte Realität (Erlebnispädagogik).
- Historismus: Der wichtige Einfluss von Denkern wie Dilthey auf Ortega.
Gott als die Summe aller Perspektiven
Perspektivismus und die absolute Wahrheit
Obwohl Ortega das Wissen als perspektivisch (subjektgebunden) ansieht, verzichtet er nicht auf die Möglichkeit einer absoluten und totalen Wahrheit. Diese Möglichkeit wird als Ideal formuliert – ein Ziel, das der Mensch verfolgt, aber nicht vollständig erreichen kann. Die Möglichkeit, die Summe aller Perspektiven zu erreichen, ist nicht schlüssig, da die Menge aller Individuen, die Perspektiven einnehmen, per Definition unvollständig ist. Ein Subjekt, das dies könnte, wäre ein „absolut Richtiges“.
Ortegas Gotteskonzept
Ortega bezeichnet dieses mögliche Subjekt mit dem Namen „Gott“. Dies ist bemerkenswert, da Ortega Agnostiker ist. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass er den Gott der Philosophen meint, nicht den Gott der Religion.
Ortega nennt zwei Gründe, warum er sich von der traditionellen christlichen Auffassung distanziert:
- Gott wird oft totale Weisheit und Allwissenheit zugeschrieben.
- Gott wird als allgegenwärtig beschrieben. Wenn Gott überall ist, wie kann er dann an einen bestimmten Ort gebunden sein, wenn er doch mit allen Perspektiven verbunden ist?
Unterscheidung zum Rationalismus
Ortega unterscheidet sorgfältig zwischen dem Gott des Rationalismus und seinem eigenen Konzept:
- Rationalistischer Gott: Ein universelles Verständnis, das die Dinge kennt, wie sie sind, ohne auf menschliches Wissen angewiesen zu sein.
- Ortegas Gott: Benötigt alle menschlichen Subjekte, da er die Summe aller Perspektiven ist. Es ist eine göttliche Perspektive, die sich von allen menschlichen unterscheidet.
Diese Summe ist komplexer als eine einfache arithmetische Addition. Gott artikuliert und harmonisiert die Perspektiven, was zu einer Umstrukturierung führt. Eine einfache Addition würde zu chaotischem Wissen führen.
Bilder für Gottes unendliche Aufgabe
Ortega verwendet zwei Bilder, um Gott als Symbol für die unendliche Aufgabe der Philosophie zu beschreiben:
- Ein vitaler, endloser Strom: Dies symbolisiert die tiefe und grenzenlose Vitalität, die sich im Flusslauf entlädt und sich auf das Erreichen des Meeres freut. Wenn das Subjekt des Wissens ein endliches Subjekt ist, ist Gott, die Summe aller Perspektiven, die Quelle des Lebens.
- Ein unendliches Gitter: Dies bezieht sich auf die Summe aller möglichen Subjekte. Da die Zahl der Individuen unendlich ist, sind die Gitter endlos. Das Universum wird durch dieses unendliche göttliche Gitter interpretiert und authentifiziert, was die Realität konstituiert.
Diese Interpretation ist dreifach:
- Kognitiv (Sehen)
- Axiologisch (Liebe/Hass)
- Ästhetisch (Freude/Leiden)
Gott und Erkenntnis: Gegensatz zu Malebranche
Zur Unterscheidung der Funktion Gottes im Vergleich zu rationalistischen Philosophen zieht Ortega Nicolas Malebranche heran, einen Verteidiger des Ontologismus: Nur die Erkenntnis, die wir von der Idee eines Dinges haben, ist würdig. Bei Malebranche sind die Ideen die Urbilder der Dinge in Gott. Dinge zu erkennen bedeutet, sie auf göttliche Weise zu erkennen.
Ortegas Konzept ist das Gegenteil: Es ist Gott, der die Dinge auf menschliche Weise kennt. Die göttliche Perspektive ist nicht nur eine menschliche Perspektive, sondern die Summe aller menschlichen Perspektiven.
Aufruf zur Authentizität
Das Ende des Kapitels (und des Buches) mündet in einem Aufruf zur Authentizität: Wir müssen wir selbst sein, das Wissen um unsere Umstände annehmen und unser Leben wahrhaft leben.
Authentizität wird durch das Denken erreicht, um das Umfeld zu verstehen und die Verantwortung anzunehmen, die der historische Moment verlangt. Das Denken entsteht nicht vor dem Leben, sondern wird daraus abgeleitet – es ist eine lebenswichtige Notwendigkeit, um die Probleme zu verstehen und zu lösen, denen wir uns stellen. Das Denken ist nicht endgültig, sondern entwickelt sich langsam und mühsam. Ortega fasst zusammen: Dem Leben Vernunft zu geben, den Sinn des Lebens zu verstehen, ist „das Thema unserer Zeit“.