Kannibalismus: Formen, Geschichte und Kulturelle Praktiken
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Definition und Klassifikation der Kannibalismus-Formen
- Mythisch begründeter Kannibalismus: In Weltschöpfungsmythen geschilderte Weltschöpfung durch Kannibalismus.
- Religiöser Kannibalismus: Ein Körperteil als direkte Opfergabe an die Götter (beispielsweise das Herz bei den Azteken für den Sonnengott, um den täglichen Lauf der Sonne zu gewährleisten; der rohe Leichenrest für die Menschen als Omophagie).
- Ritueller Kannibalismus als „Bestattung im Menschen“: Den Geopferten oder den Verstorbenen in sich aufnehmen, um dessen Wiederkehr zu verhindern.
- Pietätskannibalismus: Den Verwandten (Vorfahren oder eigenes Kind) aus Respekt, Liebe oder Trauer würdevoll ehren und sicher verwahren.
- Angst-Kannibalismus: Den getöteten Feind am sichersten denkbaren Ort – in sich selbst – verwahren und so seine Wiederkehr verhindern.
- Magischer Kannibalismus: Die Vorstellung, dass Eigenschaften wie Kraft und Mut vom Opfer durch Verzehren auf den Esser übergehen.
- Justizieller oder Gerichts-Kannibalismus: Das Verspeisen von Verurteilten oder das Trinken ihres Blutes.
- Kannibalismus zu Ernährungszwecken: Praktiziert in extremen Notlagen (Überlebenskannibalismus).
Historische Belege für Kannibalismus
Homo erectus: Frühe Interpretationen
Bereits rund 800.000 Jahre alte Knochenfunde von Neandertaler-Vorfahren der Art Homo erectus wurden als Beweis für kannibalistische Praktiken interpretiert. Dies wird anhand von Spuren auf Funden aus dem Jahr 1997 aus Atapuerca (nahe Burgos, Nordspanien) geltend gemacht.
Neandertaler: Funde in Krapina
In der Halbhöhle von Krapina nördlich von Zagreb (Kroatien) barg man zwischen 1899 und 1905 zerschlagene und teilweise angebrannte Knochenreste von mindestens 24 Neandertalern. Diese Funde wurden als Beleg für „rituellen Kannibalismus“ gewertet.
Jungsteinzeit: Bandkeramische Kultur
Aus der jungsteinzeitlichen Bandkeramischen Kultur stammen die Funde aus der Jungfernhöhle von Tiefenellern bei Bamberg in Franken. Die dortigen Schnittspuren wurden ebenfalls als Zeichen von Kannibalismus interpretiert.
Geografische Beispiele und Kulturelle Praktiken
Amerika: Die Azteken
Im Opferkult der Azteken (1325 bis 1519, bis zum Beginn der spanischen Eroberung Mexikos) sollen bei religiösen Schlachtfesten jeweils bis zu 14.000 Opfer verspeist worden sein. Ritueller Kannibalismus war ein Bestandteil der Fruchtbarkeitsriten:
- Das Herz wurde für die Verwendung in Feuer-Ritualen genutzt.
- Der Rest des Körpers ging an die Familie des Kriegers, der das Opfer gefangen hatte.
Ozeanien: Papua-Neuguinea und Fidschi
- Papua-Neuguinea (Stamm der Fore): Es ist belegt, dass sie das Fleisch verstorbener Angehöriger aus rituellen Gründen aßen. Diese Praxis wird mit der Ausbreitung der Kuru-Krankheit in Verbindung gebracht.
- Fidschi: Am 21. Juli 1867 soll der englische Missionar Thomas Baker im Dorf Nabutautau verspeist worden sein. Dies geschah aufgrund einer Tabuverletzung, da das Berühren der Haare einer Person in dieser Kultur als schwere Beleidigung galt.
China: Ahnenkult und Opferrituale
In China haben sich spezielle Bestattungsrituale und ein Ahnenkult erhalten, die wesentliche Bestandteile der chinesischen Kultur sind. Historisch gesehen implizierte das Opfern von Menschen oft auch das Verspeisen der Opfer.