Kant und Marx: Auffassung der Geschichte — Vergleich
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Kant und Marx: Auffassung der Geschichte
A. Ansätze
1) Bedeutung der Geschichte
Bei Kant und Marx ist die Geschichte von zentraler Bedeutung für ihre Philosophie. In der Tat ist der historische Materialismus von zentraler Bedeutung für den marxistischen Humanismus.
Bei Kant ist die Geschichte in die kantische Philosophie integriert. Wenn die Philosophie die Frage „Was ist der Mensch?“ beantworten soll und darauf zielt, eine rationalere und freiere Menschheit zu erreichen, ist die Geschichte der Rahmen für die schrittweise Verwirklichung und Humanisierung sowie für die Entwicklung von Rationalität und Freiheit.
2) Ende der Geschichte: transzendent und immanent
Die Vorstellung vom Ende der Geschichte wird sowohl in transzendenten (z. B. christlichen) Begriffen als auch in immanenten Auffassungen diskutiert. Bei Kant und Marx existieren jeweils immanente Konzeptionen des Endes der Geschichte, die auf diese Welt verweisen:
- Bei Marx ist das Ende der Geschichte das Verschwinden der kapitalistischen Produktionsweise und die Einführung des Kommunismus, in dem der Mensch Herr seiner selbst, seines Produkts und seiner Arbeit ist und in Harmonie mit der Natur lebt.
- Bei Kant soll die Geschichte auf einen ewigen Frieden zusteuern, in dem die Menschen ganz Mensch sein können und die natürlichen Gaben voll zur Entfaltung gelangen.
3) Widerspruch und Antagonismus
Widerspruch und Antagonismus sind in beiden Auffassungen präsent, jedoch mit unterschiedlichem Sinn: Bei Kant ist die unsociale Geselligkeit der Motor der Geschichte, weil die Natur individuellen Egoismus und Unverträglichkeit so nutzt, dass alle Talente und Fortschritte zur Erreichung ihres Zwecks entwickelt werden. Bei Marx sind Widerspruch und Klassenkampf ebenfalls konstante Triebkräfte der Geschichte, die überwunden werden sollen.
B. Unterschiede
1) Philosophischer Kontext
Die philosophischen Kontexte und Grundlagen von Kant und Marx sind klar zu unterscheiden. Kant ist ein Vertreter der Aufklärung und Verfechter der Ideale der Emanzipation des Menschen durch kritischen Gebrauch der Vernunft, Rationalität und volle Freiheit.
Marx will mit der Konzeption der Philosophie als bloßer Theorie brechen. Wie Marx sagt: „Bis jetzt haben die Philosophen die Welt nur interpretiert; es kommt darauf an, sie zu verändern.“ Er meint, dass Theorie und Praxis zusammengehören müssen, d. h. dass theoretisches Denken in praktische Veränderung der Realität münden muss, vor allem in Bezug auf die entfremdende kapitalistische Gesellschaft. Kant wäre nach Marx einer der Philosophen, die die Welt nur betrachten, statt sie zu verändern.
2) Begriff des Menschen
Der Begriff des Menschen und seine Rolle in der Geschichte unterscheiden sich wesentlich:
- Kant: Der Mensch ist mit den natürlichen Anlagen der Vernunft und der moralischen Freiheit ausgestattet und soll sich in vollem Umfang entwickeln.
- Marx: Der Mensch entsteht und formt sich durch die Umgestaltung der Natur mittels Arbeit. Die Arbeit ist das Wesen des Menschen. Der Mensch selbst wird durch die Umwandlung der Natur durch Arbeit geschaffen.
3) Begriff der Geschichte und Zweck
3.1 Marx: materialistische Auffassung
Bei Marx beginnt die Geschichte praktisch, sobald der Mensch die Natur durch Arbeit zu verändern beginnt. Die wirtschaftliche Basis bestimmt den Überbau und erklärt die rechtlichen, politischen und ideologischen Erscheinungen.
Im Gegensatz dazu liest und interpretiert Kant die Geschichte nicht in wirtschaftlichen Kategorien, sondern teleologisch: die Annahme eines verborgenen Plans in der Geschichte garantiert, dass die unsociale Geselligkeit den Menschen zu einem rationalen und moralischen Wesen entwickelt.
3.2 Ende der Geschichte bei Kant und Marx
Das Ende der Geschichte ist bei Kant die vollständige Entfaltung der natürlichen Anlagen des Menschen als rationales und moralisches Wesen in einer gerechten bürgerlichen Gesellschaft und im internationalen ewigen Frieden. Bei Marx ist das Ende der Geschichte die Zerstörung des Kapitalismus als Gesellschaftsformation, in der der Mensch entfremdet ist, und die Errichtung des Kommunismus, in dem der Mensch Herr seiner selbst und des Produkts seiner Arbeit ist, in Harmonie mit anderen und mit der Natur ohne weitere Entfremdung.
In der kommunistischen Gesellschaft sind Freiheit und Gleichheit nicht nur formal, wie Kant und Hegel sie verstanden haben, sondern tatsächlich realisierte Verhältnisse.
3.3 Gewährleistung des Endes der Geschichte
Bei Kant ist das Ende der Geschichte gewissermaßen gesichert, da die Natur nicht umsonst wirkt: Die natürliche Veranlagung des Menschen wird sich zumindest auf Ebene der Gattung im Laufe der Geschichte voll entfalten. Bei Marx hingegen ist das Ende der Geschichte das Ergebnis der proletarischen Revolution infolge der Zuspitzung der Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft.
Kant versteht Geschichte als teleologisch: Sie folgt einem Plan, der auf ein Ideal der Vernunft zusteuert, in dem die volle Entfaltung aller natürlichen Anlagen des Menschen, vor allem der Vernunft, möglich wird. Dies sei nur in einer vollkommen gerechten Gesellschaft und in einem ewigen Frieden realisierbar, der durch einen Staatenbund garantiert wird.
Für Marx ist die Wurzel der Entfremdung des Menschen die ökonomische Entfremdung, die im Kapitalismus ihren Höhepunkt erreicht. Das Ende der Geschichte wird durch die proletarische Revolution und die Errichtung des Kommunismus herbeigeführt, in dem der Mensch wirklich frei und gleich ist.