Kant & Marx: Praktische Vernunft und politische Theorie
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Der praktische Gebrauch der Vernunft
Mit dem praktischen Gebrauch der Vernunft muss die Philosophie die zweite Frage beantworten.
Kantischer Formalismus: Der kategorische Imperativ
Kant war einer der ersten Philosophen, der die Ethik formalisiert hat, nachdem frühere (materiale) Ansätze als unzureichend angesehen wurden. Kants Ethik enthält zugleich einen Inhalt, nämlich die Würde des menschlichen Wesens, und beruht auf der Vorstellung eines höchsten Gutes und Endziels.
Die formale Ethik ist eine Ethik ohne konkreten Inhalt; sie konzentriert sich auf die Form des "Was man tun muss". Nach Kant bestimmt die Maxime des Handelns den sittlichen Wert einer Handlung. Handlungen sind nur dann moralisch wertvoll, wenn sie aus Pflicht (dem Sittengesetz) erfolgen. In Bezug auf die Pflicht unterscheidet Kant drei Klassen von Handlungen:
- Gegen die Pflicht: Die Person kennt ihre moralische Verpflichtung, handelt aber entgegen diesem Gebot.
- Im Einklang mit der Pflicht: Die Person kennt ihre Pflicht und handelt entsprechend, jedoch aus anderen Motiven (z. B. Neigung oder Eigeninteresse), nicht aus Achtung vor der Pflicht.
- Aus Pflicht: Die Person kennt ihre Pflicht und handelt aus Achtung vor dieser Pflicht; hierin liegt für Kant wahrer sittlicher Wert.
Kants Ethik lässt sich durch den Begriff des kategorischen Imperativs zusammenfassen. Seine Ethik ist sehr streng; es gibt nach ihm keine Ausnahmen von der Forderung des kategorischen Imperativs.
Die Postulate der praktischen Vernunft
In der Kritik der reinen Vernunft zeigt Kant, dass traditionelle Metaphysik kein wissenschaftliches Erkenntnisvermögen besitzt. Durch den praktischen Gebrauch der Vernunft können jedoch Fragen zu metaphysischen Gegenständen eine Rolle spielen. Mit den Postulaten meint Kant Annahmen, die notwendig sind, damit moralische Forderungen sinnvoll bleiben. Drei Postulate sind zentral:
- Freiheit: Die Existenz moralischer Forderungen setzt Freiheit voraus; Freiheit ist die Voraussetzung der Moral.
- Unsterblichkeit: Die Verpflichtung, ein höchstes Gut zu erreichen, erfordert eine unendliche Zeitperspektive; daher postuliert Kant die Unsterblichkeit der Seele, damit moralischer Zweck und Glück zusammengebracht werden können.
- Gott: Damit Moral und Glück in einem sinnvollen Verhältnis stehen können, postuliert Kant die Existenz eines allmächtigen und gütigen Wesens, das moralisch gutes Handeln belohnt.
Politisches Denken
Kants Auffassung der Geschichte ist auf Fortschritt ausgerichtet; er verstand sie als einen Prozess der Befreiung der Menschheit. Dieses Konzept beinhaltet zwei Annahmen: Erstens erleidet die Geschichte keinen dauerhaften Rückschritt; zweitens tendiert der historische Fortschritt auf ein Ziel hin, dessen Erreichung eine fast utopische Aufgabe darstellt. Der Verlauf der Geschichte ist für Kant ein Prozess, durch den menschliche Anlagen gezähmt und kultiviert werden.
Der endgültige Triumph dieser Bestimmungen tritt ein, wenn bestimmte sozio-politische Bedingungen erfüllt sind:
- Eine aufgeklärte Gesellschaft, in der Menschen ihren Verstand frei und öffentlich gebrauchen, ohne von anderen geleitet zu werden.
- Eine Gesellschaft, in der Gerechtigkeit für alle gilt und die Bürger frei sind, im Einklang mit Gesetzen und dem Gebrauch der Vernunft zu handeln.
- Die Gewährleistung der Freiheit der Bürger, etwa durch religiöse und politische Toleranz.
- Dass die Gesetze der Gesellschaft von der Vernunft geleitet werden und nicht von Furcht.
- Die Bildung einer Föderation freier Staaten zur Sicherung gegenseitigen Respekts und zur Vermeidung von Kriegen.
Marx' Philosophie
Der deutsche Philosoph Karl Marx beschäftigte sich mit politischen und sozioökonomischen Fragen. Er überprüfte beide Bereiche und schlug eine Alternative vor; er verstand Philosophie als ein Werkzeug zur Unterstützung der historischen Praxis. Marx' Philosophie erhielt drei wichtige Einflüsse:
- Deutsche Philosophie des 19. Jahrhunderts: Insbesondere der deutsche Idealismus (z. B. Hegel) prägte die historische Interpretation. Feuerbach kritisierte Hegel und schlug eine materialistische Alternative vor, die betont, dass materielle Bedingungen wichtiger sind als rein geistige Ideen. Feuerbach kritisierte außerdem einen naiven Liberalismus, der die Interessen der herrschenden Klasse nicht ausreichend berücksichtigt.
Marx stimmte Feuerbach in Teilen zu, meinte jedoch, dass dieser nicht weit genug ging, und übte Kritik an Feuerbach:
Feuerbach betrachtete die Geschichte eher statisch, während Marx sie als dynamischen Prozess verstand.
Kritik der politischen Ökonomie
Die Kritik der politischen Ökonomie bezieht sich auf die Herausbildung der modernen Wirtschaft seit dem 18. Jahrhundert und auf den kapitalistischen Entwicklungsprozess. Marx identifiziert zwei zentrale Behauptungen, auf denen das liberale Wirtschaftsdenken basiert:
- Der Ursprung des Reichtums liegt in der Arbeit bzw. in der Arbeitskraft.
- Das Gesetz von Angebot und Nachfrage regelt das ökonomische System.
Marx' ökonomische Theorie ist eine radikale Kritik des Liberalismus. Seine These ergibt sich aus der Korrektur zweier grundlegender Fehler:
- Das System, das auf Angebot und Nachfrage basiert, führt zur Ausbeutung der Arbeiter und zur Entfremdung. Der Arbeiter kann nur seine Arbeitskraft anbieten; die Produktionsmittel gehören den Eigentümern.
- Das Gesetz von Angebot und Nachfrage führt zu einer ständigen Ausbeutung des Proletariats: Mehr Wettbewerb drückt die Preise und die Produktionskosten; dies verschlechtert die Arbeitsbedingungen.