Kants Erkenntnistheorie: Kritik der reinen Vernunft

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In der Kritik der reinen Vernunft (KrV) wird die Beantwortung der ersten grundlegenden Frage aufgeworfen: „Was kann ich wissen?“ Die Frage nach den Grenzen unseres Wissens führt zu der Untersuchung, ob eine metaphysische Wissenschaft möglich ist – also ob man wissenschaftlich fundierte Aussagen über die Welt, Gott oder die Seele treffen kann. Nach Kants Ansicht gibt es zwei Bedingungen, die jeder wissenschaftliche Diskurs erfüllen sollte: Universalität (Allgemeingültigkeit) und die Bereitstellung neuer Informationen (Erweiterung der Erkenntnis). Da dies so ist, schlägt er eine grundlegende Veränderung im erkenntnistheoretischen Feld vor: Bisher nahm man an, dass sich unsere Erkenntnis nach den Objekten richten müsse. Kant hingegen betont die Notwendigkeit, dass sich die Objekte nach unseren kognitiven Bedingungen richten müssen. Nur wenn solche Bedingungen a priori existieren, lässt sich die Metaphysik als Wissenschaft entwickeln; andernfalls wird sie als bloße Spekulation in Vergessenheit geraten.

Die Transzendentale Ästhetik

Im ersten Teil der KrV, der transzendentalen Ästhetik, wird entdeckt, dass die Sinnlichkeit das Reservoir der reinen Anschauungsformen ist. Raum und Zeit fungieren als a priori Formen, die das Subjekt mit den Phänomenen vereinen, welche die Welt bietet. Raum und Zeit sind die notwendigen Bedingungen, die es ermöglichen, dass die Mathematik als Wissenschaft existieren kann.

Die Transzendentale Analytik

Im zweiten Teil der KrV, der transzendentalen Analytik, geht es um den Verstand sowie die Fähigkeit, die phänomenale Welt, die aus der Sinnlichkeit resultiert, zu konzipieren und zu beurteilen. Der Verstand ist der Träger der Kategorien. Diese werden als reine Verstandesbegriffe auf die Erfahrungswelt (das Phänomen) angewandt und ermöglichen es uns erst, Urteile zu fällen. Die Kategorien sind die Voraussetzung dafür, dass die Physik als Wissenschaft möglich ist.

Die Transzendentale Dialektik

Im dritten Teil der KrV, der transzendentalen Dialektik, übt Kant Kritik an der theoretischen Vernunft hinsichtlich ihrer zwei Gebrauchsarten. Die theoretische Vernunft vereint in ihrem logischen Gebrauch Urteile durch den Verstand zu Argumenten. Im reinen Gebrauch versucht die Vernunft jedoch, diese Ideen zu ganz allgemeinen Argumenten zu vereinheitlichen. Dabei erzeugt sie metaphysische Ideen (Gott, Seele und Welt) und versucht fälschlicherweise, diesen einen konstitutiven Charakter zuzuschreiben, um ein Wissen über das Unbedingte – das „Ding an sich“ oder das Noumenon – zu erlangen. Kant kommt zu dem Schluss, dass solche Ideen nicht erkannt werden können, da ihnen nichts in der empirischen Welt entspricht. Die Grenze fundierten Wissens ist die Erfahrung, die durch das Transzendentale ermöglicht wird. Die Metaphysik ist somit keine Wissenschaft.

Der Transzendentale Idealismus

Kants transzendentaler Idealismus erklärt, dass das Subjekt die äußere Wirklichkeit in zwei Dimensionen versteht:

  • Das Phänomen: Die empirische Welt der Erscheinungen, die erkennbar ist, da das Subjekt sie durch transzendentale Bedingungen a priori strukturiert.
  • Das Noumenon: Die transzendentale Welt (das Ding an sich), die uns gänzlich unbekannt bleibt.

Das Primat der praktischen Vernunft

Wenn die Wende von Sinnlichkeit und Verstand vollzogen ist, überträgt sie sich auch auf das Reich der Vernunft. Diese Wende bedeutet letztlich das Primat der praktischen Vernunft über die theoretische. Es erfolgt ein Verzicht auf rein theoretische Spekulation zugunsten einer Reflexion, die auf das Handeln abzielt. Das Noumenon ist kein Gegenstand des Wissens mehr, sondern ein Bereich der moralischen Leistung (das ethische „Soll-Sein“). Die Wahrheit ist nicht länger nur ein Gegenstand der Erkenntnis, sondern der Realisierung. Dies impliziert eine neue Konzeption: Kants Philosophie ist nicht mehr nur eine kontemplative Tätigkeit einer Gelehrtenminderheit, sondern ein Instrument zur Verbesserung des menschlichen Lebens.

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