Karl Marx: Biografie, Quellen und Kapitalismuskritik
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1. Biografie und Werke
Geboren 1818 in Deutschland. Er war Sohn eines liberalen Protestanten; Teile der Familie stammten aus jüdischem Hintergrund. Er studierte Rechtswissenschaften, Philosophie und Geschichte in Berlin, wo er dem linken Flügel der Hegelianer angehörte. Er veröffentlichte erste Arbeiten und kam in Kontakt mit sozialen, wirtschaftlichen und politischen Problemen sowie mit anarchistischen Gruppen, Kommunisten und Sozialisten in Paris. Marx wurde wegen seiner Ideen aus mehreren europäischen Städten vertrieben. Er war einer der Gründer der ersten "Internationalen Arbeiterassoziation". Er starb 1883.
Werke: "Das Kapital" (drei Bände) und Beiträge zur Kritik der politischen Ökonomie, verfasst in London, wo er die Ökonomie studierte.
Das Kommunistische Manifest und Thesen
"Das Manifest der Kommunistischen Partei" wurde 1848 zusammen mit Engels veröffentlicht. In den XI Thesen wird betont: Der Charakter des Denkens ist praktisch und revolutionär im marxistischen Sinne. Bis dahin interessierten sich viele Philosophen nur dafür, die Welt zu verstehen; Marx fordert, sie zu verändern.
2. Quellen des Marxismus
2.1 Deutsch: Hegel und Feuerbach
Hegel:
- Hegels Anhänger teilten sich in zwei Gruppen: die rechten Hegelschen, die eine konservative Interpretation vertraten und die Hegelsche Philosophie zur Legitimierung der sozialen und politischen Ordnung verwendeten, ohne das kapitalistische System zu kritisieren; und die linken Hegelschen, die progressive Positionen in der Politik vertraten und die sozialen und politischen Kräfte ihrer Zeit kritisierten, die als nicht vernünftig angesehen wurden.
- Hegel sagt: "Das Wahre ist das Ganze und das Ganze ist wahr", aber Marx bemerkte, dass die Situation der Arbeiterklasse im 19. Jahrhundert nicht rational ist. Rechte Hegelianer nutzten Hegels Satz, um die Interessen der Privilegierten zu rechtfertigen. Marx antwortete, dass Ideologie von Klassen benutzt wird, um die Herrschenden zu dienen.
- Marx übernahm den dialektischen Begriff, aber nicht in derselben idealistischen Form wie Hegel: Dialektik ist für ihn ein notwendiger Prozess der Opposition und Synthese von Gegensätzen. Hegel sieht die Realität dialektisch; Marx wendet die Dialektik auf Geschichte und Ökonomie an. Die ständige Veränderung und Entwicklung in der Geschichte hat für Marx eine innere Logik: These, Antithese und Synthese sind abstrakte Formulierungen zur Erklärung der Wirklichkeit; Verneinung und Integration früherer Realitäten ergeben eine neue Realität.
- Entfremdung: Entfremdung besteht darin, dass der Mensch immer mehr zu etwas wird, das er nicht erkennt. Nach Marx ist der Mensch entfremdet und nicht mehr Herr seiner selbst. In Hegel hat Entfremdung einen theologischen Charakter (der Geist entfremdet sich), bei Feuerbach ist sie religiös (der Mensch entfremdet sich in der Projektion Gottes). Für Marx ist sie ökonomisch: religiöse Entfremdung ist Folge ökonomischer Entfremdung.
Feuerbach:
- Feuerbach ist bekannt für seinen anthropologischen Materialismus. Zwei zentrale Aspekte seiner Philosophie sind seine Kritik am hegelschen Idealismus und seine Religionskritik.
- Wenn Feuerbach die Religion kritisiert, will er ihre Natur erklären: Die Essenz der Religion ist, dass "der Mensch Gott schuf" und nicht umgekehrt; Gott ist Projektion menschlicher Eigenschaften (Weisheit, Macht, Güte).
- Selbstbewusstsein: Der Mensch fühlt sich entfremdet, weil er sein eigentliches Wesen nicht erkennt. Die Kritik der Religion dient dem Menschen, sich selbst als Schöpfer dieser Projektionen zu erkennen. Sobald der Mensch die Entfremdung bewusst erkennt, erkennt er das wahre Wesen der Religion und beginnt die Rückgewinnung seiner Selbst.
2.2 Englisch: Nationalökonomie (Adam Smith und Ricardo)
Der wirtschaftliche Liberalismus ist das Wesentliche des Kapitalismus und setzt sich für eine Gesellschaft mit wenig staatlichem Eingriff in wirtschaftliche Aktivitäten ein. Der Liberalismus produziert Reichtum, führt aber zu ungleicher Verteilung von Wohlstand und zur Ausbeutung der Arbeitskräfte.
Marx glaubt, dass der Kapitalismus entgegen den Annahmen englischer Ökonomen in sich widersprüchlich ist und den Keim seiner Zerstörung trägt. Er war überzeugt, dass die Entwicklung des Kapitalismus zu Krisen führen würde, die Revolutionen auslösen und schließlich in einer neuen Gesellschaft, dem Kommunismus, enden. In einigen Prognosen lag Marx falsch: der Kapitalismus ging nicht in allen Ländern in die von ihm erwartete unmittelbare Krise über, und dort, wo kommunistische Systeme entstanden, entwickelten sich oft Diktaturen, nicht die idealisierten Gesellschaften, die er erwartet hatte.
2.3 Französisch: Sozialismus (Fourier, Saint-Simon, Owen) und Anarchismus (Bakunin und Proudhon)
Der französische Sozialismus wird von Marx als utopisch bezeichnet, im Gegensatz zu seinem eigenen wissenschaftlichen Sozialismus.
Französischer Sozialismus ist utopisch, weil er sich auf Wohlfahrt, Brüderlichkeit und Gleichheit konzentriert, ohne systematische Analyse der bürgerlichen Ökonomie vorzulegen. Marx' Philosophie hingegen basiert auf einer ökonomischen Analyse des Kapitalismus; er betrachtet sich als Soziologe der modernen Gesellschaft.
Beide Traditionen teilen die Sicht, dass die Lage der Arbeiterklasse die zentrale Triebkraft gesellschaftlicher Veränderung ist.
2.4 Hauptquelle der Inspiration
Die elenden Lebensbedingungen der Arbeiterklasse im 19. Jahrhundert waren eine Hauptinspirationsquelle für die marxistische Philosophie: 14-Stunden-Arbeitstage, niedrige Löhne, schlechte Lebensverhältnisse, unselige Arbeitsbedingungen, fehlende Wochenenden oder Urlaub. Besonders betroffen waren berufstätige Frauen und Kinder. Eine der wichtigsten Errungenschaften des Marxismus war die Kritik an diesen Zuständen und der Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse.
3. Marxistische Anthropologie: Praxis und Konzeption des Menschen
Konzeption des Menschen: Marx versteht den Menschen als "Homo faber" (den arbeitenden Produzenten). Produktive Tätigkeit charakterisiert den Menschen im Unterschied zu anderen Tieren; der Mensch muss arbeiten, um zu überleben. Nicht allein als "homo sapiens" (denkender Mensch): diese klassische Definition ist stark von der antiken griechischen Gesellschaft geprägt, wo Arbeit gering geschätzt wurde und dem Denken der Vorrang gegeben war.
- Arbeit als Dreiecksbeziehung: Arbeit verbindet den Menschen mit der Natur, mit sich selbst (als Realisierung seiner Kräfte) und mit anderen Menschen. Arbeit bestimmt, was wir sind, und schafft soziale Beziehungen und historische Kontexte.
- Arbeit und Selbstverwirklichung: In aristotelischen Begriffen dient Arbeit dazu, unsere Fähigkeiten zu aktualisieren. Doch unter kapitalistischen Bedingungen ist Arbeit oft desubjektivierend und entfremdend.
- Mit der Natur: Durch Arbeit verwandelt der Mensch die Natur und gewinnt die Mittel zum Überleben.
- Mit anderen Menschen: Der Mensch arbeitet nicht isoliert; Arbeit findet in einem sozialen Kontext statt und bestimmt die Beziehungen zu anderen Personen.
Welche Art von Arbeit und Gesellschaft trägt zur menschlichen Erfüllung bei? Marx sagt, Arbeit sollte alle unsere Bedürfnisse befriedigen und humanisiert werden. Unter kapitalistischen Verhältnissen ist die Arbeit des Arbeiters jedoch entmenschlichend: Der Arbeiter ist nicht mehr Herr seiner selbst und nicht glücklich. Marx' Antwort lautet: Die kapitalistische Gesellschaft kann den Menschen nicht wirklich hervorbringen; dies ist nur in einer kommunistischen Gesellschaft möglich.
In der kapitalistischen Gesellschaft führen Privateigentum und die Existenz sozialer Klassen zur Entfremdung des Menschen.
4. Marx' Kritik des Kapitalismus: Infrastruktur und Überbau
4.1 Die ökonomische Infrastruktur
Der marxistische Sozialismus ist wissenschaftlich begründet und beginnt mit einer Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse. Das Ergebnis dieser Studie ist die Theorie von Infrastruktur (Basis) und Überbau.
- Wirtschaftliche Infrastruktur oder die materiellen Bedingungen unserer Existenz: die Art der Produktion von Gütern für die Lebensbedürfnisse. Marx zufolge gab es in der Geschichte unterschiedliche Produktionsweisen: asiatische, Sklavenhalter-, feudale und bürgerliche (kapitalistische). Danach kommt nach Marx der kommunistische Modus als endgültige Form.
- Beziehungen der Produktion: Die Produktionsverhältnisse sind die Beziehungen zwischen Menschen, die durch Produktion und Arbeit geschaffen werden und zu sozialen Klassen führen. Diese Beziehungen werden durch Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln bestimmt.
- Produktive Kräfte: Elemente, die für die Produktion notwendig sind: Rohstoffe, Wissen, technische Mittel und die Produktivität der Arbeiter.
4.2 Der Überbau
Der Überbau umfasst die ideologischen und institutionellen Bedingungen unserer Existenz: politisches und rechtliches System, soziale und ideologische Formen des Bewusstseins.
Marx sagt, nicht das Bewusstsein der Menschen bestimmt die soziale Wirklichkeit, sondern umgekehrt: die gesellschaftliche Realität bestimmt das Bewusstsein. Es besteht eine dialektische Wechselbeziehung zwischen Infrastruktur und Überbau: Änderungen in der Infrastruktur wirken sich auf den Überbau aus.
Der Überbau beinhaltet Ideologien, die von der herrschenden Klasse genutzt werden, um die bestehende Ordnung zu legitimieren. Typen von Ideologien sind:
- Rechtliche Ideologie: Gesetze. Mächtige Gruppen (Bourgeoisie) haben oft Zugang zu Bildung und wirtschaftlicher Macht und gestalten Gesetze zu ihren Gunsten.
- Politische Ideologie: Institutionen und Regelungen, die die Herrschaft der Bourgeoisie stabilisieren.
- Religiöse Ideologie: Religion dient oft den herrschenden Klassen, verhindert sozialen Wandel und trägt nicht zur Beseitigung von Ungleichheit bei. "Die Religion ist das Opium des Volkes" — sie rechtfertigt das Leiden der Arbeiter und betäubt den revolutionären Geist.
- Philosophische Ideologie: Viele traditionelle philosophische Auffassungen sind theoretisch und legitimieren die gesellschaftliche Ordnung; Marx' Philosophie ist dagegen kritisch, praktisch und revolutionär und will helfen, die Welt zu verändern.
Der Überbau korreliert mit der wirtschaftlichen Infrastruktur: Er legitimiert bestehende soziale Verhältnisse und dient der herrschenden Klasse. Ideologien verschleiern die Realität und legitimieren damit die bestehenden Verhältnisse.
5. Entfremdung: ökonomisch und ideologisch
Entfremdung bedeutet, aus sich selbst herauszutreten und etwas zu erkennen, das wir nicht sind oder nicht wiedererkennen. Bei Hegel hat Entfremdung theologischen Charakter (der Geist entfremdet sich); bei Feuerbach ist sie religiös (der Mensch entfremdet sich in der Projektion Gottes). Marx sieht Entfremdung als ökonomisch bedingt: das Objekt der Entfremdung ist der Arbeiter, weil ökonomische Verhältnisse tiefere Formen der Entfremdung erzeugen.
Ursachen der ökonomischen Entfremdung
- Der Arbeitnehmer ist entfremdet von der produktiven Tätigkeit und vom Produkt dieser Tätigkeit; das Produkt gehört nicht dem Arbeitnehmer.
- Arbeit wird nicht als positive Erfahrung der Kreativität und Selbstverwirklichung begriffen, sondern als Ort des Leidens und der Beschränkung körperlicher und geistiger Kräfte.
- Der Arbeiter fühlt sich wie ein Instrument zur Herstellung von Dingen und nicht als freie Person.
- Das Produkt wird verkauft; der Arbeiter erhält einen geringen Lohn, der unter dem Wert des Produkts liegt. Die Differenz zwischen dem Marktwert des Produkts und dem Wert der Arbeitskraft nennt Marx Mehrwert, der als Profit der Bourgeoisie erscheint.
- Der Arbeiter ist entfremdet von der Natur, weil Privateigentum im kapitalistischen System herrscht: Natur dient der Bereicherung des Eigentümers, nicht dem freien Gebrauch aller.
- Beziehungen zu anderen sind entfremdend: Zugehörigkeit zu verschiedenen Klassen führt zu egoistischen, spaltenden und wettbewerblichen Beziehungen, selbst innerhalb derselben Klasse.
Es gibt andere Arten der Entfremdung (rechtlich, politisch, philosophisch, religiös), die alle von ökonomischen Bedingungen abhängen.
Religiöse bzw. ideologische Entfremdung
Die religiöse Entfremdung hat wirtschaftliche Ursachen: Der Mensch projiziert sein wahres Selbst in eine religiöse Scheinwelt und sucht dort das Glück, das innerhalb der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht zu finden ist. Religion betäubt das Volk. Marx kritisiert Feuerbach: Um religiöse Entfremdung zu überwinden, ist eine soziale Revolution nötig. Diese Entfremdung kann nicht allein durch intellektuelle Kritik beseitigt werden; die Kritik der Religion ist wenig wert, wenn sie nicht von einer kritischen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Praxis begleitet wird. Man kann die gesellschaftliche Ordnung nicht bloß durch philosophisches Nachdenken ändern; die Veränderung muss durch die soziale Revolution der unterdrückten Klasse (Proletariat) und durch die Abschaffung des Privateigentums erfolgen.
6. Jenseits des Kapitalismus: zur kommunistischen Gesellschaft
Für Marx ist das kapitalistische System widersprüchlich und trägt den Keim seiner Zerstörung in sich. Er argumentiert, dass die Entwicklung der produktiven Kräfte des Kapitalismus ein Ungleichgewicht zu den bestehenden Produktionsverhältnissen schafft. Dies führt zu Krisen; die Krise kann in Revolutionen münden, die den Übergang zu einer neuen Gesellschaft, dem Kommunismus, bewirken.
Das kapitalistische System erzeugt wachsende Ungleichheit: Einige besitzen immer mehr, während die proletarische Masse verarmt. Das System ist starr gegen Aufstieg von unten (ein Proletarier kann kaum Unternehmer werden), während Akteure von oben nach unten fallen und damit zum Proletariat werden können. Kapitalismus tendiert zur Monopolisierung und zur Konzentration des Kapitals in wenigen Händen.
Zur Schaffung einer neuen sozialen Ordnung sind zwei Dinge erforderlich: die kritische Arbeit der Philosophie und der revolutionäre Geist des Proletariats, weil das Proletariat sich nicht automatisch seiner Ausbeutung bewusst ist. Es braucht jemanden, der sein Bewusstsein weckt: die Philosophie.
Der Übergang zur kommunistischen Gesellschaft umfasst nach Marx mehrere Phasen:
- Diktatur des Proletariats: Das Proletariat erkennt seine Ausbeutung und ergreift durch Macht und auch Zwangsmaßnahmen die Produktions- und Verkehrsmittel zugunsten des Staates bzw. der Gesellschaft. Der Sozialismus ist eine Phase, in der der Staat für die Organisation des gesellschaftlichen Lebens, die Verteilung des Reichtums und die Kontrolle verantwortlich ist, um die Wiederherstellung von Privateigentum und die Rückkehr zu Klassensystemen zu verhindern.
- Kommunismus: In dieser Endphase gibt es kein Privateigentum mehr; die Gesellschaft als Ganzes ist Eigentümerin der produktiven Kräfte. Klasseninteressen und der Staat verschwinden nach und nach, da sie nicht mehr notwendig sind. In einer solchen Gesellschaft gilt: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen."
7. Verbindungen mit anderen Autoren
7.1 Rückbezüge: Kant
Kant und Marx teilen eine teleologische Sicht der Geschichte (Geschichte steuert auf ein Ende hin), wenn auch mit unterschiedlichem Ziel: Für Kant führt der Weg zu einer liberalen und aufgeklärten Gesellschaft; für Marx führt er zur kommunistischen Gesellschaft. Beide sind optimistisch bezüglich der Zukunft der Menschheit. Beide stehen in Beziehung zu Hegel, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Hegels Philosophie kann als idealistische Weiterentwicklung der kantischen Transzendentalphilosophie gesehen werden; Marx kritisiert jedoch den Hegelschen Idealismus und wendet die Dialektik materialistisch an.
Die Konzeption des Menschen unterscheidet sich deutlich: Für Kant ist der Mensch primär "homo sapiens", für Marx "Homo faber". Kantische Philosophie betont Aufklärung und die bürgerliche Revolution; Marx' Revolution ist die der Arbeiterklasse in der industriellen Gesellschaft.
7.2 Postereferenzen: Popper
Karl Popper ist einer der Kritiker des Marxismus: Er sieht im Marxismus keine empirisch prüfbare Wissenschaft, sondern eine Überzeugungslehre, die nach Popper durch die Entwicklungen im 20. Jahrhundert widerlegt worden sei. Popper hält den Marxismus für moralisch verantwortlich für Unterdrückung in kommunistischen Diktaturen. Marx' Philosophie war jedoch nach wie vor einflussreich.
8. Kommentar zum Text: "Zur Kritik der politischen Ökonomie"
Der Text hat teilweise autobiographischen Charakter. Marx berichtet in der Ich-Form über seine persönliche und intellektuelle Entwicklung. In den Absätzen 4–8 stellt er seine Theorien und grundlegenden Ideen zur historischen Entwicklung der Gesellschaft dar. Die Ideen des historischen Materialismus werden hier vorgestellt. Eine zentrale Aussage lautet: Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das die soziale Wirklichkeit bestimmt, sondern umgekehrt — die soziale Wirklichkeit bestimmt das Bewusstsein.
Der Text lässt sich in mehrere Teile gliedern:
- Teil I: Vorgriff auf den Inhalt des Buches: das Studium der bürgerlichen politischen Ökonomie bzw. der Bourgeoisie und der kapitalistischen Produktionsweise.
- Teil II: Biographische Fakten: Studium von Rechtswissenschaften, Geschichte und Philosophie; Tätigkeit als Redakteur der "Rheinischen Zeitung" (die ihn mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen Problemen in Kontakt brachte); erste Kenntnisse des französischen Sozialismus und Kommunismus; Aufgabe der Redaktion aus politischen Gründen (Zensur) und intellektueller Rückzug.
- Teil III: Zentraler Teil: wichtigste Ideen zur sozialen, wirtschaftlichen und historischen Entwicklung der Gesellschaft. Marx formuliert das Ergebnis einer kritischen Überprüfung des rechten Hegelschen Denkens: Politische und rechtliche Formen sind durch materielle Bedingungen bestimmt. Die Politik und das Recht spiegeln die ökonomische Basis der Gesellschaft wider. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bestimmt die sozialen, politischen und kulturellen Formen.
- Entwicklung der produktiven Kräfte erzeugt ein Ungleichgewicht zu den Produktionsverhältnissen; dieses Missverhältnis führt zu Krisen, die in Revolutionen münden können. Quantitative Entwicklung der produktiven Kräfte kann eine kritische Schwelle erreichen, ab der qualitative Veränderungen möglich werden. Veränderungen der Produktivkräfte führen zur Errichtung neuer Produktionsverhältnisse. Marx beschreibt die verschiedenen Produktionsmodi: asiatisch, sklavisch, feudal, kapitalistisch (bürgerlich) und schließlich kommunistisch als letzte Stufe.
- Teil IV: Marx spricht von seinem Freund und Mitarbeiter Engels. Beide kamen auf unterschiedlichen Wegen zu ähnlichen Schlussfolgerungen: der eine aus der Kritik der hegelschen Philosophie, der andere aus der kritischen Erforschung der englischen Ökonomie. Erwähnte Werke sind z. B. "Das Kommunistische Manifest" oder "Das Elend der Philosophie". Marx wollte zeigen, dass sein Sozialismus wissenschaftlich fundiert und nicht utopisch war, indem er eine materialistische Theorie der geschichtlichen Entwicklung und eine ökonomische Analyse des Kapitalismus vorlegte.
- Teil V: Epilog: Marx bittet um eine konstruktive und objektive Auseinandersetzung mit seinen Ansichten, frei von Vorurteilen. Er betont, dass seine Auffassungen, entgegen denen der herrschenden Klasse, das Ergebnis intensiven Studiums und gründlicher Forschung sind.