Der lateinamerikanische Roman: Geschichte und Boom

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1) Der neue lateinamerikanische Roman

In den 1940er und 1950er Jahren begann das Experimentieren mit neuen Formen des Erzählens. Diese Änderung in der lateinamerikanischen Erzählkunst deckt sich mit einer Zeit tiefgreifender sozialer Veränderungen auf dem Kontinent, einem spektakulären Wachstum der Großstädte und einer Wirklichkeit, die sich zunehmend von den postkolonialen ländlichen Gebieten des 19. Jahrhunderts entfernte.

Literarische Strömungen und Inhalte

In Bezug auf den Inhalt existieren mehrere Trends nebeneinander:

  • Die metaphysischen Erzählungen von Jorge Luis Borges und José Lezama Lima.
  • Die existenzialistische Erzählweise von Juan Carlos Onetti und Ernesto Sabato.
  • Der Magische Realismus (oder lo real maravilloso) von Miguel Ángel Asturias, Alejo Carpentier und Gabriel García Márquez.

Formale Merkmale der neuen Erzählung

Der Erzähler

Der allwissende Erzähler wird zwar nicht endgültig aufgegeben, weicht jedoch oft dem Protagonisten-Erzähler, einer Zeugenfigur oder einer multiplen Perspektive. Häufige Techniken sind der innere Monolog und der Bewusstseinsstrom (Stream of Consciousness).

Die Zeitstruktur

Die lineare Zeit wird durchbrochen. Zum Einsatz kommen Ressourcen wie Zeitumkehr, parallele oder verschachtelte Geschichten sowie temporäre Unterbrechungen.

Die Sprache

Die syntaktische Verarbeitung, das Tempo der Prosa und die Macht der Suggestion durch Bilder erreichen oft einen barocken Stil (deutlich erkennbar zum Beispiel in "Explosion in einer Kathedrale").

Wichtige Tendenzen im Detail

a) Metaphysische Erzählweise

Diese befasst sich mit transzendenten Problemen. Jorge Luis Borges schrieb Werke wie "Universalgeschichte der Niedertracht" (1935), eine Sammlung fiktiver Biografien legendärer Figuren, sowie "Fiktionen" (1944) und "Das Aleph" (1949). Er behandelt Themen wie Unsterblichkeit, Unendlichkeit, Wissen und die Bestimmung des Menschen.

José Lezama Lima erlangte große Berühmtheit mit "Paradiso" (1966). In einer extrem barocken Sprache schildert er das komplexe Innenleben des Protagonisten von der Kindheit bis zum 25. Lebensjahr. Existenzielle und metaphysische Bedenken ziehen sich konsequent durch diese umfangreiche Autobiografie.

b) Existenzielle Erzählweise

Hier steht die Reflexion über die Condition humaine im Vordergrund. Diese Sorgen, typisch für die westliche Kultur des 20. Jahrhunderts und verstärkt nach dem Zweiten Weltkrieg, haben zwei Hauptakteure: den Uruguayer Juan Carlos Onetti (pessimistische Sicht des Daseins) und den Argentinier Ernesto Sabato, dessen Romane in die Geheimnisse der menschlichen Existenz eintauchen.

Ernesto Sabato: Trotz seiner wissenschaftlichen Ausbildung als Kernphysiker wandte er sich der Literatur zu. Beeinflusst von Psychoanalyse und Existenzialismus lehnte er den wissenschaftlichen Positivismus ab und widmete sich der täglichen Angst des leidenden Menschen. Seine Romane sind Untersuchungen über den menschlichen Geist, die Grenzen von Wahnsinn und Klarheit sowie das Rätsel der Existenz. In "Der Tunnel" (1948) erzählt er eine Geschichte von Liebe, Wahnsinn und Isolation. Der Protagonist Castel befindet sich in einem metaphorischen Tunnel der Einsamkeit, der ihn daran hindert, anderen Menschen – insbesondere der geliebten Maria – nahezukommen. In "Über Helden und Gräber" (1961) thematisiert er die Frustration durch Elend, das Scheitern von Idealen und soziale Korruption.

c) Magischer Realismus

Ein Hauptmerkmal ist der Bruch mit dem traditionellen Realismus durch mythische, legendäre und magische Elemente. Diese phantastischen Elemente sind in der amerikanischen Realität präsent, die sich stark von der europäischen unterscheidet. Da das Außergewöhnliche mit dem Alltäglichen vermischt wird, bleibt die Handlung glaubwürdig. Alejo Carpentier prägte hierfür den Begriff "lo real maravilloso".

  • Miguel Ángel Asturias: Sein Werk verbindet das "wunderbare" Amerika mit Sozialkritik. "Der Herr Präsident" (1946) ist ein Paradebeispiel für den Diktatorenroman.
  • Alejo Carpentier: In "Das Reich von dieser Welt" (1949) erklärt er seine Theorie des Magischen Realismus. Sein Werk "Explosion in einer Kathedrale" (1962) ist ein Meisterwerk des barocken Stils.
  • Julio Cortázar: Sein Roman "Rayuela" (1963) ist eine Art Erzähl-Collage, deren Kapitel in unterschiedlicher Reihenfolge gelesen werden können. Das Grundthema ist die existenzielle Suche des Menschen.
  • Augusto Roa Bastos: In "Ich, der Allmächtige" (1974) erzählt er die Geschichte des Diktators Dr. Francia und beleuchtet die Aspekte absoluter Macht.
  • Juan Rulfo: Sein Meisterwerk "Pedro Páramo" (1955) markiert den Höhepunkt des mexikanischen Romans. Durch innere Monologe und abrupte Perspektivwechsel wird die Geschichte von Comala erzählt – einem verlassenen, verfluchten Ort, an dem die Toten in ihren Gräbern sprechen.

2) Der lateinamerikanische Roman seit 1960 (Der Boom)

In den 1960er Jahren erlangte die lateinamerikanische Erzählkunst internationale Bedeutung. Dies ist die Basis des sogenannten "Booms". Viele Autoren wie Vargas Llosa, García Márquez und Cortázar lebten im europäischen Exil, was das öffentliche Interesse steigerte. In diesen Jahren wurden bedeutende Werke wie "Über Helden und Gräber" (1961) und "Paradiso" (1966) veröffentlicht.

Die wichtigsten Vertreter des Booms

  • Gabriel García Márquez: "Hundert Jahre Einsamkeit" (1967) erzählt die Sage der Familie Buendía im mythischen Macondo.
  • Carlos Fuentes: "Der Tod des Artemio Cruz" (1962) wirft einen kritischen Blick auf die mexikanische Revolution aus verschiedenen Erzählperspektiven.
  • Mario Vargas Llosa: "Die Stadt und die Hunde" (1963) spielt in einer Militärschule in Peru und kritisiert die dort herrschende Gewalt durch Techniken wie den inneren Monolog.

Weitere bedeutende Autoren und Autorinnen

  • Augusto Monterroso: Bekannt für seine Kürzestgeschichten, wie etwa: "Als er aufwachte, war der Dinosaurier immer noch da."
  • Isabel Allende: Erlangte 1982 Weltruhm mit "Das Geisterhaus", das die Geschichte Chiles bis zur Diktatur Pinochets nachzeichnet.
  • Laura Esquivel: Ihr bekanntestes Werk "Bittersüße Schokolade" (Como agua para chocolate) verbindet Familienschicksale mit der Zeit der mexikanischen Revolution.

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