Luthers Sprache und der höfische Wortschatz: Einfluss und Bedeutung
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Luthers sprachliche Bedeutung
Luthers Rolle in der Entwicklungsgeschichte der deutschen Sprache ist nicht zu unterschätzen. Zwar ist er nicht der „Schöpfer des Neuhochdeutschen“, wie einst behauptet wurde, aber er hat sich einer bestimmten Schreibtradition, der ostmitteldeutschen, angeschlossen, hat diese vervollkommnet und sie durch seine Tätigkeit als Reformator zum Gemeingut und zum Vorbild machen können. Luther arbeitete bis zu seinem Tod an der Bibelsprache, änderte und verbesserte, was an den verschiedenen Ausgaben erkennbar ist.
Luther hatte eine seltene Sprachbegabung. Seine Sprache ist neu in dem Sinne, dass sie verschiedene Traditionen und Tendenzen vereinigt. Einerseits schliesst er sich einer überlandschaftlichen Sprachform an und folgt, wie er selbst sagt, der Sprache der sächsischen Kanzlei, so dass ihn sowohl Ober- als auch Niederdeutsche verstehen können. Andererseits betrifft dies jedoch nur Rechtschreibung, Lautstand, Formen und teilweise Wortwahl. Er übernimmt aber nicht den vom Latein abhängigen Satzbau und die Wortbildung der Kanzleisprache, sondern bemüht sich um einen klaren Stil. Hierbei lernte er viel von der gesprochenen Volkssprache: den einfachen Stil, den Gebrauch von einfühlenden Modalpartikeln (ja, doch, denn…) und die Vorliebe für eine bildhafte Ausdrucksweise mit Metaphern, Redensarten und Sprichwörtern, die man auch in der polemischen Literatur jener Zeit wiederfindet.
Luther legte selbst eine Sammlung von Sprichwörtern an, und manche seiner Formulierungen sind auch zu Sprichwörtern geworden. Luthers Stil ist aber auch durchdacht; er verwendete geschickt die Stilmittel der Rhetorik wie Hervorhebung durch synonyme Ausdrücke, Steigerung, rhetorische Fragen usw. Luthers Wortschatz war außergewöhnlich gross. Von seinem umfassenden Studium her kannte er u.a. die Rechtssprache und die Sprache der Mystiker, die ihn zu vielen neuen Wortbildungen inspirierte: Feuereifer, friedfertig, lichterloh, usw.
Manche mitteldeutsche und niederdeutsche Wörter sind durch Luther in den nhd. Wortschatz aufgenommen worden. Anfangs mussten noch oberdeutsche Wortlisten zu seiner Bibelübersetzung herausgegeben werden, bald aber wurden Luthers Wörter auch auf oberdeutschem Gebiet verstanden: Luther-Oberdeutsch // fett-feist // freien-Werben.
Obwohl Luther keine sprachlichen Regeln aufstellte, hatte seine Sprache eine normative Kraft. Seine Werke könnten mit einem heutigen Massenmedium verglichen werden: Die Bibelübersetzung, seine Kirchenlieder, der Katechismus und die Postille sind mehr als andere Bücher gelesen, vorgelesen und auswendig gelernt worden, und ihre Sprache erlangte ausserdem durch den religiösen Inhalt eine besondere Geltung.
Der höfische Wortschatz
Die gesellschaftlichen Veränderungen spiegeln sich – wie immer – im Wortschatz wider. Für den neuen Lebensstil wird ein neuer, erweiterter Wortschatz gebraucht, der teils durch Neubildungen und Bedeutungswandel deutscher Wörter, teils durch Entlehnungen aus dem Französischen entsteht. Mit der Übernahme der französisch-provenzalischen gesellschaftlichen Lebensform drangen auch viele französische Wörter in die Sprache der Ritter ein, meist durch das Mittelniederländische über Flandern vermittelt, wo die romanische höfische Kultur zuerst Eingang fand.
Die höfische Dichtung enthält eine Fülle französischer Lehnwörter, die das ritterliche Leben widerspiegeln; für Kampfspiele, Unterhaltung, Kleidung und kostbare Handelswaren. Viele dieser Lehnwörter versteht man heute nicht mehr ohne Wörterbuch, da sie mit der Ritterkultur verschwunden sind: garzûn (garzon), schapel (chapel). Andere haben sich in der Standardsprache eingebürgert: Abenteuer (aventure), ein Modewort für die gefährlichen Begegnungen der Ritter, über die das höfische Publikum gern Erzählungen hörte; Lanze (lance), fein (fin). Dass das Gefühl soziale Unterschiede ausgeprägt war, zeigt sich in der neuen Anredeform ir – 2. Pers. Plur. –, die sich nach französischem Vorbild neben dem alten du einbürgerte.
Zusammen mit Lehnwörtern wie turnieren, partieren… gelangten auch die beiden Suffixe -ieren und -ie in das Deutsche und wurden in der Wortbildung produktiv: hausieren, Zauberei, Fischerei… Die Betonung der letzten Silbe verrät die fremde Herkunft dieser Suffixe. Eine Erinnerung daran, dass besonders das flandrische Rittertum als Vorbild galt, sind z.B. die aus dem Mittelniederländischen übernommenen unverschobenen Formen Wappen und Töpel.
Beim Übersetzen mittelhochdeutscher Texte macht man leicht den Fehler, die mhd. Wörter in der heutigen Bedeutung verstehen zu wollen. Man darf aber nicht vergessen, dass in manchen Fällen Bedeutungsveränderungen eingetreten sind: arebeit (Arbeit) = Mühsal, mügen (mögen) = Vermögen, maget (Magd) = Mädchen. Andere Wörter spiegeln die Normen der damaligen Oberschicht der Gesellschaft wider, das höfische Ideal, und lassen sich nicht übertragen, ohne dass gleichzeitig der soziale und kulturelle Hintergrund erklärt wird: zuht (Zucht), milde (mild), reht (Recht). Aus Ritterzeit stammen mehrere noch heute gebräuchliche Redensarten, z.B. einem die Stange halten (“jds Meinung unterstützen”), eine Lanze für einen brechen (“für jdn eintreten”).