Menschliche Motivation: Von Mangel zu Fülle – Maslows Meta-Bedürfnisse

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Breiter Rahmen der menschlichen Motivation

Der Mensch wird nicht nur durch Defizitbedürfnisse motiviert, sondern auch durch ein anderes Prinzip: das Potenzial. Die menschliche Existenz ist nicht nur durch Mangel, sondern auch durch Potenzial gekennzeichnet.

Unterscheidung: Mangel (Entbehrung) und Potenzial

Definition von Mangel (Defizit)

Mangel (Entbehrung) ist das Fehlen von etwas, das ein Mensch benötigt, sei es physiologisch (z. B. Sicherheit) oder psychisch (z. B. Intimität).

Definition von Potenzial

Potenzial ist eine innere Kraft für das Wachstum, die durch den Einsatz des Bewusstseins zur persönlichen Entwicklung (Selbstverwirklichung) führen kann.

Die beiden allgemeinen Bedürfnisse des Menschen sind:

  • Die allgemeine Notwendigkeit, Mängel zu beheben (Defizitbedürfnisse).
  • Die allgemeine Notwendigkeit, das Potenzial zu entfalten (Meta-Bedürfnisse).

Mangelbedürfnisse und Meta-Bedürfnisse sind spezifisch integrierte Bedürfnisse.

Motivation aus Sicht dieser Unterscheidung

Die einfache Motivation ist die untere Ebene der Motivation, in der die Mangelbedürfnisse angesiedelt sind.

Die Zielmotivation ist die oberste Ebene, die durch die Meta-Bedürfnisse repräsentiert wird.

Die hierarchische Überlegenheit der Meta-Bedürfnisse gegenüber den Mangelbedürfnissen ist gegeben. Die Zielmotivation steht in der Rangfolge der Motive höher, da sie aus einem höheren Antrieb resultiert und ein höheres Ziel verfolgt.

Koexistenz zweier menschlicher Tendenzen

Im Menschen koexistieren zwei Tendenzen: die Tendenz zur Angemessenheit (Suffizienz) und die Tendenz zur Perfektion (Vollkommenheit).

Da die menschliche Motivation zwei übergeordnete Ziele hat (Angemessenheit und Perfektion), besitzt der Mensch auch zwei entsprechende Motivationstrends.

Formen der Positivität: Einfache Positivität und Ziel-Positivität

Die beiden Ziele der menschlichen Motivation, Angemessenheit und Perfektion, führen zu positiven und erfreulichen Lebensereignissen.

Suffizienz (Angemessenheit)

Suffizienz ist ein Zustand der Zufriedenheit, der erreicht wird, wenn ein spezifischer Mangel behoben wurde.

Perfektion (Vollkommenheit/Fülle)

Perfektion ist der Zustand der Fülle, der maximal erreicht wird, indem das eigene Potenzial entfaltet wird.

Fülle (Vollkommenheit) und Zufriedenheit (Vollständigkeit) sind die Formen des positiven Lebens: Erstere ist die Ziel-Positivität (Meta-Positivität), Letztere die Einfache Positivität.

Formen der Negativität

Das menschliche Leben kennt zwei negative Situationen, die den positiven Situationen gegenüberstehen:

Mangel (Entbehrung)

Mangel wird definiert als die Entbehrung, die ein Mensch aufgrund eines unbehobenen Defizits erfährt.

Nicht-Realisierung (Unerfülltheit)

Nicht-Realisierung (Irrealisierung) wird definiert als eine Situation des Mangels an Selbstentwicklung, obwohl die menschliche Fähigkeit dazu vorhanden wäre.

Der Prozess der menschlichen Entwicklung

Die volle menschliche Entwicklung ist nach Maslow ein Prozess, der von der Behebung des Mangels zur Perfektion führt, nicht nur zur Angemessenheit.

Skala der Lebensereignisse

  • Positives Ziel (Perfektion – Fülle): Meta-Positivität
  • Positive Lebensumstände (Suffizienz – Zufriedenheit): Einfache Positivität
  • Negative Lebenssituation (Mangel – Entbehrung): Negativität

Mangelbedürfnisse und Meta-Bedürfnisse sind zu zwei verschiedenen Zeitpunkten in diesem Prozess beteiligt. Das Mangelbedürfnis motiviert zur positiven Überwindung des Mangels, was zur Angemessenheit führt (negativ motiviert, positiv erreicht). Das Zielbedürfnis motiviert zur Überwindung der Suffizienz; es ist rein positiv motiviert und zielt auf die Erreichung der Vollkommenheit (positives Ziel).

Merkmale der Fülle (Meta-Positivität)

Die Fülle weist drei Merkmale auf, die sie als positives Ziel auszeichnen und von der einfachen Zufriedenheit abgrenzen:

  1. Um Fülle zu erreichen, ist es wichtig, zuvor einen anderen positiven Zustand (Zufriedenheit) erreicht zu haben.
  2. Um Fülle zu erreichen, müssen beide Formen der Negativität (Mangel und Nicht-Realisierung) überwunden werden, nicht nur eine.
  3. Während Zufriedenheit vorübergehend eine Lücke repariert, den Menschen aber nicht in einen darüber hinausgehenden Zustand versetzt, etabliert die Fülle selbst diesen neuen Zustand jenseits des Mangels.

(Zufriedenheit und Entbehrung sind konsistent, aber Mangel und Fülle sind antithetisch.)

Peak-Erfahrungen (Gipfelerlebnisse)

Gipfelerlebnisse sind intensive psychologische Erfahrungen, die tiefgreifende Auswirkungen auf das menschliche Selbst haben. Diese ekstatischen Momente des Lebens zeichnen sich durch ein Gefühl der totalen Befriedigung und ein begleitendes Gefühl der Vollkommenheit aus.

Der Supra-Mangel-Zustand des Lebens

Jenseits des Lebenszustandes, der durch Defizite definiert wird (Mangel-Zustand), existiert ein anderer Zustand, der durch Fülle definiert wird (Supra-Mangel-Zustand).

Mangel und Suffizienz sind Situationen, die im ersten Zustand auftreten. Perfektion ist eine Situation, die im zweiten Zustand auftritt.

Ein Mensch, der einen umfassenden Entwicklungsprozess durchläuft, wechselt vom Mangel-Zustand in den Supra-Mangel-Zustand.

Interpretation der Meta-Bedürfnisse

Die beiden menschlichen Tendenzen – die Tendenz zur Angemessenheit und die Tendenz zur Perfektion – sind Wachstumstrends. Erstere ist jedoch nicht transzendierend, während Letztere es ist.

Da der Trend zur Perfektion eine transzendierende Tendenz ist und aus den Meta-Bedürfnissen resultiert, können diese als Transzendenz-Bedürfnisse interpretiert werden.

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