Multikulturelles Großbritannien: Identität und Literatur

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Multikulturelles Großbritannien: Identität und Englischsein

Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte in Großbritannien ein massiver Arbeitskräftemangel. Im Jahr 1948 kamen jamaikanische Einwanderer ins Vereinigte Königreich, um die Industrie und grundlegende Dienstleistungen wieder aufzubauen. Diese Einwanderungsbewegung löste tiefgreifende soziale und kulturelle Veränderungen aus.

Historische Stereotype und Dekonstruktion

Bis zu diesem Zeitpunkt wurden koloniale Völker oft als „monströs“, „wild“ oder „irrational“ dargestellt – ähnlich wie Tiere oder Kannibalen. Diese Herabwürdigung diente dazu, sie als unfähig zur Selbstverwaltung darzustellen und die koloniale Kontrolle zu legitimieren. Die ersten Einwanderer begannen, diese sozialen und literarischen Stereotype zu dekonstruieren.

Literatur der ersten Generation

Die Schriftsteller dieser Zeit nutzten oft den Bildungsroman, um die riskante Reise der Protagonisten zu einem idealisierten Mutterland zu erkunden. Die Erzählungen der ersten Generation spiegeln die harten Schwierigkeiten wider, mit denen sie konfrontiert waren, während sie sich gleichzeitig von ihrer eigenen Heimat entfremdeten.

Andrea Levy: Small Island

Levys Roman Small Island thematisiert das Leben jamaikanischer Einwanderer, die in der RAF dienten. Das Werk beleuchtet aus verschiedenen Perspektiven, wie Großbritannien versuchte, seine imperiale Identität in einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft zu bewahren. Der Roman ist polyphon strukturiert und nutzt vier Stimmen (männlich, weiblich, schwarz, weiß), um Vorurteile und rassistische Missverständnisse aufzuzeigen.

Die zweite Generation und Zadie Smith

Die zweite Generation der Einwanderer profitierte von besseren wirtschaftlichen Bedingungen und sozialem Aufstieg. Zadie Smiths Roman White Teeth stellt die zentrale Frage: „Was bedeutet es, englisch zu sein?“ Durch die Lebensgeschichten dreier Einwandererfamilien (Arbeiterklasse-Engländer, schwarze Jamaikaner, muslimische Einwanderer sowie deutsche und polnische Einwanderer) hinterfragt sie das etablierte Konzept des „Englischseins“ und spottet über den traditionellen Kanon.

Postmoderne Perspektiven: Caryl Phillips

Caryl Phillips setzt sich in seinen Werken kritisch mit der Geschichte auseinander:

  • Crossing the River: Ein Roman ohne lineare Handlung, der die afrikanische Diaspora durch eine fragmentierte Struktur widerspiegelt – ein Symbol für die Zerstörung von Gedächtnis, Land und familiären Bindungen.
  • The Nature of Blood: Ein historischer Roman, der Vergangenheit und Gegenwart verwebt (von jüdischen Flüchtlingslagern in Zypern bis zu Vernichtungslagern in Deutschland).

Ein wichtiges Merkmal dieser postmodernen historischen Romane ist das Umschreiben von Ereignissen aus der Sicht derer, die in der traditionellen Geschichtsschreibung ignoriert oder zum Schweigen gebracht wurden. Dabei wird insbesondere der Ausschluss von Frauen von der Macht thematisiert.

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